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Corona-Pandemie: Pfadfinder fühlen sich von der Politik vergessen

Sippenleiter Michael Müller kritisiert im Interview die jüngsten Entscheidungen - 18.05.2021 09:43 Uhr

Bei Pfadfinderlagern kommen schnell 200 bis 400 Leute zusammen. Nach Einschätzung von Sippenleiter Michael Müller von den Pfadfindern für Christus Stamm Nürnberg dürfte es noch einige Zeit dauern, bis die Lager wieder in ihrer gewohnten Form stattfinden dürfen. Ihn würde sich schon freuen, bald in kleinen Gruppen wandern zu dürfen. 

18.05.2021 © Michael Müller


Herr Müller, seit einigen Tagen dürfen unter 14-Jährige wieder in kleinen Gruppen kontaktlosen Sport im Freien treiben, auch wenn die Sieben-Tages-Inzidenz die Zahl 100 übersteigt. Gruppen wie die Pfadfinder werden allerdings weiter außer Acht gelassen. Wie haben Sie auf diese Regelung reagiert?

Müller: Ich hatte schon vermutet, dass das Hauptaugenmerk darauf gelegt wird, wieder in den Schulalltag zu kommen und den Sport zu fördern - was ja auch wichtig ist. Vieles von der Neuregelung trifft aber auf die Anforderungen bei den Pfadfindern - wie zum Beispiel auch beim Jugendrotkreuz, der Wasserwacht oder der Jugend des Bund Naturschutz - nicht zu.

Pandemie kommt Kindern länger vor

Was bedeutet dieser Rückschlag für Sie und die Jugendlichen?

Müller: Wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder ein ganz anderes Zeitempfinden haben als Erwachsene. Für Kinder- und Jugendliche dauert die Pandemie gefühlt viel länger. Unsere jungen Mitglieder merken jetzt, dass es in den Sportvereinen wieder losgeht - und denken sich: "Super, wäre ich mal in einen Sportverein gegangen."

 Michael Müller, 49, ist seit sieben Jahren Sippenleiter bei den Pfadfindern für Christus Stamm Nürnberg. Der Quereinsteiger ist im Verband verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung der Sippenleiter. Der Erlebnispädagoge ist hauptberuflich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Nürnberg tätig. Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder.

18.05.2021 © privat


Haben Ihre Pfadfinder noch Hoffnung auf einen Neustart?

Müller: Ich habe zwar einen Plan B und könnte innerhalb von vier, fünf Tagen eine Gruppe machen. Aber das ist eine Organisationsleistung, die ich nicht von jedem erwarten kann. Die Kinder gehen auf dem Zahnfleisch. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das Gefühl haben, dass sie von den Erwachsenen und Politikern vergessen werden.

Die Pfadfinder sind zwar nicht an sich auf Sport ausgerichtet, bewegen sich aber auch viel im Freien, machen Lagerfeuer und Geländespiele in der Natur. Hätten sie mehr auf sich aufmerksam machen müssen?

Müller: Im Herbst hatten wir kurz mal Treffen, dann sind die Inzidenzwerte aber wieder deutlich gestiegen und wir mussten wieder in den Lockdown. Ich bin viel mitgegangen und habe mir gesagt: Es tut weh, aber ich akzeptiere es. Ich versuche, meine Kids entsprechend zu motivieren und sie zu überzeugen, dass die Entscheidungen richtig sind. Aktuell kann ich die Entscheidungen aber nicht mehr nachvollziehen.

Warum nicht?

Müller: Wir sind bereit, Kinder bei hohen Inzidenzwerten mit überfüllten U-Bahnen zum Wechselunterricht fahren zu lassen - in Schulen, die schlecht belüftet sind und keine Lüftungsanlagen haben. Aber dass sich Kinder in einem 30 Quadratkilometer großen Wald treffen, mit einem Abstand von locker eineinhalb bis zwei Metern, einem Hygienekonzept und der Vorgabe, einen Mundschutz zu tragen, wenn man den Mindestabstand unterschreiten müsste - das geht nicht? Das kann ich niemandem mehr erklären. Das verstehe ich ja selbst nicht mehr.

Wie haben Sie in den vergangenen Monaten den Kontakt gehalten. Wie viele Jugendliche sind schon "verlorengegangen"?

Müller: Ich weiß im Moment nicht sicher, wer noch kommen wird. Ich habe viele Telefonate mit Eltern geführt, E-Mails geschrieben und versucht, über Zoom oder Teams digitale Treffen zu organisieren. Aber die Kinder sitzen ohnehin die ganze Woche vorm Bildschirm, da brauche ich bei Pfadfindern nicht mit irgendwelchen digitalen Angeboten daherkommen. Wir haben das schnell wieder runtergefahren.

In kleinen Gruppen wandern

Wie kann ein Neustart bei den Pfadfindern aussehen? Welche Konzepte schweben Ihnen vor?

Müller: Pfadfinderlager, wie man sie kennt, werden zukünftig vermutlich ganz anders laufen müssen - zumindest in den nächsten ein, zwei Jahren. Ich würde mit meiner Sippe einen Hajk, also eine Wanderung, in der Umgebung über mehrere Tage machen. So kann man den Abstand am besten halten. Pfadfinderlager versammeln sonst ja schnell mal 200 bis 400 Leute. Das ist noch mal eine andere Hausnummer, als wenn ich mit sechs bis zehn Kindern unterwegs bin. Das wäre für mich der Einstieg.

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Was müsste die Politik mit Blick auf Gruppen wie die Pfadfinder ihrer Meinung nach jetzt tun?

Müller: Ein erster Schritt wäre es, dass man bei Aktionen unter freiem Himmel in einem gut durchlüfteten Wald (lacht) und mit einem guten Hygienekonzept wieder mit sechs bis acht Kindern und Jugendlichen arbeiten darf. Wir haben Gruppen, die sich seit Jahren kennen, mit einem festen Gruppenleiter, der auch zu den Eltern gute Beziehungen hat. Wenn die Politik das im Blick hat und klar sagt "Wir wollen, dass das stattfindet, und ihr dürft das unter diesen Voraussetzungen machen", wäre schon viel geholfen. Ansonsten müssten wir unsere Aktionen als Sport deklarieren - mit einem entsprechenden Hygienekonzept, das wir schon seit dem ersten Lockdown haben. Die rechtliche Lage wäre trotzdem fraglich.

Pfadfinder integrieren

Was muss darüber hinaus passieren?

Müller: Wir müssen diese Bürokratie abbauen, die uns in sämtlichen Bereichen lähmt. Wir müssen es schaffen, dass Schulen, Kindergärten und Tagesbetreuungen möglichst schnell Kontakt aufnehmen können, um die Jugendarbeit zu implementieren und miteinander kooperieren zu können. Neuseeland, Australien und Dänemark machen es vor. Auch in Großbritannien übernehmen Pfadfinder in den Schulen Gruppen. In Nürnberg zum Beispiel arbeitet die Maria-Ward-Schule mit einem Pfadfinderstamm zusammen. Es muss noch viel mehr getan werden, damit aus den Schulen heraus Jugendgruppen gegründet werden - seien es Sippen für die Pfadfinder oder Gruppen für Jugendrotkreuz oder die Wasserwacht.

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Was erhoffen Sie sich davon?

Müller: So könnten Verbände und Jugendgruppen andocken und ein Stück weit die Infrastruktur nutzen. Im Idealfall könnte man etwa Kurse zur Orientierung mit Karte und Kompass mit dem Heimat- und Sachunterricht verbinden, wenn dort die Himmelsrichtungen durchgenommen werden. Dass so etwas Hand in Hand geht, wäre für mich der nächste Schritt. Das entlastet die Lehrer und das Schulsystem, aber auch die Kinder und Familien - und es fördert den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit. Das wäre mein größter Wunsch und mein größtes Ziel.


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