Camp bekommt Zweigstellen

"Den Druck erhöhen": Klimaschützer schwärmen in Stadtteile aus

8.9.2021, 15:01 Uhr
Noch bis Freitag gastieren die Klimacamper im Stadtteil Kleinweidenmühle. Am Sebalder Platz halten sie nun schon ein Jahr durch. 

Noch bis Freitag gastieren die Klimacamper im Stadtteil Kleinweidenmühle. Am Sebalder Platz halten sie nun schon ein Jahr durch.  © Roland Fengler, NNZ

Seit dem 3. September 2020 harren die Umweltaktivisten auf dem Sebalder Platz aus und versuchen mit ihrer Dauermahnwache, ein Zeichen für mehr Klimaschutz und -gerechtigkeit zu leisten. Wer dachte, den Campern könnte allmählich die Puste ausgehen, scheint sich aber geirrt zu haben. "Wir wollen den Druck erhöhen", sagt im Gegenteil Erik Stenzel, Pressesprecher des Klimacamps. Deswegen möchte man unter dem Stichwort "Klimazirkus" gleichsam Zweigstellen in den Stadtteilen eröffnen. Erste Station: Kleinweidenmühle.

Stachel vor dem Rathaus

Noch bis zum 10. September sind die Klimacamper eine Woche lang in der Prateranlage mit einem großen bunten Zelt vertreten, zudem gibt es dort reichlich Informationsmaterial und Veranstaltungen.

"Wir sind mit dem Camp am Sebalder Platz der Stachel vor dem Rathaus", meint Stenzel. Aber auf der anderen Seite gehöre man im Zentrum, wo man allen Wetterbedingungen getrotzt habe, fast schon "zum Interieur", außerdem komme man dort zwar mit vielen Touristen, aber nicht so sehr mit Nürnbergern ins Gespräch. "Die Menschen in den Stadtteilen betrifft der Klimawandel stärker", sagt Stenzel und erinnert zum Beispiel an die dicht bebaute Südstadt, die sich im Sommer stets enorm aufheize.

Ein Leiter, ein Teilnehmer

Erste Station für den Klimazirkus ist nun aber zunächst einmal die Prateranlage, wo die Klimacamper direkt an einer viel befahrenen Straße ihr Zelt aufgeschlagen haben. Das sorge schon für gemischte Reaktionen der Autofahrer, berichten die Organisatoren Stenzel und Anja Kircher. Und von den Campern erfordere das noch mehr Einsatz. "Nachts zu schlafen, funktioniert hier natürlich nicht so gut wie am Sebalder Platz", sagt Kircher.

Hier wie dort müssen die Camps aber 24 Stunden lang mit mindestens zwei Personen (ein Versammlungsleiter, ein -teilnehmer) besetzt sein, damit die Veranstaltung die Auflagen einer politischen Versammlung erfüllt sind. Eigentlich habe man den Rosenaupark nutzen wollen, hier habe die Stadt aber ihr Veto eingelegt und stattdessen die Prateranlage als Standort vorgeschlagen, berichtet Kircher: "In der Rosenau wären wir vielleicht mit Familien stärker ins Gespräch gekommen." Aber auch in der Prateranlage habe es Gespräche mit Anwohnern gegeben. "Wir haben einen Talk zur Lebensmittelverschwendung veranstaltet, Stadträte eingeladen und es gab ein Konzert", referiert Kircher das Programm in der Woche zwischen 3. und 10. September. Bei dem Konzert griff Stenzel, der auch Liedermacher ist, zur Gitarre.

St. Leonhard und Zabo im Fokus

Das alles habe Leben in den "Zirkus" gebracht, so Kircher. Seinen Namen hat die Camp-Zweigstelle, weil man an einen "Wanderzirkus" erinnern möchte, sagt Stenzel. Der soll - nach einer kurzen Pause - künftig auch in anderen Stadtteilen unterwegs sein. Aus St. Leonhard und Zerzabelshof gebe es positive Signale von den Bürgervereinen. Die Camper selbst könnten sich zudem auch vorstellen, in Gostenhof oder auf dem Aufseßplatz zu gastieren. Dort könnte man aber das bunte Zelt wegen fehlender Grünflächen kaum justieren, gibt Stenzel zu bedenken. Hier müssten sich die Umweltaktivisten also eine Alternative überlegen. Analog zu einem gastierenden Zirkus wolle man künftige Stadtteilgastspiele aber stärker im Vorfeld bewerben, etwa mit Flugblättern.

Die Aktivisten berichten in ihrer Einjahresbilanz, dass sie von Bürgern und Politik viele positive Rückmeldungen für ihr Engagement erhalten hätten. Zugleich aber habe sich politisch wenig getan. "Die Stadt wirkt mutlos", sagt Stenzel etwa in Bezug auf die Debatte über den Ausbau des Frankenschnellwegs - ein Verkehrsprojekt, das die Umweltschützer gerne beerdigen würden. Zudem werfen sie der N-Ergie vor, dass diese den Anteil der eigenen Produktion von erneuerbarer Energie zu wenig ausbaue und stattdessen auf Zertifikatehandel setze. Es sei frustrierend, dass man zwar so viel Zustimmung erhalte, so Stenzel, dies aber kaum faktische Konsequenzen habe. Aber man wolle weitermachen: "Es fühlt sich gut an, etwas zu tun."

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