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Das Kreuz mit der Fassadendämmung

Energie soll gespart werden, doch das Stadtbild leidet - 27.02.2015 08:00 Uhr

Ein Haus in der Nunnenbeckstraße, wahrscheinlich aus den fünfziger Jahren.

© Boris Leuthold


Nach der Sanierung ist das für die Zeit typische Fassadenrelief hinter einer Styroporwand verschwunden.

© Boris Leuthold


In Nürnberg hat sich deshalb eine Gruppe um Elmar Hönekopp unter dem Namen „Stadtbildinitiative“ zusammengetan, die Fotografien sammelt, wie historische Häuser durch Dämmfassaden aus Styropor ihr Gesicht verlieren. Wenn die Dämmung nicht fachgerecht ausgeführt wurde, dann entstehen die sogenannten Schießscharteneffekte: Die Wohnungen sind dann dunkler als vorher. Boris Leuthold hat aussagekräftige Beispiele in der Nunnenbeckstraße 42, in der Äußeren Sulzbacher Straße 132, im Kirchenweg 50 und in der Valznerweiherstraße 7 fotografiert: Fassaden, die vorher gegliederte waren und ein „Gesicht“ hatten, werden zu anonymen, aufgeplusterten Kisten. Die Häuser werden durch eine 20 Zentimeter dicke Außendämmung anonym und austauschbar. Ökologisch sinnvoll ist eine Dämmung von zehn Zentimetern. Alles andere rechnet sich nicht.
Die Stadtbildinitiative, die neben Einzelpersonen auch von den Altstadtfreunden, von Baulust, der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur sowie von der Stadtökologie Nürnberg und der Stadtheimatpflegerin Unterstürzung erfährt, will das Thema in öffentliche Diskussion einbringen. „Bauensembles sind für die Bevölkerung identitätsstiftend“, so Hönekopp. Die oft schlampig erfolgte Dämmung führe nach und nach zu einer Zerstörung des Stadtbilds. Das Stadtbild mit den für Nürnberg typischen Straßenzügen leide. Auch in anderen Städten Deutschlands wie Berlin haben sich Gleichgesinnte aufgemacht, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was an Baukultur kaputtzugehen droht. Dabei handelt es sich nicht um die baulich bedeutenden Häuser einer Stadt, sondern um den normalen Wohnungsbau. Bisweilen verschwinden nicht nur Fassaden, sondern auch der Fassadenschmuck aus den fünfziger Jahren hinter Styropor. Die Häuser werden durch eine dicke Außendämmung anonym und austauschbar.

Ein Haus in der Äußeren Sulzbacher Straße vor und nach der energetischen Sanierung.

© Boris Leuthold


Dass der Bauunterhalt nötig war, ist keine Frage. Aus dem charmanten Häuschen wurde aber eine typische Dämm-Kiste.

© Boris Leuthold



Hönekopp und seine Mitstreiter hatten befürchtet, dass durch das geplante Milliardenprogramm der Bundesregierung, mit dem die Abschreibungsmöglichkeiten für Dämmung sowie für die Sanierung von Heizungen und Fenster noch weiter verbessert werden sollten, zu einem regelrechten „Dämmwahn“ führen wird. Überraschend wurde gestern der Gesetzesentwurf in Berlin zurückgezogen. Offiziell hieß es in Bundeshauptstadt, dass es keine Einigkeit von Bund und Ländern bei der Finanzierungsfrage gegeben habe.
Doch es gibt auch inhaltliche Argumente:
- Der Deutsche Feuerwehrverband hat auf 20 Seiten Dutzende von Beispielen gesammelt, welche Gefahren von brennenden Styroporfassaden ausgehen, denn es können sich schnell Flächenbrände entwickeln. Eigentlich sind Brandriegel beim Fassadenaufbau Vorschrift, um das Überspringen des Feuers von einer auf die nächsten Etage zu verhindern, doch daran halten sich nicht alle.
- Der Deutsche Städte- und Gemeindebund warnte auf seiner Jahresversammlung im Januar vor der Verschandelung der Kommunen durch „styroporgedämmte Fassaden“, weil durch die „monoton eingepackten Gebäude“ ein dauerhafter Verlust von Baukultur entsteht. In den Fassaden enthaltene Giftstoffe und das Entsorgungsproblem seien weitere Nachteile dieser Form von Dämmung. Der kommunale Spitzenverband forderte deshalb ein Förderprogramm für die energetische Sanierung von Häusern, das „technologieoffen“ ist. Auch der Einsatz von stromsparenden Geräten sollte enthalten sein.
- In seltener Eintracht lehnen auch Gunther Geiler, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds in Nürnberg, und Gerhard Frieser, erster Vorstand des Grund- und Hausbesitzervereins, den Dämmwahn ab, weil sich die Investition nur unter bestimmten Bedingungen für Mieter und Hausbesitzer rechnet. „Die Einsparungen bei der Energie sind meistens nicht so groß, dass sie die

Mieterhöhung ausgleicht“, sagt Geiler (siehe auch Artikellink). Styropor sei einfach oft ein Hebel, um Mieterhöhungen durchzusetzen. Frieser kritisiert den Zwang, eine Volldämmung durchzuführen, wenn man Sanierungskosten auf die Miete umlegen will. Einzelmaßnahmen wie neue Fenster seien oftmals sinnvoller. Fachleute des Grund- und Hausbesitzervereins kritisieren auch die möglichen Folgen der Dämmung: Schimmelbildung, Algenbefall der Fassade und spektakuläre Brände. Eine energetische Sanierung rechne sich nur, wenn vom Eigentümer zugleich auch Erhaltungs- und Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden.

 

ANDRÉ FISCHER

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