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Corona-Krise: Fränkische Wirtsleute haben nichts zu lachen

Wenn der Staat jetzt nicht hilft, können viele von ihnen "zusperren" - 18.03.2020 05:56 Uhr

Wenn der Staat nicht hilft, könne er „den Schlüssel hier gleich umdrehen“: Dirk und Melanie Wondra in der Küche des „Aufgetischt“ in Gibitzenhof. © Foto: Wolfgang Heilig-Achneck


In der Gastronomie geht es jetzt nur um eines: ums nackte Überleben. Wenn die Politik den Wirten nicht unter die Arme greife, "kann ich den Schlüssel hier gleich umdrehen", sagt Dirk Wondra bitter. "Homeoffice geht bei uns ja nicht."

Schon seit zwei Wochen hagelt es bei ihm Absagen, Firmen- und Privatfeste, Messegäste und Event-Kunden fallen aus, jetzt ist endgültig Zapfenstreich. Im "Aufgetischt", einem Restaurant- und Catering-Unternehmen in Gibitzenhof, geht Dirk Wondra, Ehefrau Melanie und elf Beschäftigten die Arbeit aus. Kurzarbeit ist angesagt.

Beten um gutes Wetter

Ab heute können Lokale nur noch von sechs bis 15 Uhr öffnen, mehr als 30 Menschen dürfen nicht in einem Raum sein. Viele Wirte beten um gutes Wetter, das den Biergarten wenigstens mittags füllt, und setzen notgedrungen auf "Essen to go", andere sperren gleich ganz zu. Für Dirk Wondra, der auf größere Veranstaltungen geeicht ist, der einzige Ausweg. Für Thomas Förster, den Chef des "Bratwurst Röslein" und Vizepräsidenten des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), auch. Gestern Abend gingen im "Röslein" um 20 Uhr die Lichter aus.


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"Das Coronavirus trifft die Gastronomie wie ein Orkan", sagt Förster. Auch wenn so mancher gehofft habe, dass der Kelch an ihm vorbeigehen würde. "Ich will das Risiko, dass sich jemand ansteckt, ob Mitarbeiter oder Gast, nicht eingehen. Wir ziehen die Reißleine", sagt Dehoga-Vize Förster. Bis 15 Uhr zu öffnen, rechne sich wirtschaftlich nicht. "Man muss die Küche am Laufen halten, und dann kommt doch keiner. Zu riskant."

Viele streichen die Segel

Auf Facebook posten viele Gastronomen seit gestern, dass auch sie dichtmachen werden. Die "Saigon Bar", das "Ill Amore", das "Zeit & Raum", das "Sushi Glas", die "Weinstelle" und viele andere streichen bis auf weiteres die Segel.

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George Starnes von der "Frankenstube" in der Nürnberger Nordstadt etwa muss verkraften, dass ein wichtiges Standbein des 38 Jahre alten Lokals weggebrochen ist: Mit dem Kindergarten- und Schulcatering sei "ein dicker Brocken" dahin. Doch die "Frankenstube", die mit Fleischgerichten, aber auch mit veganer und vegetarischer Küche antritt, habe zum Glück sehr treue Kunden, sagt Starnes. Diese kämen mittags mit dem eigenem Geschirr und holten sich ihr Essen nach Hause. "Ich verstehe aber jeden, der jetzt lieber daheimbleibt."

Gerade sitzt der Gastronom – wie viele seiner Kollegen und Kolleginnen – über dem Antrag auf Kurzarbeit. Je nachdem, wie lange die Corona-Krise dauert, rechnet er mit bis zu 80 Prozent Umsatzeinbußen.

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Noch am vergangenen Sonntag platzten Biergärten und Gasthäuser vor allem am Land aus allen Nähten. Eine letzte Henkersmahlzeit vor der Quarantäne, dachten viele und verschafften den Lokalen Rekordumsätze. Doch jetzt ist Katastrophenfall und alles anders. Auch im "Würzhaus" von Diana Burkel bleibt nur der Mittagstisch geöffnet. "Liebe Gäste, ab morgen mit Einschränkungen, aber einem Extra-Lächeln. Mittagstisch (mit genug Platz zwischen den Tischen) von 11.30 bis 15 Uhr", ist auf der Facebook-Seite zu lesen. Außerdem könne man sich die Gerichte in St. Johannis abholen.


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Auf "To go" – also telefonisch bestellen und dann am besten mit eigenen Tupperdosen abholen – greifen auch das "Globo" oder das "Paradies", der "Dampfnudelbäck" oder das "Kokoro" zurück. Der Sushi-Laden am Klarissenplatz versucht, diese Woche das Mittagsgeschäft zu halten, die Terrasse ist geöffnet. "Da wir überbesetzt sind, werden wir ab sofort einen eigenen Lieferservice ausprobieren", sagt Chefin Nga Nguyen. Per Telefon oder E-Mail kann man bestellen, dann wird im Umkreis von zehn Kilometern ab 25 Euro geliefert.

Den Kleinen geht die Luft aus

"Die Gastro-Landschaft wird nach der Krise mit Sicherheit anders aussehen", prophezeit Stefan Rottner vom gleichnamigen Gasthaus, das vorerst bis zum 30. März geschlossen hat. Er hat gerade junge Geißlein für den Frühling eingefroren, Ware vakuumiert und restliches Gemüse zur Lebensmitteltafel gefahren. Am Telefon erwischt man ihn kurz vorm Mittagsschlaf. Rottner neigt nicht zur Panik, weiß aber, dass vor allem den Kleinen schnell die Luft – und das Geld – ausgeht. Staatliche Soforthilfe und günstige Kredite seien jetzt notwendig, "und dass die Leute nach der Auszeit richtig gut essen gehen".

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Längst lassen sich die Kunden Speisen von Lieferdiensten wie Egoumery oder Lieferando an die Tür bringen. Oder sie kochen selbst. Hoch im Kurs steht die Abokiste (Landgut Schloss Hemhofen) oder der Hutzelhof in Weißenberg, die Gebinde mit frischem Obst und Gemüse in die ganze Region liefern. "Wir leben zwischen zwei Welten", sagt Günter Kugler vom Hutzelhof: "Die Lieferungen für die Schulen und Kitas fallen weg, Mitarbeiterinnen müssen sich um ihre Kinder kümmern und gleichzeitig rufen viele Leute an, die unsere Kisten ausprobieren wollen."

Bei Gemüse Link in Buch ist der Gastro-Bereich eingebrochen. Aus der Not macht man jetzt ebenfalls eine Tugend und liefert nach Nürnberg, Fürth und Erlangen aus: "So können wir unsere Mitarbeiter weiterbeschäftigen", sagt Kathrin Ehret. Dirk Wondra vom "Aufgetischt" denkt derweil ans Heiraten. Ende April startet die Hochzeitssaison. Da muss Corona Geschichte sein.

KATJA JÄKEL UND CLAUDINE STAUBER

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