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Corona treibt Nürnbergs Prostituierte in gefährliche Grauzonen

"Mich rufen Frauen an, die nicht mehr wissen, was sie essen sollen" - 02.06.2020 05:24 Uhr

An der Frauentormauer sind die Lichter längst ausgegangen, die Bordelle haben geschlossen. © Foto: Roland Fenger


Ein weites Hemd, das ihren Körper verhüllt, eine unauffällige Brille, halblanges braunes Haar, kein Make-up. Gerti Reiser (Name geändert) könnte an einer Supermarktkasse sitzen. Oder Briefe austragen. Doch die Frau hat einen anderen Job. Seit 27 Jahren arbeitet sie als Prostituierte. "Ich hab’s nie bereut", sagt die 62-Jährige.

Ein "eigentlich" schiebt sie schnell hinterher. Zehn Wochen Arbeitsverbot zwingen mittlerweile die gesamte Rotlicht-Branche in die Knie, auch Gerti Reiser lebt zurzeit von ihren Rücklagen. Ihr gehe es damit noch einigermaßen gut, sagt sie beim Gespräch im Beratungscafé der Prostituierten-Selbsthilfe Kassandra in der Nürnberger Südstadt. Sie hat eine Eigentumswohnung und, zum Glück, gespartes Geld, von dem sie leben kann. Zumindest noch eine Weile.

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Frauentormauer: Zu Besuch auf einer der ältesten Rotlichtmeilen

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Den Jüngeren aber – und vor allem den Kolleginnen aus Rumänien oder Bulgarien – stehe das Wasser längst bis zum Hals. Manche Bordellbetreiber in Nürnberg ließen die Frauen kostenlos in ihren "Arbeitsräumen" wohnen. Nicht alle haben so viel Glück. Manuela Göhring, Sozialarbeiterin bei Kassandra: "Mich rufen Frauen an, die nicht mehr wissen, was sie essen sollen."

Das Geld lockte

In ihrem früheren Leben war Reiser Kinderpflegerin, doch dann wurde sie arbeitslos. Mit dem Milieu kam sie in der Animierbar in Berührung, in der sie dann bediente. Das Geld habe sie gelockt, sagt die Sexarbeiterin, die vor der Pandemie ein Zimmer in einem Bordell an der Frauentormauer gemietet hatte. Zwischen 80 und 120 Euro am Tag koste das, je nach Lage. Jetzt zahlt sie nichts. Doch Frauen, die in eigenen Apartments arbeiteten, müssten weiterzahlen — ohne einen Cent Einnahmen zu haben.


Nur mit Mundschutz: Irres Hygiene-Konzept für Prostituierte


Hätte die schmale 62-Jährige einen Wunsch frei, die Antwort wäre klar: "Wieder arbeiten. Oder zumindest erfahren, wann die Politik endlich darüber sprechen wird." Ihr Berufsstand halte die Hygiene schon immer sehr hoch; Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe, nach jedem Kunden gewechselte Wäsche, Kondome, das sei schon vor Corona Standard gewesen. Gerti sieht das so: "Mein Körper ist mein Kapital. Da pass’ ich drauf auf."

Nur Kontakt zwischen Kunden und Prostituierten 

Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen hat jetzt die sofortige Öffnung der Bordelle gefordert; der Interessenverband vergleicht die Arbeit dort mit der einer Masseurin oder eines Friseurs, die ja beide wieder arbeiten dürften. Es komme schließlich nur zum Kontakt zwischen einer Prostituierten und einem Kunden, heißt es. Das sei mit Desinfektion und Mund-Nasenschutz hygienisch unbedenklich. Selbst die Erlaubnis, ausschließlich Handmassagen mit Maske anzubieten, wäre ein erster Ausweg, überlegt Gerti. Ihre Stammkunden würden das akzeptieren, ist sie überzeugt. Die Maske gäbe manchem vielleicht sogar einen besonderen Kick.


Verband fordert, Bordelle nach Corona-Zwangspause endlich wieder zu öffnen


In der Kassandra-Beratungsstelle rufen täglich verzweifelte Betroffene an. Doch viel mehr als Hartz IV zu beantragen, bleibe nicht, sagt Sozialarbeiterin Manuela Göhring. Wer seinen Wohnsitz in Osteuropa habe, falle hier natürlich durchs Raster.

Sie macht sich große Sorgen um Sexarbeiterinnen, die in der Not illegal arbeiten, mit ihren Kunden nach Hause gehen oder sich im Auto verdingen. Das sei sehr gefährlich. Doch das Arbeitsverbot bereite solchen Zuständen den Boden.

Am heutigen Internationalen Hurentag demonstriert Kassandra von 12 bis 18 Uhr im Nürnberger Hauptbahnhof gegen das Sexkaufverbot.

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