Jüdisches Leben

Antisemitismus in Nürnberg: "Würde nicht mit Kippa über den Plärrer gehen"

Ressort: Lokales Online..Datum: 18.10.16..Foto: Edgar Pfrogner..Motiv: Kreatives Frühstück, Porträt Wolfgang Heilig-Achneck, Mitarbeiterportrait
Wolfgang Heilig-Achneck

Lokalredaktion

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22.5.2021, 11:07 Uhr
Die Sicherheitsvorkehrungen rund um jüdische Einrichtungen mussten erheblich verstärkt werden, hier zum Beispiel vor der Synagoge von Erfurt. Dabei wünschen sich die Juden in Deutschland vor allem eins: dass derartige Maßnahmen nicht nötig wären. 

Die Sicherheitsvorkehrungen rund um jüdische Einrichtungen mussten erheblich verstärkt werden, hier zum Beispiel vor der Synagoge von Erfurt. Dabei wünschen sich die Juden in Deutschland vor allem eins: dass derartige Maßnahmen nicht nötig wären.  © Martin Schutt

Der erstarkende Antisemitismus treibt Gesellschaft und Politik schon länger um, seit den jüngsten Gewaltexzessen in Nahost haben verbreitete Ressentiments und Formen von Aggression an Schärfe noch dramatisch zugenommen. Auch bei einer Online-Veranstaltung, die eigentlich der Frage nach dem "Umgang mit jüdischen Lebens in Nürnberg" gewidmet war, sorgte das für eine vielleicht nicht ganz überraschende Wendung.

Denn es wurde deutlich, dass die viel beschworene Sicherheit im öffentlichen Raum für Menschen, die als Juden erkennbar werden, womöglich doch nicht ganz so gewährleistet ist wie gerne behauptet - auch wenn das politische Klima in Nürnberg weniger aufgeheizt sein mag wie etwa in Berlin. "Ich traue mich jedenfalls nicht, mit Kippa über den Plärrer zu gehen", wagte sich einer der Teilnehmer bei dem Gespräch aus der Deckung, zu dem das Jüdische Forum in der CSU eingeladen hatte. "Jetzt fallen uns die in Jahrzehnten angestauten Defizite bei der Integration auf die Füße - und die jüdischen Deutschen trifft es besonders."

Gefahr von Extremisten

Der von radikalen Muslimen vertretene und geschürte Antisemitismus müsse also, so die Forderung, als Problem endlich ebenso wahr- und ernstgenommen werden wie der aus dem rechtsextremen Lager. Die Angst vor Gefahr aus genau dieser Ecke hält dagegen ein anderes Mitglied der jüdischen Gemeinde davon ab, mit Kippa durch Nürnberg zu spazieren. Dabei spielen sich manche Rechtsextreme infamerweise plötzlich als Beschützer auf, um auch so ihren Hass gegen Muslime zu verbreiten.

Unterschätzt werde schließlich auch der Antisemitismus aus dem linksextremen Lager, so jedenfalls das Empfinden einer weiteren Teilnehmerin. Es sei irritierend, dass es "offenbar leichter fällt, Menschen gegen Rassismus zu mobilisieren, nicht aber gegen Antisemitismus". Der sei nun endgültig "in der bürgerlichen Mitte angekommen", fasste André Freud, Geschäftsführer der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg, die Analyse zusammen.

Neben offener Hetze gebe es Formen unbewusster Dämonisierung. "Antisemitismus macht das Unsagbare sagbar." Die gesamte Gesellschaft müsse begreifen, so Freud weiter, dass Antisemitismus eine Bedrohung "für alle" darstelle, weil er Demokratie und Zivilisation vergifte. Mit einer kleinen, unbelehrbaren Minderheit zu leben, gehe zur Not noch an. "Aber wenn die Mehrheitsgesellschaft still und gleichgültig bleibt, wird es übel."

Leerstelle am Hauptmarkt

Anlass für den Meinungsaustausch war die Beobachtung, dass jüdisches Leben in Nürnberg und Spuren seiner reichen Vergangenheit noch immer nur an wenigen ausgewählten Orten sichtbar sind, etwa den Standorten der beiden früheren Synagogen. Vor allem soll und darf es nicht auf den Holocaust reduziert werden. Ausgerechnet an besonders prominenten Plätzen wie dem Hauptmarkt aber fehlt jeder Hinweis, sei es auf das jüdische Viertel im Mittelalter, sei es auf die Kopie des Neptunbrunnens, die der Mäzen Ludwig Gerngros für die "gute Stube" der Stadt gestiftet hatte, bedauerte Freud. Erklärungstafeln wie beim jetzigen Brunnen-Standort im Stadtpark, müssten auch in der Altstadt möglich sein. "Nur die Moses-Figur am Schönen Brunnen blieb sogar in der Nazi-Barbarei an ihrem Platz."

Über das bereits bestehende Forum für jüdische Geschichte und Kultur hinaus, das im Heilig-Geist-Haus angesiedelt ist, wird nun auch über eine offene Begegnungsstätte nachgedacht. Sie soll nicht nur für einzelne Veranstaltungen dienen, sondern möglichst auch als Ort für ungezwungene, spontane Treffen, ein Haus, das Menschen auch einfach nur zur Unterhaltung (im doppelten Sinn) gerne besuchen, sicher unterstützt von einem gastronomischen Angebot und ungezwungenen Darbietungen.