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Mittwoch, 16.10.2019

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Bier vom Balkon

Über die Schulter geschaut: Zwei ambitionierte Hobby-Brauer sind in St. Johannis am Werk - 16.09.2019 08:00 Uhr

Ein Prost auf dem Balkon in St. Johannis: Marco Ullrich (links) und Sebastian Engler. © Foto: Martin Schülbe


Was die beiden Freunde aus St. Johannis nicht davon abgehalten hat, im vergangenen Jahr eine Brauerei zu gründen. Eine Hobby-Brauerei, um genau zu sein, denn ihr „Johannis Bräu“ dürfen sie nicht verkaufen. Dafür fehlt ihnen die Erlaubnis vom Gesundheitsamt, das einen speziellen Raum vorschreibt. Stattdessen arbeiten sie auf dem Balkon, wo ihnen der Stadtanzeiger am vergangenen Sonntag über die Schulter schaut. Denn: „Ein anderer Hobby-Brauer hat mal in seiner Wohnung gebraut, da sind dann die Tapeten von der Wand gefallen von dem vielen Dampf“, berichtet Engler.
Als Maischpfanne verwenden sie einen Einkoch- und Heißgetränkeautomat, besser bekannt als „Glühweintopf“. Nachdem das Wasser darin kocht, geben sie das teilweise selbst geschroteten Malz hinein.
Dann geht es um die Einhaltung sogenannter Rastzeiten, also das Kochen bei einer bestimmten Temperatur für eine bestimmte Dauer. Hierfür installieren sie ein Messgerät, das den Glühweintopf beim Überschreiten einer bestimmten Temperatur aus- und wieder einschaltet, wenn die Temperatur unterschritten wird. Während des 90 Minuten dauernden Maischens macht das Gerät die Arbeit allein und hält mehrere Rastzeiten ein, während die Stärke von Enzymen zu Zucker umgewandelt wird.

„Pappsüß!“

Marco Ullrich kippt die Maische in den Läuterbottich. © Foto: Martin Schülbe


Heimbrauen muss nicht teuer sein. „Wir haben bis jetzt etwa 400 Euro investiert“, erzählt Ullrich. Manche Geräte bauen sie auch selbst, etwa eine von einem Scheibenwischermotor angetriebene Rührmaschine. „Anfangs haben wir während des Maischens noch selbst gerührt, die ganzen 90 Minuten lang”, erinnert sich Ullrich. Bauanleitungen und andere Tipps finden sie im Internet oder in der hiesigen Hobby-Brauer-Szene. Und in zwei Büchern von Hagen Rudolph übers Heimbrauen „für Anfänger“ und „für Fortgeschrittene“.
Schließlich kippen sie die Maische in einen (lebensmittelechten) Kunststoffeimer, den Läuterbottich, in dem mittels eines Siebes das Malz zurückgehalten wird, während die Flüssigkeit zurück in den Glühweintopf fließt. „Das nennt sich jetzt Würze“, erklären sie und probieren auch einen Schluck: „Pappsüß!“ Die Würze wird noch mal gekocht, bei fast 100 Grad. Hierbei werfen sie mehrmals eine Handvoll Hopfen in Pelletform in den Topf, der immer bitterer wird, je länger man ihn mitkocht. So geben sie ihrem Bier bittere und hopfige Geschmacksnoten.(
Schließlich geht auch die zweite Kochzeit zu Ende, und es fällt auf, dass Ullrich und Engler nur einen geringen Teil der Zeit mit dem Brauen verwenden.

Nur ein paar Gramm der Hopfenpellets werden für das Bier benötigt. © Foto: Martin Schülbe


„Meistens putzen wir“, erklärt Engler. Hygiene sei ein wichtiger Aspekt. Steril könne man nicht arbeiten, aber möglichst keimfrei. Die (selbst gebaute) Kühlanlage aus Kupferrohr wird penibel gereinigt, bevor sie in die Würze kommt. Sobald diese kalt genug ist, wird Hefe dazugegeben. In einem Kunststoffeimer gären die knapp 20 Liter, die nach dem Verdampfen übrig bleiben, eine Woche lang. Dann füllen sie das Bier in Bügelflaschen, in denen es zu Ende reift und Kohlensäure bildet. Würden sie das heute gebraute Bier verkaufen, müssten sie 0,55 Euro pro Liter für den Rohstoffeinsatz verlangen, inklusive der Arbeitszeit sogar 29 Euro – die Anschaffungskosten der Geräte nicht einkalkuliert.

Ob „Johannis Bräu“ doch mal offiziell erhältlich sein wird? Sie wissen es nicht. „Erst mal würden wir uns freuen, wenn uns jemand günstig einen Raum vermietet”, so der 31-Jährige. Fliesenboden, Wasseranschluss und Toilette müsste ein solcher Raum haben. Ihre Brauerei entwickelt sich langsam, nach jedem Brauprozess rüsten sie etwas nach.

Bis zu 200 Liter pro Jahr

In den nächsten Tagen werden ihnen neue Kochbehälter geliefert, die dann mit Gas betrieben werden. Ihre Freunde, die das Pils, Weizen, Bock- und Festbier trinken, dürfte es freuen: „Dann können wir 100 Liter auf einmal herstellen.“
Bis zu 200 Liter pro Jahr erlaubt ihnen das Zollamt, bei dem sie den Balkon als Braustätte angemeldet haben. Mit dem neuen Behälter ziehen sie jedoch erst mal in die Lagerhalle eines Freundes um. Auch weil sie keine Lust haben, die neuen Geräte und schwere Gasflaschen durch das enge Treppenhaus hinauf- und das gebraute Bier wieder hinunterzutragen. Schon der mit 20 Litern gefüllte Eimer mit der Tagesproduktion treibt ihnen den Schweiß auf die Stirn, denn der muss in den Kühlschrank – der letzte Arbeitsschritt des Tages. Ob ihr Bier gelungen ist, werden sie dann in etwa sechs Wochen wissen.

 

Martin Schülbe

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