Donnerstag, 01.10.2020

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Der besondere Reiz liegt hier im Detail

Um 1900 erlebte der Jugendstil im Stadtteil St. Leonhard einen wahren Boom - 23.04.2020 18:25 Uhr

Dem Haus Orffstraße 8 – hier auf einer Aufnahme von 2015 – spendierte Architekt Renker einen schmucken Eckturm. Das rote Nachbarhaus Nr. 10 wurde damals gerade restauriert.

© Foto: Boris Leuthold


Für die Freunde des Jugendstils ist der Nürnberger Stadtteil St. Leonhard ein kleines Dorado, in dem man in mancher Seitenstraße wahre Schätze dieses kurzlebigen, aber damals wie heute höchst beliebten Stils entdecken kann.

Nun braucht man sich nicht der Illusion hingeben, dass hier, in einer vorwiegend von Mittel- und Geringverdienern bewohnten Vorstadt, um 1900 der letzte Schrei geplant und gebaut wurde. Die Grund- und Aufrisse der Mietshäuser waren zumeist Stangenware: Was tausendmal funktionierte, funktionierte auch beim 1001. Mal. Durchaus reizend und ein Grund zum Stolz aber sind die Detaillösungen, die die Baukünstler für das jeweilige Gebäude ersannen. Drei besonders schöne Exemplare, die ihr Schöpfer mit viel Fantasie und Können zur Zierde der ganzen Straße gemacht hat, sind die Anwesen Orffstraße 4, 6 und 8.

1904 gab es in der Orffstraße – die übrigens nicht nach dem Komponisten Carl Orff (Carmina Burana), sondern nach seinem Namensvetter, dem bayerischen Infanterie-General Karl von Orff auf Frohburg benannt ist – gerade einmal zwei Häuser. Sechs Jahre später war kaum noch eine Fläche übrig, auf der kein Neubau stand. Die Mietshäuser Nr. 4, 6 und 8 entwarf der Architekt Michael Renker zwischen 1905 und 1906. Er stammte aus Hausen bei Forchheim und hatte 1898 als "junger Hupfer" mit gerade 27 Jahren in Nürnberg ein "Bautechnisches Büro" gegründet. Ein weiser Karriereschritt, denn das Geschäft lief wie geschmiert: Wer sich durch die Baugeschichte der Nürnberger und Fürther Mietshäuser der Jahrhundertwende gräbt, stolpert häufig über Renker und seine Entwürfe. Als er die Pläne für die Häuser in St. Leonhard zeichnete, residierte er bereits in einem ansehnlichen Miets-palast in der Roritzerstraße 34 und hatte sich unlängst – nobel, nobel! – einen privaten Fernsprecheranschluss legen lassen.

Erhalt ist ein Glücksfall

Die Aufnahme stammt von etwa 1915 und zeigt die Orffstraße 6 mit dem ursprünglichen Ladeneinbau und dem Balkon über dem Erker im dritten Obergeschoss.

© Fotos: unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden), Boris Leuthold


Alle drei Häuser in der Orffstraße gestaltete Renker mit polygonalen Erkern, geschweiften Giebeln, das Haus Nr. 8 darüber hinaus mit einem straßenbildprägenden Erker mit Welscher Haube. Die verwandte Sprache der Architektur und des Ornaments lässt noch heute erkennen, dass die Bauten aus ein und derselben Feder stammen. Jedes Haus verfügte ehedem über ein Ladenlokal im Erdgeschoss, das 1925 vom Milchladen Kurtz & Zanders (Orffstraße 4), der Obst- und Gemüsehandlung Löffler (Nr. 6) und dem Friseursalon Schwarz (Nr. 8) belegt war.

In der Orffstraße 6 verewigte sich Renker im Giebel zur Straße mit seinem Monogramm, das das Jahr der Erbauung des Gebäudes 1905 einfasst. Darunter wachen Apollon, der antike griechische Gott des Frühlings und Diana, Göttin der Jagd, die ein unbekannter Stuckateur als Reliefs an die Fassade gezaubert hat, über das Haus und seine Bewohner. Am Erker darunter, den man später leider seines abschließenden Balkons nebst Geländer und Zugangstür beraubt hat, wuchert zwischen verfremdeten Pilastern florales und geometrisches Ornament. Ein wenig strenger, aber nicht minder bezaubernd zeigt sich das flächige Dekor an den beiden Nachbarhäusern, das mit Girlanden und Ornamentmustern aufwartet.

100 Jahre später zeigen sich Häuser Orffstraße 6 und 4 (von links) nur leicht verändert. Die früheren Ladenlokale mussten Wohnraum weichen.

© Fotos: unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden), Boris Leuthold


Dass die kostbare Jugendstil-Bauzier der Orffstraße 6 und ihrer beiden Nachbarn so wunderbar erhalten blieb, ist ein Glücksfall. Nicht wenige Hauseigentümer ließen sich schon ab den 1920er Jahren, als der Trend zu stereometrischen, schmucklosen Baukörpern ging, von der Mode und geschäftstüchtigen Handwerkern dazu verleiten, das Dekor abzuschlagen. Allein die ungeteilten Fenster der Häuser Orffstraße 4 und 8 und die (nicht uninteressanten, aber an dieser Stelle völlig unpassenden) Haustüren aus den 1960er-Jahren trüben den malerischen Eindruck des kleinen Ensembles.

Doch es besteht Hoffnung: Erst vor wenigen Jahren hat man das Eckhaus Orffstraße 10 liebevoll instandgesetzt (die schrille Haustür aus der Wirtschaftswunderzeit allerdings belassen). Vielleicht ein Leuchtturmprojekt für das ganze Viertel? Verdient hätte es das schöne St. Leonhard, dieses Dorado des Nürnberger Jugendstils.

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Sebastian Gulden

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