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Darum drohen an bayerischen Schulen massive Unterrichtsausfälle

Sandra Schäfer, Vorsitzende des Nürnberger LehrerInnenverbands, schlägt Alarm - 21.10.2020 10:08 Uhr

Unterricht in normaler Klassenstärke, aber bei offenem Fenster. Lehrerverbände fordern, dass der Unterricht aus Sicherheitsgründen in Kleingruppen erfolgen sollte, doch dazu fehlen Lehrer. 1400 zu wenig sind es an den bayerischen Grund- und Mittelschulen.

20.10.2020 © Uli Deck/dpa


Frau Schäfer, Sie sagen, dass die Lage an den Grund-, Mittel- und Förderschulen im Freistaat noch nie so alarmierend war wie derzeit. Was ist los?

Sandra Schäfer: Es war bereits im Januar 2020 dem Kultusministerium (KM) bekannt, dass insgesamt rund 1400 Lehrkräfte an diesen Schularten in Bayern fehlen. Wir warnen seit Jahren davor. Im Januar 2020 haben wir mit gut 2000 Lehrkräfte in Nürnberg deshalb demonstriert. Corona hat die Lage natürlich noch verschärft. Schwangere Kolleginnen können nun ab dem ersten Tag nicht mehr in die Schulen, Kolleginnen und Kollegen, die zu einer Risikogruppe gehören, arbeiten eingeschränkt oder von zu Hause. Das Arbeitszeitkonto, das noch vor Corona für die Grundschulen eingeführt wurde, um die fehlenden Lehrkräfte in der Grundschule zu kompensieren, wurde im Sommer plötzlich dazu verwendet, die personellen Löcher in den Förderschulen zu stopfen. Das hat die Lehrkräfte an den Grundschulen unglaublich demotiviert und ihnen gezeigt, dass sie sich anstrengen können so viel sie wollen, für jedes gestopfte Loch, tut sich nur wieder ein neues auf.


Kommentar: Krankes System kollabiert am Lehrermangel


Das mit dem Arbeitszeitkonto für die Grundschulen müssen Sie mir bitte näher erläutern.

Schäfer: Der Dienstherr hatte erkannt, dass die Lehrkräfte nicht reichen werden. Neben anderen einschneidenden Maßnahmen, die vor allen Dingen dienstältere Kolleginnen und Kollegen trafen, wurde zum 1. August diesen Jahres das verpflichtende Arbeitszeitkonto für Grundschulen angewiesen. Die Grundschullehrerinnen und -lehrer wurden verpflichtet, eine Stunde pro Woche zusätzlich zu unterrichten. Dann die große „Überraschung“: Die gewonnen Stunden wurden an die Förderschulen weitergegeben, weil dort die Personalnot ebenso vorhanden ist. Das Kultusministerium schiebt also diese Mehrstunden von der linken in die rechte Tasche, was zeigt, wie groß der Personalmangel ist.

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Der Bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hat aber doch gesagt, der Start ins neue Schuljahr sei unerwartet gut geglückt, man habe die Lage im Griff...

Schäfer: Wie er zu dieser Einschätzung kommt, wundert mich stark. Es war mit Sicherheit kein guter Start, die Grund-, Mittel- und Förderschulen. Die Zahlen am Anfang zeichneten ein zunächst beruhigendes Bild, nur: wenn hinter den Zahlen kein (Lehrer-)Kopf steht, hilft das keinem Kind in einer Klasse. Wir laufen im Notprogramm, die mobile Reserve ist schon jetzt aufgebraucht und wir haben erst Oktober. Normal- oder Regelbetrieb ist das keinesfalls!

Betrifft der Lehrermangel eigentlich nur die von ihnen genannten Schularten oder bestimmte Regionen?

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Schäfer: Ich bin strikt dagegen Schularten gegeneinander auszuspielen. Bei den anderen Schularten ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Lehrermangel auch auf sie auswirkt. Bereits jetzt merken doch auch Eltern mit Kindern in allen Schularten, wie viel Unterricht ausfällt. Corona kommt noch on top. Auch wenn man keine schulpflichtigen Kinder hat, kann wohl jeder nachvollziehen, dass die Probleme aus dem Bereich der Grundschule- seien es gestiegenen Schülerzahlen, Lehrermangel, fehlende Kapazitäten zur individuellen Förderung und Forderung, hinaufwachsen in die weiterführenden Schulen. Wenn sich nichts in der Politik ändert, sind in absehbarer Zeit alle Schularten voll betroffen. Die Probleme existieren bayernweit und sind nicht nur ein Nürnberger Problem. Wir als Gesellschaft werden das bitter bezahlen.

Wird es denn Unterrichtsausfall geben? Seit Jahren bestreitet das Kultusministerium ja, das es ihn überhaupt gibt.

Schäfer: Das Rätsel ist leicht gelöst. Bislang darf schlichtweg kein Unterricht ausfallen. Das ist eine Vorgabe. Wir haben die – absolut sinnvolle – Aufgabe, die sogenannte verlässlichen Halbtagsschule umzusetzen. Eltern sollen sich stets darauf verlassen können, dass ihre Kinder zwischen 7 und 13 Uhr betreut werden. Nur fehlt zu dieser Vorgabe schlicht und ergreifend mehr und mehr das Personal. So hat man in der Not an manchen Schulen mehrere Klassen zusammengelegt und sie von einem Lehrer betreuen lassen, wenn das Personal fehlte. Doch das geht in Corona-Zeiten nicht mehr.

Wie lösen die Schulen diese Crux?

Schäfer: Wir müssten eigentlich zum Infektionsschutz in Kleingruppen arbeiten, aus der Perspektive des Lehrermangels müssten wir aber Klassen zusammenlegen, um mit dem Personal auszukommen. Das geht freilich überhaupt nicht und passt hinten und vorne nicht mehr zusammen. Eltern müssen also mit massivem Unterrichts- und Betreuungsausfall rechnen.

Sandra Schäfer, Leiterin Nürnberger LehrerInnenverband und Vorsitzende des Personalrat der Stadt Nürnberg sowie Hauptpersonalrätin im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus.

21.10.2020 © NIIV


Und was ist mit den Teamlehrkräften? Können die das nicht kompensieren?

Schäfer: Die sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Titel ist irreführend: es sind eben keine Lehrkräfte, sondern Betreuungskräfte. Sie können weder qualifizierten Unterricht abhalten noch Noten vergeben. In Nürnberg gibt es Stand heute etwa 20 dieser Kräfte. Sie werden von Lehrern gecoacht, die im Kontext von Corona aus Risikogründen nicht in die Schulen dürfen, und den gesamten Unterricht aus der Ferne vor- und nachbereiten. Der wesentlich größere heiße Stein ist für uns, dass wir nicht mehr ausreichend Lehrkräfte haben. Mindestens ein Pool für eine Betreuung muss schnell her. Viele Kolleginnen und Kollegen zerreißt die Situation innerlich.

Welche Rolle spielt Corona konkret in der dieser Krise?

Schäfer: Es verschärft die Situation, wie überall. Ich bekomme oft Anrufe von verzweifelten Schulleitern, die mich fragen, was sie tun sollen, wenn Sie am Vorabend nicht wissen, wie sie früh die Klassen versorgen, wenn Kolleginnen oder Kollegen ausfallen. Sie wollen den Schülern so gut es nur geht Unterricht anbieten, arbeiten bis zum Umfallen und doch reicht es nicht. Überhaupt, die ganzen Diskussionen um Decken für die Klassenzimmer oder dickere Kleidung für die Schüler, oder das regelmäßige Lüften: Wir wissen doch alle, dass die richtige Lösung darin bestünde, den Abstand zu halten. Wir müssten in kleineren Gruppen unterrichten, das wäre sicherer, würde den Präsenzunterricht sichern, gesünder sein und wir könnten individueller auf die Schüler eingehen.

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Welche Lösungswege sehen Sie, um dem Lehrermangel zu begegnen?

Schäfer: Wir müssen den Schweinezyklus durchbrechen, die Versorgung an den Schulen besser auf unvorhergesehene Ereignisse, wie Pandemien, Geburtensteigerungen oder -rückgänge, vorbereiten. Diese Situationen lassen sich sicher nicht berechnen, aber dennoch benötigen wir einen Personalvorrat. Den bekommen wir nur über eine möglichst rasche Reform der Lehrerbildung. Ein Studium, das zunächst einen gemeinsamen Grundstock für alle Schularten bildet und danach eine Modularisierung für die jeweilige Schulart zulässt. Lehrer müssen in Krisensituationen an allen Schulen einsetzbar sein können.

Und darüber hinaus?

Schäfer: Eine Anpassung der Lehrerbesoldung ist auch absolut notwendig. Es ist nicht motivierend, dass Grund- und Mittelschullehrer als einzige Akademiker deutlich weniger Geld erhalten als alle anderen Lehrämter. Dies muss schleunigst geändert werden, denn auch darum ergreift doch niemand mehr diesen Beruf. Das schlechtere Gehalt und die schlechten Rahmenbedingungen an den Grund- und Mittelschulen beeinflussen die Entscheidung der Studienanfänger.

Keine nennenswerte Entlastung für Schulen

Der bayerische Kultusminister wird Ihnen entgegnen, er habe doch schon so viel zur Entlastung der Lehrer beigetragen: Einstellung von mehr Verwaltungskräften, mehr Leitungsstunden für Schulleitungen, Herausnahme einiger Schulen aus der externen Evaluation, sowie finanzielle Mittel für Drittkräfte zur Verfügung zu stellen...

Schäfer: Es gab durch diese Maßnahmen keine nennenswerte Entlastung an den Schulen. Viele Forderungen sind schon ewig alt. Ein Beispiel: Die Verwaltungskräfte sind nach wie vor schlecht ausgestattet. Für diese Schul-Sekretärinnen an Grund- und Mittelschule gibt es viel zu wenig Stunden, mit stetig wachsenden Aufgaben. Die Bezahlung wurde jetzt ein bisschen angehoben, ja. Ein langst überfälliger Schritt.

Die Leitungsstunden sind noch immer viel zu knapp bemessen. Im groben Schnitt hat ein Schulleiter der Grund- und Mittelschule mehr als die Hälfte der Arbeitszeit im Unterricht zu sein, den „restlichen“ Teil mit einer riesigen Verantwortung zur Leitung einer Schule, einer Behörde, mit allen Pflichten.

Externe Evaluation auf Freiwilligkeit umzustellen – wenn man eh zu wenig Fachkräfte für den Unterricht hat, da sie zu viele Kräfte bindet – Kunststück. Aber gut: Ja, es ist eine richtige Maßnahme. Und doch: Minister Piazolo redet den Lehrermangel klein, anstatt die Hilferufe seiner Lehrkräfte ernst zu nehmen. In seiner früheren Position als Oppositionspolitiker analysierte er klar, was dringend nötig ist. Nun müssen die Lösungen durch ihn vorangetrieben werden! Und: Zu aller erst gehört mal Ehrlichkeit auf den Tisch. In einer Pressekonferenz jüngst war es Ministerpräsident Söder, der dem Kultusminister ins Wort fiel: Reden wir doch nicht drumherum, wir haben Lehrermangel. Ehrlichkeit und Taten sind jetzt gefragt, wenn wir unseren Kindern in den Schulen und unserer Zukunft gerecht werden wollen.


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