Was lernen wir aus Corona?

Bestseller-Autor Ewald Arenz: "Bildung schützt nicht vor Dummheit"

NN-Redaktion Gesellschaft
Anette Röckl

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18.8.2021, 11:24 Uhr
Bestseller-Autor aus Fürth: Ewald Arenz.

Bestseller-Autor aus Fürth: Ewald Arenz. © Hans-Joachim Winckler, NN

Ewald Arenz, Bestseller-Autor aus Fürth (55): "Ich habe durch Corona einiges über mich erfahren. Zum Beispiel – zumindest im Ansatz – was mir die Freiheiten bedeuten, die wir vorher oft gedankenlos genossen haben. Spontan ins Café und ins Museum gehen, sich mit Freunden treffen und den Vater im Altersheim besuchen zu können, wann immer ich und er wollen. Ich habe eine kleine Ahnung davon bekommen, was es hieße, in einem Staat zu leben, der die persönlichen Freiheiten einschränkt. Deshalb trete ich mehr denn je dafür ein, dass wir unsere Demokratie schützen und bewahren müssen.

"Es gibt eine große Spaltung der Gesellschaft"

Was sich für mich in dieser Epidemie aber auch zeigte, ist eine große Spaltung in unserer Gesellschaft. Als Historiker weiß ich, dass Impfungen eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der Menschheit sind und ich bin eigentlich immer noch fassungslos, wenn ich sehe, wie präsent Verschwörungstheorien, Vorurteile und mittelalterliche Ängste bis weit in unsere Politik hineinreichen, und feststellen muss, dass Bildung nicht unbedingt vor Dummheit schützt.

Ex-Bundestagsabgeordnete und Unternehmerin Dagmar Wöhrl.

Ex-Bundestagsabgeordnete und Unternehmerin Dagmar Wöhrl. © Michael Matejka, NN

Dagmar Wöhrl, Ex-Bundestagsabgeordnete (CSU) und Unternehmerin (67): "Corona hat uns alle enorm entschleunigt. Ich bin vor der Pandemie mehrmals in der Woche an einem anderen Ort gewesen, um Geschäftspartner oder Gründer und Gründerinnen zu treffen. Die Reisekilometer waren enorm. Nach den ersten Schocktagen ,Wie machen wir das jetzt? Was machen wir jetzt?’ kam schnell der digitale Alltag. Alles, was vorher in persönlichen Gesprächen beraten wurde, fand jetzt via Video-Calls statt. Und zwar meist von zu Hause aus. Nürnberg wurde mein Working Place. Das gab mir die Möglichkeit, meine Mama fast täglich zu besuchen und mit ihr gemeinsam zu Mittag zu essen oder einen Kaffee zu trinken. Das habe ich wahnsinnig genossen. Ohne die gesellschaftlichen Einschränkungen wäre das undenkbar gewesen.

Corona hat aber auch gezeigt, dass wir Menschen den Umgang mit anderen brauchen. Video-Calls allein reichen nicht aus. Wir brauchen die Interaktion, den direkten Austausch, Berührungen. Von daher freue ich mich, dass das wieder etwas mehr möglich ist und drücke die Daumen, dass die Zahlen niedrig genug bleiben, so dass wir unsere Freiheit nicht wieder aufgeben müssen."

Fränkischer Sterne- und TV-Koch Alexander Herrmann.

Fränkischer Sterne- und TV-Koch Alexander Herrmann. © Jens Hartmann, NN

Alexander Herrmann, Sternekoch (50): "Wir haben in Deutschland einen Impfstoff entwickelt, dafür wurde von der Welt applaudiert, und gleichzeitig haben wir im Land viele Impfskeptiker und -verweigerer. Das ist ein Kontrast, der mich erstaunt.
Daneben bin ich überrascht, wie einfach die politische Führung ein Land diktieren kann. Die Maßnahmen möchte ich inhaltlich gar nicht verurteilen, aber dass wir so schnell in der Masse folgen, ist auch ein Spiegel: Wir sind eine brave und nur zum Teil kritische Gesellschaft.

Runter vom Beschleunigungsstreifen

Für mich persönlich ging und geht es nicht nur darum, die eigene Familie zu schützen, sondern es geht auch um sehr viele Mitarbeiter. Der zweite Lockdown war ein absolutes Hamsterrad und unfassbar anstrengend, weil alles immer sinnlos war und keinen Bestand hatte. Sollte die Gastronomie noch mal zugesperrt werden, dann ist sie für Jahre kaputt. Denn du wirst kaum noch jemanden finden, der in dem Berufsfeld arbeiten will – weil es keine Sicherheit gibt.

Was die Medien angeht: Ich verstehe zwar, dass man sich mit Schlagzeilen verkauft, aber mir war es oft zu hochgedreht. Nach dem Motto: ,Kommt jetzt die vierte Welle?!’ Die kommt sowieso. Corona gehört jetzt zu unserem Leben und wir müssen lernen, damit zu leben. Ich hoffe, dass wir übers Impfen damit umgehen können wie mit einer normalen Grippe. Ansonsten hat uns Corona auf unserem Beschleunigungsstreifen eingebremst. Man überlegt mehr: Muss man das machen? Braucht es das? Es ist vielleicht die Chance, auf ein gesundes Maß zu kommen."

Ex-Bundesfamilienministerin Renate Schmidt.

Ex-Bundesfamilienministerin Renate Schmidt. © kufa roth, NN

Renate Schmidt, ehemalige Bundesfamilienministerin (SPD) (77): "Ich habe gelernt, was für mich verzichtbar ist (Kleider kaufen), und was nicht: der unmaskierte, freie Umgang mit Menschen, offene Museen, Buchläden, Kinos, Restaurants, Konzerte, Reisen. Ich habe gelernt, mit Zoom-Konferenzen, QR-Codes und Streamingdiensten umzugehen und freue mich, wenn ich nichts davon brauche.
Aber das und anderes sind persönliche Kinkerlitzchen.

"Wir leben in einer Zeitenwende"

Was mir als Konsequenz der Pandemie fehlt, ist ein Umdenken in Gesellschaft und Politik: Noch immer werden die falschen Prioritäten gesetzt: Baumärkte und Fußball sind systemrelevant, Unis, Schulen, Kitas, jedwede Kultur nicht. Das Gesundheitswesen ist immer noch profitorientiert und von asiatischen Medikamenteneinfuhren abhängig. Pflegekräfte haben nach wie vor zu schlechte Arbeitsbedingungen.

Aber vor allem beginnen wir jetzt erst zu begreifen, dass wir in einer Zeitenwende leben und dass Corona-Virus, Flutkatastrophen und Hitzewellen eine Ursache haben: unsere Art zu leben und zu wirtschaften, die ausufernde Globalisierung. Corona hat in unser tägliches Leben Unplanbarkeit und Unsicherheit gebracht und lässt uns vor weiteren Veränderungen zurückscheuen. Wir haben aber die Chance, jetzt die richtigen Konsequenzen aus den Versäumnissen, die Corona in aller Schärfe offenbart hat, zu ziehen. Noch!"

Liedermacher und Pfarrer Wolfgang Buck.

Liedermacher und Pfarrer Wolfgang Buck. © epd

Wolfgang Buck, fränkischer Liedermacher (63, Foto oben): "Unsere Gesellschaft hat sich während Corona aufgeteilt in solche, die bis zur Erschöpfung arbeiten mussten, und solche, die plötzlich einen leeren Terminkalender hatten. Ich habe zu den Letzteren gehört und dabei gelernt, dass Pläne und Termine Schall und Rauch sind, aber dass sich gleichzeitig neue Wege auftun. Dass ich zwar nicht den ganzen vor mir liegenden Weg überblicke, aber dass es hinter jeder Biegung immer irgendwie weitergegangen ist. Ich war außerdem froh für einige Freundinnen und Freunde, die Corona vor dem Herzinfarkt bewahrt hat, da sie von selber niemals Ruhe gegeben hätten, auch bei den klarsten Voranzeichen von Burnout.

"Bei uns regieren keine Narzissten. Das ist beruhigend."

Und zweitens: Ich bin beruhigt, in diesem Land zu leben. Kein perfektes Land, aber ein Land, in dem keine männlichen Selbstdarsteller und Narzissten wie Trump, Bolsonaro, Johnson, Putin oder Orban den Ton angegeben haben, sondern eine uneitle Naturwissenschaftlerin namens Angela Merkel, plus viele Politiker der verschiedensten demokratischen Richtungen, die sich gekümmert haben. Ein Land zwar mit allen menschlichen Unzulänglichkeiten, aber mit einer demokratischen Verfassung, einem funktionierenden Rechtssystem und einer freien Presse. Und mit Menschen, die zum großen Teil vernünftig abwägen und verantwortlich handeln."


Mit Cocktails, Würstchen und Delfinen: Nürnberg wirbt für die Corona-Impfung


Benigna Munsi, amtierendes Nürnberger Christkind.

Benigna Munsi, amtierendes Nürnberger Christkind. © Roland Fengler, NN

Benigna Munsi, amtierendes Nürnberger Christkind (18): Während des Lockdowns habe ich noch mal mehr gemerkt, wie gerne ich Menschen um mich herum habe. Aber ich habe auch festgestellt, dass ich Zeit für mich alleine genießen kann! Als ich Abi geschrieben habe, hat das mit Corona gerade begonnen, das war schon eine Überforderung. Man musste sich den Stoff ja viel mehr selbst erarbeiten. Und der Unterricht an der Schauspiel-Akademie in Passau, an der ich jetzt studiere, lief ab Dezember nur noch virtuell. So viel vor dem Laptop zu sitzen, war ich nicht gewohnt. Es war sehr anstrengend, fokussiert zu bleiben. Und ich musste lernen, dass es wichtig ist, sich auch mal freizunehmen, den Tag zu vertrödeln.

Ansonsten finde ich es schlimm, dass in der Zeit so etwas wie die Querdenkerbewegung entstehen konnte. Es geht da nicht um Meinungsfreiheit, sondern das ist Verleugnen von Fakten. Das ist nicht förderlich für die Demokratie, sondern spaltet die Gesellschaft! Durch Corona sind außerdem viele andere Themen zu kurz gekommen. Zum Beispiel die Seenotrettung Wie viele Menschen da ertrunken sind!

"Wichtige Themen wie die Seenotrettung rückten in den Hintergrund"

Ich persönlich freue mich, dass der Unterricht an der Akademie jetzt wieder in Präsenz stattfindet. Was für einen Unterschied das macht! Wenn ich über den Campus laufe, dann sind da so viele Leute. Ich liebe es, mich auszutauschen. Du kommst mit Themen in Berührung, über die du sonst noch gar nicht nachgedacht hast. Das schätze ich sehr."