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Ein alternatives Zuhause auf vier Rädern

Der Wagenplatz Kristallpalast sorgt für Diskussionen in der Stadtpolitik - 25.04.2019 15:42 Uhr

Beim Tag der offenen Wägen gaben die Bewohner einen Einblick in ihre alternative Wohnform. © Günter Distler


"Wagenplatz Kristallpalast" heißt es am Eingang schwarz auf weiß auf einem Schild. Direkt hinter dem Zaun – zentral gelegen in einem Wohngebiet und nicht weit entfernt von der U-Bahnhaltestelle Eberhardshof – beginnt eine andere Welt: Auf einem ehemaligen Parkplatz direkt am Quelleturm wohnen derzeit 19 Menschen in Wagen und Hütten auf Rädern. Die Fläche hat etwa 2300 Quadratmeter – das ist so groß wie neun Tennisplätze.

Vieles ist selbst gezimmert, zum Beispiel die Beete für Kräuter und Blumen. Es gibt Dixie-Toiletten und einen Duschcontainer. Das Wasser wird mit Gas erwärmt. Vor einigen Wagen stehen Sofas, daneben ist eine Hängematte aufgespannt. Aus Paletten haben die Bewohner Tische und Stühle gebaut. In einer Ecke steht eine betonierte Skaterampe. "Wir leben hier in einer solidarischen Lebensgemeinschaft", erklärt Katja Lang (33), die selbst einen Wagen auf dem Platz hat.

Die Bewohner verbringen viel Zeit miteinander und helfen sich gegenseitig, sagt Nico Wiesinger. Der 23-Jährige lebt seit knapp zwei Jahren in Nürnberg – wegen des Wagenplatzes. "Es gibt keinen Sprecher, jeder ist hier selbstbestimmt. Entscheidungen treffen wir basisdemokratisch." Wer seine Ruhe möchte, geht in den Wagen und macht die Tür zu. "Hier ist es wie in einer WG – nur mit noch mehr Freiraum", sagt Lang.

Unterschlupf für "alternatives Milieu"?

Die Menschen vom Wagenplatz Kristallpalast im Stadtwesten haben sich bewusst für ein Leben entschieden, das auf das Wesentliche reduziert ist. Es gibt fast keinen Strom, nur ein Solarpaneel und ein Windrad, über die man sein Handy aufladen kann. "Ich arbeite zum Beispiel viel am Laptop, das ist auch kein Problem", sagt Lang. Ein Loch in der Erde, das mit Holz und Metall ausgekleidet ist, dient als Kühlschrank.

Stolz sind die Bewohner auf ihre selbst gebaute "Pflanzenkläranlage": In eine Tonne schütten sie ihr Spülwasser; es läuft dann durch mehrere Schichten Sand, Steine und Schilf und kann danach noch zum Blumengießen verwendet werden.

Vor einigen Wagen haben die Bewohner zwei Tische zusammengeschoben. Ein paar von ihnen trinken zusammen in der Sonne Kaffee. Ein Hund rennt herum. Alles sieht friedlich aus. Dabei hat der Platz erst vor Kurzem für Wirbel gesorgt: Die CSU-Stadtratsfraktion fordert in einem Antrag, den Wagenplatz am Quelleturm auf Herz und Nieren zu prüfen.

Prominente Wegmarke: Der Wagenplatz liegt zu Füßen des Quelleturms an der Wandererstraße. © Günter Distler


Laute Musik belaste die Nachbarn, Anwohner vermuteten, dass die Wagensiedlung auch als Unterschlupf im "alternativen Milieu" dient, schreiben die Christsozialen. Und: "Gibt es polizeiliche Erkenntnisse über Personen, die sich auf dem Areal aufhalten?" Die CSU findet, dass "derartige Wohnformen nicht Ziel der Wohnungsbauentwicklung der Stadt Nürnberg" sein können.

Katja Lang und Nico Wiesinger können sich das nicht erklären. "Wir wissen nur von einer Anwohnerbeschwerde wegen Lärms", sagen sie. Ansonsten sei das Verhältnis zu den Bewohnern ringsum sehr gut; viele seien kürzlich zum Tag der offenen Wagen gekommen. Auch sonst schauten immer mal wieder Interessierte vorbei. "Der Bürgerverein Gostenhof steht ebenfalls hinter uns."

Der Wagenplatz Kristallpalast hat als Antwort auf den CSU-Antrag ein Statement veröffentlicht. Darin heißt es etwa, dass die Bewohner durch Transparenz und Offenheit Barrieren und Berührungsängste abbauen möchten und für gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein solidarisches Miteinander eintreten. Sie sehen "diese Art der Wohnform als Möglichkeit an, aus der konsumorientierten Gesellschaft herauszutreten. In Zeiten immer knapper und teurer werdenden Wohnraums bei gleichzeitig stagnierendem Einkommen ist für uns das Leben im Wagen eine sinnvolle und lebenswerte Alternative." Der Wagenplatz sei so auch kein besonderer Exot in Deutschland: Rund 150 anderer solcher Siedlungen gebe es, zum Beispiel auch in Erlangen, in Würzburg und München.

Katja Lang und Nico Wiesinger leben gerne auf dem Wagenplatz und heißen jeden willkommen. © privat


Auch, dass der CSU-Antrag nach polizeilichen Erkenntnissen über auf dem Wagenplatz wohnenden Personen fragt, irritiert die Gemeinschaft. "Hier wohnen Menschen im Alter zwischen 22 und 64 Jahren", erklärt Lang. Einige Bewohner lebten von Hartz IV, es seien aber auch Selbstständige, ein Hausmeister, Sozial- und Saisonarbeiter und sogar eine Lehrerin hier.

Einige Kommunalpolitiker hätten den Tag der offenen Wagen vor Kurzem genutzt, um sich auf dem Areal umzusehen, berichtet Lang. "Es waren Vertreter von der SPD, den Grünen und den Guten da." Von den Christsozialen hätten sie keinen gesehen.

Doch lange existiert der Wagenplatz ohnehin nicht mehr auf dem ehemaligen Quelle-Parkplatz: Der Leihvertrag, den der Verein hinter dem Wagenplatz – Mobile Architektur – mit Sonae Sierra geschlossen hat, läuft zum 31. Dezember aus. Der neue Eigentümer Gerchgroup plant auf dem Gelände Sozialwohnungen.

"Experimentierfläche abseits der Konsumkultur"

Nun suchen die Vereinsmitglieder nach einer neuen Fläche. Mit den bisherigen Vermietern – großen Immobilienentwicklern – seien sie gut ausgekommen, sagt Lang. "Wir sind gute Gesprächspartner, die ihre Verträge einhalten", betont sie.

Hilfe gibt es von den Grünen: Die Stadtratsfraktion fordert in einem Antrag an die Verwaltung, den Wagenplatz bei der Suche nach einem neuen Standort zu unterstützen. Die Grünen finden, dass solche alternativen Wohnprojekte Nürnberg bereichern: "Sie bieten eine Experimentierfläche für alternatives Wohnen und Leben abseits der Konsumkultur, stehen für eine nachhaltige Lebensweise mit geringem ökologischem Fußabdruck und können ungenutzte Brachflächen neu beleben. Gerade in unserer wachsenden Stadt ist es wichtig, Freiräume für alternative Projekte und Subkultur zu fördern."

Und es geht voran: Die Bewohner des Wagenplatzes haben der Stadtverwaltung eine Liste mit zehn Grundstücken gegeben. Diese prüft nun, ob sich eine der Fläche für die neue Siedlung auf Rädern eignet. "Wir hoffen auf einen runden Tisch", sagt Nico Wiesinger. Und bis der Wagenplatz umzieht, laden die Bewohner herzlich dazu ein, sich diese alternative Wohnform einmal selbst anzuschauen. Oder sogar mal ein paar Tage im Besucherwagen zu schlafen. "Jeder ist willkommen." 

Judith Horn

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