Die abenteuerliche Geschichte des Jazzstudios

9.10.2009, 00:00 Uhr

© Sippel

Das heutige Jazzstudio war ursprünglich eine Durchfahrt zur Vestnertormauer hinaus. In der Durchfahrt gab es Zugänge zu den riesigen Bierkellern. «Da sind Fuhrwerke rein gefahren, haben Bier aufgeladen und dann sind sie weiter gefahren», erzählt Walter Schätzlein, Jazzstudio-Veteran der ersten Stunde.

Im Zweiten Weltkrieg war das Sandsteingewölbe Teil einer Bunkeranlage – eine Luftschutztür am Eingang zeugt noch heute davon. Als schließlich 1954 ein paar junge Jazzbegeisterte in den Kriegsruinen nach einem geeigneten Clubraum suchten, entdeckten sie den Keller. Der heutige Zugang war verschüttet und man musste über eine wackelige Holztreppe hinabsteigen. «Außenrum war alles zerbombt», erinnert sich Schätzlein. «Innen standen alte Fässer mit Sauerkraut und Gurken.»

Für eine stolze Summe von anfänglich 50 DM pachteten die Pioniere des Jazzstudios den Keller und sie bauten ihn aus. Auf einem Podest platzierten sie einen Plattenspieler. «Wir sind drum herum gesessen, haben Jazz gehört, viel Bier getrunken und heftig über die Musik diskutiert», beschreibt Schätzlein. «Jeder hat seine Platten mitgebracht.» Auf diese Weise hätten sie sich die Nächte um die Ohren geschlagen bis ihnen morgens die Vermieterin einen Kaffee brachte.

Wer in den Club wollte, musste ein Plattenliste vorlegen

Als Möbel dienten alte Fässer und Wirtshausbänke. Aber der Jazzkeller war exklusiv: Wer hinein wollte, der musste klingeln und wer in den Club aufgenommen werden wollte, der brauchte einen Bürgen und musste ein Verzeichnis von den eigenen Platten vorlegen. Aber die Mitglieder des Jazzclubs kennzeichnete nicht nur ihre Musikverrücktheit. Eine lange Nacht im Keller schlug sich auch in den Kleidern nieder, wie Walter Schätzlein lachend erzählt: «Jeder, der aus dem Jazzkeller kam, der hatte einen ureigenen Geruch!»

1955 traten die ersten Live-Bands auf, zunächst regionale und bald darauf auch überregionale, wie z. B. der Berner Trompeter Hazy Osterwald. Im Oktober 1955 benannte sich der Jazzclub offiziell in «Jazzstudio» um und ließ sich ins Vereinsregister eintragen. Etwa um die selbe Zeit begann der Wiederaufbau des Hauses über dem Keller und die Jazzer mussten vorübergehend ausziehen.

Während dem Wiederaufbau des Häuser ringsum wurde der Jazzkeller bis 1957 grundlegend saniert. Auch wenn durch die Renovierungskosten ein akuter Geldmangel in der Vereinskasse herrschte, das Jazzstudio hatte sich in der Zwischenzeit für ein breiteres Publikum geöffnet. Der Laden brummte und im kleinen Keller stand zeitweise so dick der Zigarettenrauch, dass man von weiter hinten die Musiker kaum sehen konnte. «Bier und Rothändle, das war das, was die Jazzer genossen haben!», sinniert Schätzlein.

Die Namen der Musiker, die im Keller spielten, wurden zunehmend prominenter. «Wir hatten sehr viele Amerikaner hier», erzählt Günter Albrecht, Vorstandsmitglied und Veteran des Jazzstudios. «Für viele Gruppen war es eine Ehre und Anerkennung, wenn sie hier spielen durften. Das ist auch heute noch so!»

Konzerte mit Spitzenstars, wie zum Beispiel Dizzy Gillespie, John Coltrane oder Albert Mangelsdorff hätten allerdings nur selten im Keller stattgefunden. Dafür sei die Räumlichkeit zu klein.

Manche der Stars haben aber nach ihrem Auftritt im Jazzkeller noch ein Bier getrunken. Andere, wie der Saxophonist Don Menza, waren regelrechte Fans von der heimeligen Atmosphäre.

«Wenn Menza in München einen Auftritt hatte, rief er nach seinem Konzert an und fragte: «Ist bei euch noch was los?», erzählt Schätzlein. «Er ist dann nach Nürnberg gefahren und hat hier die ganze Nacht gejazzt.» Der Jazzkeller wurde immer wieder um um- und ausgebaut, die Bühne versetzt und eine Bar eingerichtet. Heute, 55 Jahre nach seiner Gründung, ist er ein familienfreundlicher Musikclub mit Rauchverbot und einer der ältesten Jazz-Clubs in Europa. Immer noch wird er ehrenamtlich geleitet und es gibt nach wie vor massenhaft Anfragen von Jazzern. «Es gibt zu wenig Spielmöglichkeiten, die laufen einem das Haus ein», berichtet Walter Schätzlein. Aber dennoch ist vieles anders geworden. «Heute gibt es viel mehr Solisten und Eigenkompositionen und die Weltmusik hat Eingang in den Jazz gefunden», stellt Schätzlein fest. Er und Günter Albrecht bedauern, dass dabei oft die Spontaneität der Musiker auf der Strecke geblieben ist: «Dass heute einer anfängt zu spielen und drei, vier andere

einfach einsteigen, das ist leider vorbei.»

Jazzstudio Nürnberg am Paniersplatz 27, Infos im Internet unter www.jazzstudio.de

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