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Corona in Nürnberg: Häufung in sozial angespannten Stadtteilen

Dichte Besiedelung macht es dem Virus leichter - Zukünftig detailliertere Analyse - 25.03.2021 05:55 Uhr

Seit einem Jahr begleiten uns Regeln wie diese nun durch den Alltag - in Nürnberg wie in ganz Deutschland. Analysen haben nun gezeigt, welche Nürnberger Stadtteile besonders betroffen und wo die Infektionszahlen überproportional hoch sind. 

22.03.2021 © Daniel Karmann, dpa


Die Entwicklungen der Pandemie ließen sich zu deren Beginn nur schwer vorhersehen, doch nach einem Jahr Virus-Geschehen lassen sich mittlerweile Schlüsse ziehen. Das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg untersucht die Corona-Entwicklung in der Stadt nach unterschiedlichen Parametern und analysiert dabei auch die Zahlen nach statistischen Bezirken und Stadtteilen.

Welche Stadtteile sind besonders betroffen?

Als ein Ergebnis dieser Analysen zeigt sich, dass in Nürnberg – wie auch in anderen Städten, darunter zum Beispiel Berlin – die sozial angespannten und dicht besiedelten Stadtteile überproportional von Corona-Infektionen betroffen sind. Laut Umwelt- und Gesundheitsreferentin Britta Walthelm stammt aktuell knapp die Hälfte der akut Corona-Infizierten aus ebensolchen Bezirken, während die Bewohner dieser Quartiere 36,9 Porzent der Gesamtbevölkerung Nürnbergs ausmachen. Überproportional betroffen seien im Moment der südwestliche Innenstadtgürtel mit Galgenhof, St. Leonhard und Steinbühl sowie Langwasser. Aber auch in Vierteln innerhalb des Mittleren Rings, die nicht als sozial angespannt gelten – darunter Schoppershof, Wöhrd und die Nordstadt – sind leicht vermehrt Corona-Infektionen aufgetreten. Auch Teile von Johannis seien in den vergangenen Wochen in der Statistik aufgetaucht, so Walthelm.


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Dichte Besiedelung macht es dem Virus leichter

Da in den besonders betroffenen, sozial angespannteren Stadtteilen ein erhöhter Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund lebt, kommt immer wieder - auch von Lesern - die Vermutung auf, dass sich Nürnberger mit ausländischen Wurzeln überproportional mit dem Virus infizierten. Gemeinsam ist den genannten Stadtbezirken aber allem voran die dichte Besiedelung, die die Gesundheitsreferentin als eine der Ursachen für diese Häufungen vermutet: "Hier leben die Menschen enger beieinander, was die Verbreitung des Virus begünstigt". Hinzu komme, dass dort weniger Quadratmeter Wohnfläche pro Person zur Verfügung stehen. In sozial angespannteren Quartieren gingen die Menschen zudem häufiger Jobs nach, deren Ausübung eine physische Präsenz erfordere und nicht Home-Office-geeignet sind. Auch die Tatsache, dass dann mehr Wege im ÖPNV zurückgelegt werden, könnte ein Grund für die höheren Zahlen sein.

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Zusammenhang zwischen sozialem Status und Erkrankungsrisiko

Erhebungen werden nicht nach Nationalitäten oder möglichen migrantischen Hintergründen erhoben, sondern nur nach Stadtteilen, wie Walthelm erklärt. "Ein möglicher Zusammenhang von Migrationshintergrund und Infektionszahlen wäre, dass Menschen mit Migrationshintergrund tendenziell häufiger Schwierigkeiten haben, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden und relevante Informationen zu verstehen - zum Beispiel aufgrund von Sprachbarrieren oder dem Bildungshintergrund - oder ein anderes kulturelles Verständnis von Gesundheit und Krankheit und/oder Risikoverhalten mitbringen. Soweit ich die Studienlage in Deutschland und den Niederlanden kenne, ist bisher jedoch kein statistischer Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Infektionslage gefunden worden." Die Gesundheitsreferentin weist dabei auch auf den allgemeinen Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand, Gesundheitskompetenz und sozialer Lage hin – dieser zeige sich auch bei Corona.

"Möglichst viele Menschen erreichen"

Dass diese Kausalität zwischen soziökonomischen Status und Erkrankungsrisiken sich auch in den Nürnberger Zahlen widerspiegelt, bestätigt auch Oberbürgermeister Marcus König: "Mir persönlich ist es wichtig, dass jetzt Menschen nicht stigmatisiert werden aufgrund solcher statistischen Zusammenhänge. Wichtig bleibt, dass wir die Menschen so gut wie möglich aufklären und auf ihre Mitwirkung zählen." Der Oberbürgermeister verweist auf die mehrsprachigen Informationsangebote auf der Homepage der Stadt, sowie eine in Zusammenarbeit mit dem Klinikum Nürnberg gestartete Video-Kampagne zu den Gefahren der Pandemie, die in 14 Sprachen und in Gebärdensprache produziert wurde. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, sei zudem die Informationskampagne "Abstand halten – lebenswichtig; Maske tragen – aber richtig" ins Leben gerufen worden, die im öffentlichem Raum und dem ÖPNV zu sehen und im Radio zu hören sein wird.

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Zukünftig detailliertere Analysen geplant

Für die Zukunft sind noch speziellere Analysen geplant: "Wir wollen genauer untersuchen, ob in Nürnberg ein Zusammenhang zwischen verschiedenen beruflichen Tätigkeiten beziehungsweise Branchen und Infektionszahlen nachweisbar ist", kündigt Walthelm an. Bisherige Erkenntnisse zeigten, dass überproportional Arbeitnehmer in medizinischen und Pflegeberufen - in welchen ein großer Anteil von Personen mit migrantischen Wurzeln tätig ist - betroffen sind, sowie Lehr- und Erzieherberufe, landwirtschaftliche Tätigkeiten und solche in den Bereichen Logistik, Verkehr und Bau. "Wir versuchen auch Detailkenntnisse zu den einzelnen Fällen zu einem genaueren Bild zusammenzusetzen, um zielgruppenspezifischer kommunizieren zu können.

In puncto Risikoverhalten spielen zum Beispiel auch Alter und Geschlecht eine Rolle". Als Erklärung für die hohe Nürnberger Inzidenz (146,8; Stand: 24.03.2020, 9 Uhr) und vergleichsweise niedrige Erlanger Inzidenz von 72,9 (Stand: 24.03.2021, 9 Uhr) vermutet Walthelm die unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen. Während Nürnberg relativ viele Arbeitsplätze in den oben genannten und weniger Home-Office-fähigen Bereichen habe, befänden sich die Universität in Erlangen in Distanzunterricht und –arbeit, ebenso wie die hochwertigen Arbeitsplätze von Siemens und Co.

Regionale Effekte der Virusverbreitung

Im kleinräumigen Vergleich wie zum Beispiel zwischen Nürnberg und Erlangen spielen strukturelle Faktoren eine größere Rolle, großräumige Vergleiche seien nicht so einfach anzustellen: "Städte mit ähnlicher Größe und Strukturen haben trotzdem verschiedene Infektionslagen und umgekehrt erklären Unterschiede in den strukturellen Faktoren nicht das Infektionsgeschehen", erläutert Walthelm. "Grundsätzlich sind Stadt- und Landkreise über den Verlauf der Pandemie unterschiedlich stark betroffen, obwohl die Strukturfaktoren konstant bleiben. Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Virus durch die Mobilität von Menschen regional unterschiedlich durch das Land wandert".


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Katja Kiesel Volontärin Lokalredaktion E-Mail

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