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Corona: Nürnberger Gastro steckt weiter in der Klemme

Freischankflächen sind nicht die Patentlösung für die Sorgen - 30.06.2020 18:52 Uhr

Drinnen findet derzeit nichts statt, das Leben spielt sich draußen ab, vor der Mono-Bar in der Klaragasse Nürnberg. Doch Freischankflächen sind nicht der Sorgen absolute Lösung. 

© FOTO: Facebook/Profil Mono-Bar


Zu viel Aufwand, zu wenig Umsatz, lautet die Devise, wenn die Wetter-App dicke Wolken zeigt. Denn ein Punkt kommt ja verschärfend hinzu: Konnte man früher, vor Corona, Gäste aus dem Garten meist einfach ins Lokal umsetzen, ist das aktuell in fast keinem Fall möglich. Was also tut man mit Gästen, die gerade eine frische Runde bezahlt haben und dann von einem heftigen Gewitterschauer überrascht werden? Im Regen stehen lassen? Heimschicken? Ist ja nicht die feine Art...


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Aber auch wer aktuell im Nachtleben Nürnbergs unterwegs ist (oder es zumindest versucht), kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da gibt es eine ganze Reihe massiver Hotspots, bei denen öffentliche Plätze mit Gastronomieanbindung ohne den Hauch einer Abstandsregelung überquellen. Die dort ansässigen Betriebe verdienen sicherlich auch in Krisenzeiten ganz ordentlich. Die Polizei hingegen ist wenig amüsiert. Dem gegenüber aber steht die Tristesse kleinerer Läden, die vielleicht zunächst abwartend keine Biergartenregelung probiert haben – und sich nun doch dazu durchringen, weil einfach keine Lockerung der Innengastronomie in Sicht ist.

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Die Mono in der Klaragasse ist so ein Fall von vielen. Auf dem Papier sehen die von der Stadt im Hau-Ruck-Verfahren genehmigten zusätzlichen Freischankflächen gut aus, keine Frage. Rund um die Eckkneipe darf Inhaber Dominik Haas bestuhlen, auch mit loungigen Liegestühlen. Sogar ein Fleckerl auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ihm zugeschlagen worden. Doch lohnt sich der Aufwand? "Ich habe heute nicht mal alles aufgebaut", sagt Haas beim Vor-Ort-Besuch Samstag Nacht. Es sei als Einzelkämpfer einfach sehr viel Aufwand für die doch überschaubare Anzahl an Kunden.

Die wenigen Nachtschwärmer, die bis 23 Uhr den Weg in die Klaragasse gefunden haben, finden bequem im bis bestehenden Garten der Bar Platz. Ein "Soft-Opening" der Freiflächen am Freitag lief vielversprechend an, auch ohne große Werbung. "Das ist ja das Paradoxe an der Situation - Du willst ja keinesfalls zu viele Menschen auf einmal anziehen, damit Du nicht in den Ruf des Corona-Hotspots gerätst", sagt Haas - während Luftlinie einen Kilometer weiter das USK gerade die völlig überlaufene Freitreppe zwischen Adlergasse und Kaiserstraße räumt. Andererseits benötigt die Bar dringend Umsätze, sonst droht das Ende. "Ein halbes Jahr Pacht zu zahlen ohne Umsätze haut jeden Gastronomen aus den Latschen, so viel kannst Du gar nicht auf der hohen Kante haben", ist die Einschätzung des langjährigen Barkeepers, der die Mono erst zum Jahresbeginn als Inhaber übernommen hat.

Einziger Hoffnungsschimmer seien nun die Stammgäste, die gern auch mal ein bissel Geld mehr dalassen als sonst. "Am meisten ärgert mich, dass ich gerne meinem Personal die Chance geben würde, ein wenig Geld zu verdienen. Aber so lange es so von Tag zu Tag läuft, kann ich Personalplanung vergessen", sagt Haas.

Auch für Stammgast Claus Friedrich ist die Situation unverändert herausfordernd. Der Vollblutmusiker, der in vielen Bands, unter anderem bei den Kulturpreisträgern "Wrongkong" oder aktuell "A Careless Spark" beteiligt war und ist, verdient sich normalerweise neben einem Job als Veranstaltungstechniker (alles abgesagt) zusätzlich Geld als DJ (alles abgesagt).
Während des Lockdowns machte Friedrich aus der Not eine Tugend und vereinte seine Talente in der Streaming-Show "(Cl)aus dem Wohnzimmer" via Facebook-Livestream, in der er vorher abgefragte Liedwünsche coverte und in eine bunte Show einbaute. "Aber durch diese teilweise Öffnung jetzt schauen immer weniger die Streams", sagt Friedrich. Deswegen hat er sich schweren Herzens entschlossen, das Format wieder einzustellen. Die (vorerst) letzte Folge läuft am Mittwoch um 20 Uhr hier.

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Das Nachtleben – es hat sich massiv verändert, sind sich die Stammgäste der Mono sicher. "Du gehst halt was essen, und danach vielleicht noch fix auf einen Drink. Oder eben auch nicht, weil es sich ja eh schon fast elf. Und was hat überhaupt sicher offen?", beschreibt Haas Lebensgefährtin Anna ihre Wahrnehmung.


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Es ist kurz vor 23 Uhr. Eine Gruppe aus sichtlich angetrunkenen jungen Männern nähert sich der Bar. Was soll Dominik Haas jetzt tun? Die Kundschaft wegschicken, weil es schon zu spät ist? Oder doch noch kurz reinlassen und riskieren, dass die Gäste eben nicht bis 23 Uhr mit den Getränken fertig sind, es also Konfliktpotential mit den Ordnungshütern gibt? Haas seufzt: "Mit Entscheidungen wie diesen werden wir alleingelassen."

Der Autor macht keinen Hehl daraus, der Mono-Bar und der Klaragasse in besonderer Weise zugeneigt zu sein. Doch die Beschreibung des Erlebten stellt eine Blaupause dar für Abläufe wie sie sich derzeit überall in Nürnberg und im Freistaat zutragen und die Gastronomen an die Grenzen des Leistbaren bringen.

Sebastian Linstädt

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