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Die Hallertorbrücke im Lauf der Geschichte

Wie die Nationalsozialisten das Bauwerk für ihre Propaganda nutzten - 10.10.2019 14:57 Uhr

Die Hallertorbrücke im Jahr 1938: Der propagandistische Popanz mit Obelisk und Parteiadler war fertig, das Beethoven-Denkmal stand am neuen Platz. © Verlag Liebermann & Co. (Sammlung Sebastian Gulden)


Wer mit dem Auto vom Burgberg hinab über die Pegnitz fährt, der achtet hoffentlich vor allem auf den Verkehr und den Rotlichtblitzer am Hallertor und nicht so sehr auf die Brücke, über die er fährt. Na ja, ist auch sicherer so. Die Nazis ließen die Vorbeikommenden – ob zu Fuß, auf dem Rad, in der Tram oder im Automobil – nicht so unbeeinflusst passieren.

Als der Ausbau der Ringstraße um die Nürnberger Altstadt 1936 an der Achse Neu- und Westtorgraben angelangt war, ließ die Stadt die Hallertorbrücke nicht nur nach beiden Seiten verbreitern. Sie nutzte überdies die Gelegenheit, das Bauwerk mit einem Denkmal für die ideologische Indoktrination „en passant“ zu versehen.

Die Hallertorbrücke heute –ohne Propaganda-Beiwerk und mit einer nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend erneuerten Randbebauung. © Sebastian Gulden


Den Anlass bot das im selben Jahr verübte Attentat auf Wilhelm Gustloff, Landesgruppenleiter der NSDAP in der Schweiz, den das Regime eilfertig zum „Blutzeugen der Bewegung“ erhob und die Brücke nach ihm umbenannte.

In Anbiederung an die barocke Obere Karlsbrücke in der Altstadt traten mit Sandsteinvorsatzplatten verkleidete Brüstungen mit halbrunden Kanzeln an die Stelle der feingliedrigen Gusseisengeländer, die man im 19. Jahrhundert angebracht hatte.

Für die westliche Kanzel fertigte der Bildhauer Karl Gulden einen Obelisken mit bekrönendem Parteiadler und dem Hakenkreuz im Eichenlaub, ein Relief mit dem Porträt Gustloffs und eine Inschrifttafel aus Bronze, die vor judenfeindlicher Hetze – Gustloffs Attentäter David Frankfurter war Jude – geradezu triefte.

Seit 1936 wacht Ludwig von Beethovenüber die Hallerwiese unddie Hallertorbrücke.BaldsollenParkundDenkmalsaniertwerden. © Sebastian Gulden


Diese Machwerke, die der Nürnberger Historiker Gerhard Jochem treffend als „Antisemitismus aus Steuergeldern“ bezeichnete, verschwanden 1945 mitsamt der Widmung an Gustloff sang- und klanglos auf dem Schutthaufen der Geschichte.

Im Kern stammt die Hallertorbrücke aus dem Jahr 1697 und wurde 1963 nochmals nach Westen erweitert – auch diesmal des Verkehrs wegen. Wer auf den Uferwegen zu beiden Seiten der Pegnitz unterwegs ist oder vor dem Café „Schnepperschütz“ im nordwestlichen Widerlager der Brücke an der Hallerwiese seinen Espresso schlürft, kann die verschiedenen Ausbaustufen am Wechsel der Materialien in den beiden Bögen erkennen.

Die Dauerbelastung forderte schließlich ihren Tribut, so dass das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Bauwerk 2015 bis 2016 einer gründlichen Instandsetzung und statischen Ertüchtigung unterzogen werden musste. Ihren Namen verdankt die Brücke übrigens dem nahen Hallertor, das seine Bezeichnung wiederum der Hallerwiese und ihrem ersten nachweisbaren Besitzer Berthold Haller († 1379) entlehnt hat.

Der kleine „Pocket Park“ an der Nordwestseite der Hallertorbrücke ist ebenfalls eine Zutat der 1930er Jahre. Die dort aufgestellte Sitzfigur des Komponisten Ludwig van Beethoven, die der Bildhauer Konrad Roth aus Untersberger Marmor geschaffen hat, ist ein Opfer des „Denkmälerrückens“, das die nationalsozialistische Stadtverwaltung – mal aus verkehrstechnischen, mal aus ideologischen Gründen – in Nürnberg veranstaltete.

1937 war die Hallertorbrücke wieder für den Verkehr geöffnet. An der Verkleidung aus Sandstein wurde noch gearbeitet, der Obelisk harrte seiner Aufstellung. © Andreas Helldörfer (Sammlung Stefan Schwach)


Bestimmt war die Figur nämlich für den Vorplatz des Opernhauses, wo sie 1923 nach einer langen Planungs- und Ausführungsphase von zwölf Jahren aufgestellt worden war. Ihre Stifterin war die Klavierlehrerin und Beethoven-Verehrerin Ottilie Schäfer. Im Zuge der Neugestaltung des Opernhauses und seines Umfeldes, die Hitler 1935 befohlen hatte, musste das Denkmal weichen.

Auch nach dem Krieg durfte Beethoven an seinem neuen Standort in dem kleinen Park bleiben. Beides soll demnächst instandgesetzt werden. Auf den Opernvorplatz zurückkehren wird das Denkmal aber nicht. Denn als man den Platz 1988 einer Neugestaltung unterzog, hat ein anderer großer Name der Musikgeschichte – oder besser gesagt: dessen Porträtbüste – seinen Platz eingenommen: Richard Wagner.

 

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Sebastian Gulden

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