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Corona-Fälle im Pflegeheim: Vorwürfe gegen das Gesundheitsamt

Angehörige von Corona-Infizierten üben Kritik am Nürnberger Gesundheitsamt - 15.10.2020 05:40 Uhr

Im Nürnberger Caritas-Pflegeheim Sankt Joseph sind mehrere Bewohner sowie Pflegekräfte positiv auf das Coronavirus getestet worden. 

12.10.2020 © NEWS5 / Bauernfeind, NEWS5


Seit Anfang Oktober steht das Seniorenheim St. Josef in Langwasser unter Quarantäne. Am Montag gab der Träger des Heimes, die Caritas bekannt, dass 19 Bewohner und zwölf Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet wurden. Die Ergebnisse einer zweiten Reihentestung, die am Dienstag erfolgte, stehen noch aus.

Zwei Angehörige der Infizierten machen derweil dem Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg Vorwürfe, nachlässig gehandelt zu haben.

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Rückblick: Am Freitag, 2. Oktober, wird der Neffe von Martin W. (Name von der Redaktion geändert), der in dem betroffenen Seniorenheim als Pfleger arbeitet, nach Hause geschickt. Die Begründung: eine Kollegin habe sich mit dem Coronavirus infiziert. Am Montag darauf wurde W.’s Neffe getestet, der positive Befund kam zwei Tage später. Das Gesundheitsamt schickte den Neffe sowie seine fünf Familienangehörigen per Anordnung in Quarantäne.

Mit Corona und den Öffentlichen zum Arzt

Das Gesundheitsamt, so erzählt Martin W. am Telefon, habe sich bei der Familie in Quarantäne einige Male gemeldet um sich nach ihrem Gesundheitszustand zu erkundigen, und ordnete für den Neffen einen zweiten Corona-Test an. Die Familie habe dem Amt jedoch mehrfach mitgeteilt, dass sie kein Auto besitze, also nicht zum Hausarzt kommen könne, ohne andere Menschen zu gefährden. Vergeblich: Trotz starker Corona-Symptome fuhr W’s Neffe zu Beginn der Woche mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Hausarzt. "Ich kann das nicht begreifen", äußert Martin W. seinen Unmut. "Wie kann das sein, dass das Gesundheitsamt einen positiv getesteten Mensch mit dem ÖPNV in der Stadt herumfahren lässt?"


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Da auch Martin W. mit seinem Neffen Kontakt hatte und somit als Kontaktperson der Kategorie eins zählt, setzte er sich ebenfalls mit dem Gesundheitsamt in Verbindung. „Die Frau am Telefon meinte, ihr sei ein solcher Fall nicht bekannt. Sie würden sich bei mir melden.“ Da nichts geschah, ließ er sich in einem Testcenter freiwillig testen – und wartete tagelang auf das negative Ergebnis. „Über die weiter ständig steigenden Fallzahlen wundere ich mich nicht mehr“, sagt er.

Kein Corona-Test trotz Kontakt

Elke P. (Name von der Redaktion geändert) kritisiert ebenfalls das Vorgehen des Nürnberger Gesundheitsamtes. Zwei Tage, bevor das Pflegeheim am 3. Oktober für Besucher abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt wurde, besuchte sie noch ihre 83-jährige Angehörige.

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Als P. erfuhr, dass es unter der Belegschaft Corona-Fälle gibt, erkundigte sie sich bei der Heimleitung, wann ihre Angehörige getestet werden würde. Dies geschah laut P. aus Kapazitätsgründen erst nach Tagen, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter infiziert waren. Erst eine Woche nach ihrem Besuch kam dann die Nachricht: die 83-jährige Bewohnerin des Heimes hat tatsächlich Covid19, sie musste aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes ins Krankenhaus.


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„Ich habe mich dann beim Heim erkundigt, ob die Daten der Besucher an das Gesundheitsamt weitergeleitet werden“, sagt sie. „Doch die Heimleitung meinte, es müssen laut Gesundheitsamt nur die Daten der letzten 48 Stunden angegeben werden.“ Doch da das Heim bereits seit Tagen für Besucher geschlossen war, gab es folglich keine Kontaktdaten von externen Gästen. Elke P. wandte sich also selbst an das Gesundheitsamt und meldete sich, wie Martin W. als Kontaktperson der Kategorie eins. In Quarantäne müsse sie nicht, auch ein Corona-Test sei ihr überlassen, so die Antwort des Amtes. „Das verstehe ich nicht. Das widerspricht doch allen Regeln“, wundert sie sich. „Eine schnelle Testung und Kontakt-Nachverfolgung erachte ich als enorm wichtig und dies wurde leider nicht gut umgesetzt“, sagt sie.

Sie habe Verständnis für die angespannte Lage in den Pflegeheimen und möchte auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitsamt keine Vorwürfe machen, sagt Elke P. Dennoch „ist es dringend notwendig, dass wir Zustände erreichen, um Kontakte zu Angehörigen in Pflegeheimen zu ermöglichen und gleichzeitig besten Schutz zu bieten.“ Zu schaffen wäre das nur, wenn das Pflegepersonal bei der Arbeit entlastet werden würde. „Applaus für systemrelevante Berufe empfinde ich als Hohn, wenn keine Konsequenz folgt“, sagt sie.

Das Gesundheitsamt teilte mit, man könne nicht mehr nachvollziehen, ob der Neffe von Martin W. aufgefordert wurde, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Hausarzt zu fahren. Elke P. sei aus Sicht des Amtes keine Kontaktperson eins und somit nicht zu testen.


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