Außenseitern eine Chance eröffnen

29.9.2005, 08:00 Uhr
Agnes Chrambach

© Michael Kasperowitsch Agnes Chrambach

Frau Chrambach, Sie haben mit einem geerbten Vermögen die Stiftung »Miteinander« ins Leben gerufen. Was hat Sie dazu bewogen?

Agnes Chrambach: Der Anstoß dazu waren meine eigenen Lebenserfahrungen. Ich war selbst mehrmals arbeitslos, bin umgeschult worden, lange Zeit musste ich bangen, ob mein Arbeitsvertrag verlängert wird. Oft genug stand ich selbst am Rande des materiellen Nichts. Als mir dann das Geld zur Verfügung stand, habe ich mir überlegt: Was will ich eigentlich noch erreichen? Ich selbst brauche zu meinem Seelenheil kein Haus in Italien, kein Segelschiff und auch keine Weltreise. Mir war aber schon immer wichtig, dass jeder in der Gesellschaft an der Stelle Verantwortung übernimmt, an der es ihm möglich ist. Und ich habe das eben mit der Stiftung getan.

Wie widersteht man der Versuchung, sich selbst das Leben etwas bequemer zu gestalten, gerade wenn man wie Sie weiß, was Mangel ist?

Chrambach: Den ganzen Konsum habe ich schon immer stark abgelehnt. Mir ist klar, dass der keinen inneren Frieden bringt. Kaufen, kaufen, kaufen - das macht meist immer unglücklicher. Mir gibt das nichts. Geistige Auseinandersetzung, Bücher schreiben, lesen, Informationen bewerten und Schlüsse daraus ziehen - das ist meine Welt. Was ich mir allerdings kaufen würde, wenn das ginge, wäre Zeit, um selbst mehr Bücher schreiben zu können.

Und, sind Sie seit der Gründung der Stiftung glücklicher geworden?

Chrambach: Da gibt es noch kein Endergebnis. Die Idee der Stiftung muss jetzt erst einmal reifen und sich im Laufe der nächsten Jahre durchsetzen. Eine gewisse innere Befriedigung habe ich aus dem Start schon gewonnen. Mir geht es darum, dass jeder, der aus den verschiedensten Gründen eine Außenseiterrolle in der Gesellschaft hat, eine Chance bekommt, auch dazuzugehören, unabhängig von Herkunft, Alter oder Geschlecht.

Haben Sie keine Verwandtschaft, die Ihnen den Vorwurf macht: Die leistet sich ein teures Hobby, soll sie doch lieber uns helfen?

Chrambach: Wenn ich sehe, dass in der Verwandtschaft irgendwo Not am Mann ist, dann sage ich natürlich nicht: Pass' auf, ich habe meine Stiftung, geh' du zum Sozialamt. Da helfe ich dann schon, soweit ich kann. Mit der Stiftung wollte ich aber auch verhindern, dass sich meine Erben in endlosen Streitereien aufreiben. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, ich weiß, was da abläuft, wenn einer angeblich einen Hunderter oder ein Tagwerk mehr bekommen hat als der andere.

Wie finden Sie Projekte, die die Stiftung unterstützt?

Chrambach: Das entscheidet der Beirat. Bei der Erstauswahl der Mitglieder habe ich darauf geachtet, dass die aus einem entsprechenden Umfeld kommen, in dem sie Kontakt zu Aktivitäten haben, die wir fördern könnten. In Zukunft sollen aus dem Beirat und dem Vorstand heraus selbst Vorschläge für neue Mitglieder kommen. Ich habe nicht vor, bis zu meinem Lebensende allein zu bestimmen, wer dort sitzt. Das erste Projekt, das »Miteinander« unterstützte, war eines der Caritas. Dabei ging es um die Integration junger Ausländerinnen. Das nächste wird die Migrantenarbeit mit Eltern und Kindern an der Scharrer-Grundschule sein.

Ist die Integration von Migranten ein Schwerpunkt?

Chrambach: Generell kann man das nicht sagen. Wir wollen uns auch um andere Randgruppen in der Gesellschaft kümmern, zum Beispiel um die wachsende Zahl von Bedürftigen, die in Armut leben. Ein anderes Feld wäre der Anstieg psychischer Erkrankungen, besonders unter Jugendlichen. Das wird uns allen in den nächsten Jahren große Probleme bereiten.

Das sind große Aufgaben. Wie kommen Sie damit zurecht, dass auch Sie nur einen Tropfen auf einen sehr heißen Stein fallen lassen können?

Chrambach: Es sind viele kleine Schritte notwendig. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, alles das zu erledigen, was der Staat vergessen hat. Ich nutze meine Möglichkeiten, das sollten andere auch tun. Mich ärgert es unheimlich, wenn ich von Banken Prospekte kriege, in denen immer nur Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie die so genannte Erben-Generation ihr Vermögen gewinnsteigernd anlegen kann.

 Spenden und Zustiftungen sind möglich auf das Konto 201 100 510 bei der Deutschen Bank München (BLZ 700 700 10), »Miteinander - Stiftung Nürnberg«. Kontaktadresse: Martin Backhouse, Egidienplatz 29, 90403 Nürnberg, Telefon 09 11/2 14 12 51.

 

 

Interview: MICHAEL KASPEROWITSCH