Donnerstag, 26.11.2020

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Demo in Nürnberg: Lehrer und Schulen sind am Limit

80 Teilnehmer prangern das Schulsystem an - 23.10.2020 19:35 Uhr

Sie haben genug: Auf dem Hallplatz in Nürnberg demonstrieren rund 80 Lehrer gegen die ihrer Meinung nach desaströsen Umstände an Schulen.

23.10.2020 © Foto: Stefan Hippel


Es geht nicht um eine Schulstunde mehr oder eine zusätzliche Pausenaufsicht. Sondern es geht „um ein System, das krankt – und das seit Jahren“. Deshalb hilft aus Sicht von Ruth Brenner nur eines: Das ganze Bildungssystem muss neu gestaltet werden.

Kultusminister redet die Lage schön

Mit dieser Meinung ist die Förderlehrerin für Grund- und Mittelschulen nicht allein. Knapp 80 Lehrerinnen und Lehrer haben sich gestern am Hallplatz versammelt, um zu demonstrieren. Gegen die aktuellen Zustände in den Schulen. Denn die sind am Limit, in jeglicher Hinsicht. Sie meinen damit nicht nur die Corona-Situation, sondern zum Beispiel auch den massiven Lehrermangel.


Kommentar: Krankes System kollabiert am Lehrermangel


Deshalb stößt es Ruth Brenner sauer auf, dass Bayerns Kultusminister Piazolo seit Schuljahresbeginn nur erklärt, wie gut es laufe. Sie zeigt eine andere Wahrheit auf: „Zwei Drittel der freien Stellen werden nicht oder nicht mit Fachkräften besetzt.“ Die Erfahrung zeige: Das geht nicht gut. Die derzeitige Situation in den Schulen ist prekär, kommt jetzt irgendwo noch ein Grippe-Fall dazu, „werden die Ersten zusammenbrechen“.

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Johannes Schiller, wie Brenner bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aktiv, hat eine Folge der Lage erst jetzt mitgeteilt bekommen. „Eine Förderschule hat jetzt das Zwei-Klassen-Prinzip eingeführt“, erklärt der Sonderpädagoge aus Nürnberg. An dieser Schule ist ein Lehrer nun für zwei Klassen, die räumlich nahe beieinanderliegen, zuständig. Unterstützt wird er dabei von einer Hilfskraft. „Das ist nicht mehr Bildung, das ist Betreuung.“

Seit zehn Jahren wird es immer schlimmer

Schiller ist seit 35 Jahren Lehrer, seit zehn Jahren nehme die Arbeitsbelastung ständig zu. Entlastung oder zumindest eine entsprechende Vergütung? Gerade für Lehrer an Förder-, Grund- und Mittelschulen Fehlanzeige. Bei Funktionsämtern zeigt sich das. Im Studium können Lehramtsstudenten Zusatzausbildungen machen, zum Beispiel zum Beratungslehrer. „Lehrer an Grundschulen müssen dafür später zwei Stunden weniger halten – Gymnasiallehrer steigen eine Gehaltsstufe auf.“

Beispiele wie diese hat Schiller viele. Die Basis sind uralte Regeln aus Zeiten, als Grundschullehrer noch kein Studium absolviert haben. Und: Während an Förderschulen Personal fehlt, stehen ausgebildete Gymnasiallehrer auf der Warteliste. Die Gewerkschaft fordert, sie dort einzusetzen, wo Mangel herrscht, zum selben Einstiegsgehalt wie am Gymnasium.

Unterricht in normaler Klassenstärke, aber bei offenem Fenster. Lehrerverbände fordern, dass der Unterricht aus Sicherheitsgründen in Kleingruppen erfolgen sollte, doch dazu fehlen Lehrer. 1400 zu wenig sind es an den bayerischen Grund- und Mittelschulen.

20.10.2020 © Uli Deck/dpa


Schiller und Brenner haben viele Vorschläge. Manches sei wenig aufwendig. „200 Milliarden haben Wirtschaftsunternehmen als Unterstützung in der Corona-Krise bekommen, eine Milliarde würde reichen, um alle Klassenzimmer mit einem guten Lüftungssystem zu versorgen“, rechnet Brenner vor. Die Lerngruppen wiederum gehören verkleinert, der Lehrplan entrümpelt, sind sich die Lehrer einig. „Wir schaffen keine weitere Verdichtung“, sagt Brenner. Sie brauchen Entlastung.

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