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Augustinerhof: Mega-Baustelle setzt Händlern zu

"Sandybel"-Betreiber bangen um Existenz und wollen notfalls vor Gericht - 23.03.2019 05:52 Uhr

In der Augustinerstraße treffen Welten aufeinander: Das Deutsche Museum wächst in die Höhe, das Sandybel kämpft aber ums Überleben. © Fotos: Roland Fengler


Draußen rattert der Presslufthammer, drinnen hebt Gaetano Federico eine Fliese hoch. Fast 30 Stück hätten sich gelöst, sagt er. Seine Lebensgefährtin Anabel Kuntz deutet auf tiefe Risse im Mauerwerk: Die durchziehen die Wand, zeigen sich an der Decke und im Gewölbe einer ehemaligen Kapelle, die zum Laden gehört.

Kuntz und Federico betreiben seit zwei Jahren das Ladencafé "Sandybel" in der Augustinerstraße. Sie stellen Cupcakes, Torten oder Kuchen am Stiel her. Sie haben ihr Geschäft in Türkis und Rosa dekoriert. Die Café-Tischchen sehen einladend aus. Doch die Kundschaft bleibt aus.

Das Ladenlokal grenzt direkt an die Augustinerhof-Baustelle, vorm Eingang stehen Absperrbaken, die Erde ist aufgerissen. "Natürlich wussten wir von der geplanten Baustelle, aber was sich seit September 2017 abspielt, konnten wir nicht mal ahnen", sagt Anabel Kuntz, während ihre 14 Monate alte Tochter ein Regal ausräumt.

Haus hat sich gesenkt

Das Paar hat unterschätzt, wie viel Lärm und Dreck die Baustelle mit sich bringen würde, und dass es Schäden geben kann. Das ganze Haus habe sich um ein paar Zentimeter gesenkt, schildern die beiden. Das beschreibt auch Hauseigentümer Walter Timmerbeil so, der im ersten Stock eine Steuerkanzlei betreibt.

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Die Türrahmen seien plötzlich so verzogen gewesen, dass sie nicht einmal mehr zu öffnen waren, fährt Kuntz fort. Und als sich auf der Baustelle nebenan riesenhafte Bohrer in die Erde vorarbeiteten, sei Putz von der Decke gefallen. "Ich musste Frauen mit Kinderwagen hinausschicken", ergänzt Federico. Aus Sicherheitsgründen habe man sogar einige Tage schließen müssen.

Die Liste mit Schäden, die das Paar mit der Baustelle in Verbindung bringt, ließe sich fortsetzen; auch die Schilderung frustrierender Erlebnisse: zum Beispiel, als vor dem "Sandybel"-Eingang plötzlich ohne Vorwarnung ein Kran stand. Kuntz: "Ich konnte nicht mal mehr rein."

Das Paar wirkt, als wäre es langsam am Ende mit seiner Geduld. "Wir haben Umsatzeinbußen, die an unsere Existenz gehen, und wissen einfach nicht mehr weiter." Seit Monaten sei man mit dem Bauherrn in Kontakt, doch es tue sich nichts.

Die Ladenbetreiber fordern von der Alpha-Gruppe, die den Augustinerhof entwickelt, 50.000 Euro. Kuntz und Federico haben dafür eine Anwältin eingeschaltet. Die Alpha-Gruppe betont, dass man sich außergerichtlich einigen wolle. "Ich kann aber nicht die ganzen Kosten ersetzen", sagt Unternehmenschef Gerd Schmelzer auf Anfrage. Er wolle den Schaden aber "mildern" und eine Lösung anbieten.

"Nicht rücksichtsvoll"

Gaetano Federico vom Ladencafè Sandybel zeigt Bodenfliesen, die sich gelöst haben.


Der Immobilien-Unternehmer äußert Verständnis für die Anlieger. "Für die Leute ist so eine Baustelle Stress." Es ist denn auch nicht schwer, rund um die Baustelle Menschen zu finden, die entnervt sind. "Der Herr Schmelzer ist nicht sonderlich rücksichtsvoll mit seinen Nachbarn", mokiert sich Hauseigentümer Walter Timmerbeil. Es gebe jede Menge Schäden, das entsprechende Tüv-Gutachten sei 200 Seiten dick.

In der Winklerstraße liegt der Laden von Barbara Münzel, das "Atelier Urban". Wer zu ihr will, muss erst einmal den Eingang finden. Er liegt ebenfalls hinter Absperrbaken, weil in der Erde neue, dicke Rohre für den Augustinerhof verlegt werden müssen.

"Ich bewundere Sie, dass Sie offen haben! Respekt!", sagt eine Frau, die gerade ins Atelier kommt. Viele Kunden kommen nicht derzeit. "Die Laufkundschaft fällt fast weg", klagt die Inhaberin. Sie freut sich zwar, dass am Augustinerhof endlich etwas vorangeht, aber für die Läden sei die Baustelle eine Katastrophe. Auch Münzel berichtet von Schäden am Haus, dazu noch von Dreck und Staub, der von der Baustelle in den Laden drang.

Je nach Perspektive ändert sich die Einschätzung: Insgesamt seien durch die Bauarbeiten "erfreulich wenig Schäden an den Häusern ringsum" entstanden, meint Immobilien-Unternehmer Schmelzer. Nächstes Jahr soll am Augustinerhof eine Außenstelle des Deutschen Museums eröffnet werden. Auch Läden, Büros, Gastronomie und Wohnungen entstehen. 100 Millionen Euro fließen in das Projekt.

Kuntz und Federico wollen abwarten, ob ihnen die Alpha-Gruppe tatsächlich ein neues Angebot machen will. Wenn die Summe nicht ihren Vorstellungen entspricht, "werden wir klagen", sagt die 43-Jährige kämpferisch. "Wir versuchen doch nur zu überleben." 

Sabine Stoll E-Mail

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