Dienstag, 12.11.2019

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Diese Frau möchte Nordbayerns neue Sprengmeisterin werden

Bettina Jurga arbeitet seit Januar beim Sprengkommando Nürnberg - 19.10.2019 12:52 Uhr

Bettina Jurga lernt bei den Einsätzen viel von Sprengmeister Michael Weiß. Absolutes Vertrauen sei im Team unabdingbar. © Foto: Tino Lex, Lexpress Presseagentur


Genau genommen entspringt dieser Berufsweg einem Zufall. Ein Bekannter, der selbst im Kampfmittel-Bereich tätig ist, erzählte Bettina Jurga vor einigen Jahren von seinem Job. Zu dem Zeitpunkt war der ausgebildeten Bau- und Möbeltischlerin längst klar, dass sie nicht ein Leben lang auf dem Bau würde arbeiten wollen.

Also erkundigte sie sich bei Ämtern, wie der Weg zum Kampfmittel-Räumdienst aussieht, durchlief eine Ausbildung an der Dresdner Sprengschule – und bewarb sich mit dem "Sondierschein" in der Tasche bundesweit. An einem Montag im März 2013 warf sie die Bewerbungen in den Postkasten. Drei Tage später kam ein Anruf der Tauber DeDeComp GmbH. Bereits am darauffolgenden Montag fing sie bei der Spezialfirma an. "Da hatte ich viel Glück", sagt die heute 40-Jährige im Rückblick. Und sie hatte den Tipp eines Bekannten, dass der Kampfmittel-Beseitiger gerade auf Mitarbeitersuche war.

Mit dem Sondierschein durfte Bettina Jurga sondieren – also mit Spezialgeräten Bodenflächen untersuchen, die als Verdachtsflächen eingestuft waren. In Nürnberg gilt das generell für sämtliche Innenstadt-Grundstücke, auf denen Baumaßnahmen geplant sind, sowie für alle Areale, auf denen auf den Luftbildern der Alliierten-Aufklärung aus der Weltkriegszeit Bombenkrater oder andere Auffälligkeiten zu sehen sind.

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Alarmsirene und Bombenhagel: Spätestens seit 1941 bekamen die Nürnberger die Schrecken des Zweiten Weltkrieges hautnah zu spüren. Immer wieder drangen alliierte Flugzeugverbände in den Luftraum über der Noris ein, um die Stadt zu bombardieren. Der Krieg ist seit 1945 beendet, doch seine Zeugnisse liegen noch im Erdreich unter der Frankenmetropole begraben. Immer wieder tauchen bei Bauarbeiten und Erdrutschen verrostete Fliegerbomben auf.


Typisch ist hier, dass an Verdachtspunkten das Erdreich angebohrt wird. In das Bohrloch wandert eine spezielle Sonde. An deren Spitze befindet sich ein empfindliches Messgerät, das sich den Erdmagnetismus zunutze macht. Kobalt-, nickel- und eisenhaltige Gegenstände verursachen nämlich eine bestimmte Ablenkung des natürlichen Magnetfeldes, die von der Tiefensonde gemessen wird. Bei einem Treffer kommt der Sprengmeister ins Spiel.

Und wieder kam der jungen Frau das Glück zu Hilfe. Nur zweieinhalb Jahre nach dem Start bei Tauber Bau durfte sie in Dresden die Ausbildung zur Truppführerin absolvieren. Das brachte eine "enorme Verantwortung für die Leute draußen auf der Räumstelle" mit sich, wie die 40-Jährige schnell feststellte. Teamfähigkeit sei da ein Muss.

Und wie reagierten die Männer auf eine Frau als Teamchef in einer Männerdomäne? "Ich habe keine Probleme mit den Jungs", sagt Bettina Jurga, die auch an dem Pin-up-Kalender in der Feuchter Unterkunft des Sprengkommandos keinen Anstoß nimmt. "Ich hab nicht den Chef raushängen lassen – ich hatte zwar die Verantwortung, aber ich war genauso Arbeiter."

Vorgehen mit Bedacht

Inzwischen steht die 40-Jährige vor dem nächsten beruflichen Schritt. Seit Anfang dieses Jahres gehört sie zum Sprengkommando Nürnberg, das zu Sprengkörper-Funden ausrückt. Die Aufgabe lautet dann: Den Sprengkörper bestimmen, dessen genauen Zündmechanismus feststellen – und entscheiden: Kann der Sprengkörper entschärft werden oder muss er gesprengt werden? Denn nie, wirklich niemals, würde ein scharfer Sprengkörper im Auto transportiert, sagt Jurga. Das nämlich käme einem Himmelfahrtskommando gleich.

Ist da nicht die Angst täglicher Begleiter? "Ich habe keine Angst, aber ich habe Respekt", sagt Jurga mit festem Blick. Der Respekt sei immer da, ganz gleich, ob es um eine kleine Stabbrandbombe gehe oder um eine veritable 250-Kilo-Fliegerbombe. "Aber mit Angst wäre ich beim Sprengkommando verkehrt."

Bettina Jurga lernt bei den Einsätzen viel von Sprengmeister Michael Weiß. Absolutes Vertrauen sei im Team unabdingbar. © ToMa


Reizvoll ist für sie der kontrollierte Umgang mit Sprengstoff und die Vielfalt der Einsätze. Immer wieder wird das Sprengkommando mit anderer Munition konfrontiert. Das zu analysieren, zu identifizieren und immer mehr Munitionstypen kennenzulernen, macht ihr Spaß, sagt Jurga. "Passieren kann dabei immer etwas, dessen sind wir uns bewusst." Gerade bei Fliegerbomben mit chemisch-mechanischen Langzeitzündern, wie sie im Februar an der Stadtgrenze, nahe der Fürther Pyramide, gefunden wurde. Solchen Zündern bringen die Sprengstoff-Experten ganz besonderen Respekt entgegen.

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Nicht nur bei solchen Bomben ist absolutes Vertrauen im Team unabdingbar. "Das wächst mit der Zeit", sagt Bettina Jurga. Und fügt hinzu, dass sie Sprengmeister Michael Weiß hundertprozentig vertraut. Der gegenüber Medienvertretern oft so stille Oberpfälzer erklärt ihr im Einsatz immer sehr viel, sagt die 40-Jährige. Und vor allem: Weiß gehe mit Bedacht vor und keinerlei unnötiges Risiko ein.

Wenn alles klappt, dann wird sie in genau einem Jahr in Nordbayern die zweite Sprengmeisterin neben Weiß sein. Dessen bisheriger Partner ist nach Ingolstadt gewechselt, weil er dort näher an seinem Wohnort arbeiten kann. Und Bettina Jurga soll 2020 zum Entschärfer-Lehrgang nach Dresden reisen, der mit drei intensiven Prüfungen abschließt.

Wenn alles klappt? Nun, es ist Sache des bayerischen Innenministeriums, am Ende über die Berufung der Brandenburgerin zur Entschärferin beim Sprengkommando Nordbayern zu entscheiden. Dann wäre Bettina Jurga eine der ganz wenigen Frauen in diesem nicht ungefährlichen und hoch verantwortungsvollen Arbeitsbereich.

Tilmann Grewe

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