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Auch wegen Corona: Heime werden immer teurer

Immer mehr Bewohner sind auf Sozialleistungen angewiesen - 12.02.2021 06:47 Uhr

Auch wegen der Corona-Pandemie wird die Betreuung im Pflegeheim immer teurer. Viele Senioren sind deshalb auf Sozialleistungen angewiesen.

23.11.2020 © BjÅ¡rn Hake, NN


Seit Mai 2018 lebt Maria Z. (Namen der Betroffenen geändert) im Pflegeheim St. Willibald. Sie fühle sich wohl dort, sagt ihr Sohn, "und auch ich hatte bislang immer einen guten Eindruck von der Betreuung". Daran hat sich auch nichts geändert. Nur: Die Kosten für das Leben im Heim, die könne die 85-Jährige wohl bald nicht mehr stemmen, trotz einer relativ hohen Rente.

Grund dafür ist eine Erhöhung, die der Caritasverband Nürnberg als Träger der Einrichtung in einem Schreiben an die Bewohner ankündigt: Um rund 20 Prozent soll demnach der Eigenanteil von Maria Z. steigen, statt wie bisher gut 2200 Euro pro Monat müsse sie dann 2700 Euro im Monat bezahlen, sagt Z., der fürchtet, dass seine Mutter schon bald auf zusätzliche Sozialleistungen angewiesen sein wird. Noch könne sie das, wofür die Rente nicht reicht, von ihren Ersparnissen begleichen. "Doch lange werden die Rücklagen nicht mehr reichen", sagt der Sohn. "Jetzt geht es ans Eingemachte."

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Er ist nicht der einzige, der sich in Schreiben an die Redaktion über die angekündigte Erhöhung des Eigenanteils beschwert. Auch bei der 95-jährigen Dorothea K. reicht die Rente für die Heimunterbringung schon derzeit nicht. Wenn ihre monatlichen Kosten für die Betreuung im Stift St. Martin der Caritas von jetzt gut 2000 Euro auf 2469 Euro im Monat steigen, werde Dorothea K. wohl ihr Haus verkaufen müssen, sagt Martina K., die Tochter.

Dabei habe ihre Mutter "ihr Leben lang gespart", sagt K.. "Wut und Unverständnis sind groß", betont auch Thomas P., der ausgerechnet hat, dass seine Mutter im Monat 25 Prozent mehr als zuvor bezahlen muss. "Sie kann die Steigerung keinesfalls von ihrer Rente stemmen."

"Dramatische Situation"

Bei der Caritas stoßen die Betroffenen mit ihrer Kritik auf offene Ohren. In ihrem Schreiben an die Bewohner sprechen die Verantwortlichen selbst von einer "enormen Erhöhung". Und weiter: "Uns ist dabei sehr bewusst, dass die diesjährige Steigerung eine Größenordnung hat, die für Sie schmerzliche Auswirkungen hat." Doch ändern könne der Träger daran nicht viel, betont Caritasdirektor Michael Schwarz.

Noch stehen zwar die detaillierten Verhandlungen mit den Kostenträgern aus, die genannten Beträge seien ein "worst-case-Szenario", tatsächlich werde die Erhöhung wahrscheinlich nicht ganz so drastisch ausfallen wie in dem Schreiben angekündigt. Doch dass die Steigerungen höher sein werden als in den vergangenen Jahren, räumt Schwarz unumwunden ein. Und auch er spricht von einer "dramatischen Situation", weil selbst Menschen mit einer relativ hohen Rente die Kosten für einen Heimplatz nicht aus eigener Tasche finanzieren können.

Zwei Hauptgründe für die Kostensteigerungen führt der Chef der Caritas an: Zum einen seien im Rahmen der aktuellen Tarifrunden die Gehälter des Personals "überproportional gestiegen", zum anderen, so steht es auch in dem Schreiben an die Bewohner, machten sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie bemerkbar. So sei in der Gesamtkalkulation der Kosten für einen Heimplatz jetzt auch der Posten "unternehmerisches Risiko" enthalten. Damit sollen laut Schwarz Schwankungen bei der Belegung abgefedert werden. "Bislang haben wir das nicht geltend gemacht." Was auch daran liegt, dass Einnahmeausfälle bislang durch einen Rettungsschirm gedeckt waren.

Doch auch für das laufenden Jahr rechnet die Caritas mit "Mindereinnahmen", weil Plätze nicht belegt werden können - etwa, weil wegen aktueller Infektionen niemand aufgenommen werden kann. Schwarz fürchtet zudem, dass auch generell Plätze frei bleiben könnten, weil Angehörige wegen Besuchseinschränkungen oder aus Angst vor einer Infektion den Umzug ins Heim hinaus zögern. "Wir merken schon jetzt, dass die Nachfrage geringer geworden ist", betont Schwarz. "Das ist kein Caritas-Phänomen." Auch die Kostensteigerungen würden wohl nach und nach weitere Träger treffen, der Zeitpunkt, zu dem die neuen Pflegesätze mit den Kassen verhandelt werden, ist nicht einheitlich.

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Lösen könne das Problem nur die Politik, sie müsse dafür sorgen, dass der Eigenanteil der Bewohner gedeckelt wird. Derzeit übernimmt die Pflegeversicherung einen festen Anteil an der Heimunterbringung, die Kostensteigerungen gehen zu Lasten der Bewohner. Eigentlich müsste es umgekehrt sein, finden viele Experten. "Sockel-Spitze-Tausch" heißt das Prinzip, das auch von Gesundheitsminister Jens Spahn unterstützt wurde. Es sei schon fast im Gesetzgebungsverfahren gewesen, bevor die Corona-Pandemie andere Themen auf die Tagesordnung hob, sagt Michael Pflügner, Chef des städtischen Nürnberg Stift. "Ich hoffe sehr, dass es jetzt bald wieder auf den Tisch kommt."

Auch er spricht von einem "Riesenproblem", weil immer mehr Bewohner in die Sozialhilfe gedrängt werden. In den städtischen Heimen war der Eigenanteil zuletzt im Sommer deutlich gestiegen, neue Verhandlungen beginnen im Mai. Auch die Stadtmission plädiert für diese Deckelung des Eigenanteils. Vorstand Matthias Ewelt fordert eine Strukturreform der Pflegeversicherung, um die steigenden Pflegekosten solidarisch umzuverteilen.

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