Freitag, 13.12.2019

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Ein Jahr nach den Tumulten: Jetzt spricht Asef N.

Der Afghane hofft, seine Zukunft in Deutschland gestalten zu können - 31.05.2018 06:00 Uhr

An der Seite von Anwalt Michael Brenner spricht Asef N. erstmals öffentlich über die Tumulte an der Berufsschule am Nürnberger Stadtpark. © Michael Matejka


Es ist heiß im Büro der Kanzlei in der Breiten Gasse in Nürnberg. Auf dem Stuhl vor einer kahlen, weißen Wand sitzt ein Mann, der das erste Mal öffentlich spricht - über seinen Fall, über das, was in ihm vorging und welche Hoffnungen er in diesen Staat setzt, der ihn behandelt, wie eine unerwünschte Person. Wie einen Menschen, der erst gar nicht daran hätte denken dürfen, die Schwelle nach Deutschland zu übertreten. Das Land schrieb Asef N. ab, doch er sucht Schutz und schreibt das Land nicht ab - das ist seine Chance.

Flucht im Alter von 13 Jahren

Aus Afghanistan flüchtete er im zarten Alter von 13 Jahren. N. gehört zur Volksgruppe der Hazara, einer Ethnie in seinem Land. Sie gehört mehrheitlich dem schiitischen Islam an. Unterdrückt werden die Hazara von den Taliban, die wiederum der sunnitischen Glaubensrichtung im Islam angehören - und die Hazara für ihre Zwecke missbrauchen.

N. flüchtete vor den Taliban. Es folgte eine mehrjährige Odyssee: Iran, Türkei, Griechenland, er kam über die Balkanroute nach Österreich und Deutschland. Im Dezember 2012 kam er in Passau an, wurde festgenommen und landete in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf (ZAE). "Ich kam als unbegleiteter Flüchtling in das Kinder- und Jugendhaus Stapf in Nürnberg", erzählt er. Erst 2016 konnte er über einen Onkel Kontakt zu seiner Mutter aufbauen.

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Abschiebung: Tumulte bei Polizeieinsatz vor Berufsschule

Am Mittwochmorgen führte die Polizei einen jungen Schüler aus der Nürnberger Berufsschule am Stadtpark. Der 21-jährige Afghane sollte in sein Heimatland abgeschoben werden. Doch die Situation eskalierte.


Asef N. lernte Deutsch und startete ein Berufsgrundbildungsjahr (BGJ), Ausbildungsrichtung Schreiner. 2013 wurde sein Asylantrag abgelehnt. Er war nur noch geduldet. Im Alter von 18 Jahren kam er in eine Gemeinschaftsunterkunft. Mitte 2016 schloss er das BGJ erfolgreich ab, der nächste Schritt wäre eine Fortsetzung der Ausbildung in einem Betrieb gewesen. "Ich hatte auch einen Betrieb, der mich nehmen wollte", sagt er. Doch der Antrag auf Ausbildungserlaubnis wurde abgelehnt, die Lehre konnte er nicht antreten. Was also tun? "Ich wollte nicht herumsitzen und nichts tun."

Die Polizei suchte ihn in seiner Unterkunft

Der junge Mann entschied sich, das einjährige BGJ zu wiederholen, obwohl er das nicht müsste und keine Zukunftsperspektive in Deutschland mehr hatte. "Ich dachte, in der Zeit kann ich nicht abgeschoben werden", so der 21-Jährige. Doch dann kam der 31. Mai 2017. "Ich ging früh in den Unterricht." In dieser Zeit suchten Polizeibeamte ihn in seiner Unterkunft. Wie er später erfuhr, wurde die Türe zu seinem Zimmer gewaltsam geöffnet. Die Beamten mussten abziehen, bekamen von der Regierung aber den Tipp, dass sich N. in der Berufsschule aufhalten könnte.

Nachdem der junge Afghane das Klassenzimmer betreten hatte, tauchte wenig später der Direktor auf und bat ihn, ihm ins Lehrerzimmer zu folgen. Dort warteten zwei Polizisten, die ihm eröffneten, dass er heute ausreisen müsse. "Ich fühlte mich scheiße. Das war ein Schock." N. folgte den Beamten, am Ausgang legten sie ihm Handschellen an. Die geplante Abschiebung hatte sich indes herumgesprochen, Schüler blockierten sitzend das Polizeiauto, in dem Asef N. saß.

Weitere Demonstranten kamen dazu, die Polizisten forderten Verstärkung an, die Situation eskalierte. Erst im dritten Streifenwagen gelang es Polizisten, mit dem heute 21-Jährigen wegzufahren. "Zwei Stunden lang saß ich in einem Polizeiauto. Meine Handgelenke waren blutig, weil ich an den Handschellen zum Auto gezerrt wurde." Im Streifenwagen drückte ein Beamter N.s Kopf nach unten, offensichtlich wollte man verhindern, dass er mitkriegt, wohin er gebracht wurde. Später war klar: Ziel war die Polizeiinspektion Süd in der Oppelner Straße. N. kam in eine Haftzelle. Anschließend fuhr man mit ihm in seine Unterkunft. Seine Sachen wurden aus dem Zimmer geholt für den Flug ab Frankfurt am Main Richtung Kabul.

N. bat die Beamten, die Handschellen zu lockern - erfolglos

Dann ging es weiter nach Zirndorf zur Polizeiinspektion an der ZAE. "Die Inspektion ist für den Transfer von Menschen in ihre Herkunftsländer zuständig", erklärt N.s Rechtsanwalt Michael Brenner. N. bat die Beamten, die Handschellen zu lockern. "Mir taten die Handgelenke und Schultern weh. Die Polizisten reagierten darauf aber nicht." Erst als gegen 14 Uhr klar war, dass das Flugzeug nach Kabul nicht abheben wird, nahmen sie ihm die Fesseln ab. Die Bundesregierung stoppte den Abschiebeflieger, da am 31. Mai in Kabul Bomben explodierten und zig Menschen in den Tod riss.

Frei war der 21-Jährige aber noch nicht. Die Staatsanwaltschaft stellte Haftantrag, er musste die Nacht in einer Zelle in Zirndorf verbringen. Am nächsten Tag wurde er einer Richterin vorgeführt, sie lehnte den Haftantrag ab. Asef N. ging als freier Mann, Mitschüler holten ihn ab. Und heute? Im Juni 2017 beantragte Rechtsanwalt Brenner ein Asylfolgeverfahren für seinen Mandanten. Bereits im Juli 2017 kam es zur Anhörung. Eine Ausreisepflicht besteht derzeit nicht. Brenner: "Asef N. ist legal hier."

N. hofft, dass das Verfahren einen für ihn guten Ausgang findet und er anerkannt wird. In die Schule geht er derzeit nicht. "Ich treffe mich regelmäßig mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation stecken und ich treibe etwas Sport." Doch das genügt ihm nicht.

"Ich möchte endlich etwas sinnvolles tun"

Das Nichtstun zermürbt ihn. "Ich möchte endlich etwas Sinnvolles tun." Was, das weiß er jetzt schon. N. hat die Möglichkeit, im kommenden September die Schreiner-Lehre fortzusetzen. Wieder in dem Betrieb, der ihm schon einmal eine Stelle angeboten hatte. Ob die Behörde bis dahin aber eine Entscheidung über seinen Antrag gefällt hat, weiß derzeit niemand.

Alexander Brock

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