Ein Nürnberger Dorf im Wandel der Zeit

29.8.2019, 14:44 Uhr
1969 waren die Reihenhäuser an der Kasackstraße, die Turnhalle, der Schwarze Bär, die Kirche und der Schreibwarenladen (von li. nach re.) noch ganz neu – oder zumindest erneuert.

1969 waren die Reihenhäuser an der Kasackstraße, die Turnhalle, der Schwarze Bär, die Kirche und der Schreibwarenladen (von li. nach re.) noch ganz neu – oder zumindest erneuert. © Paul C. W. Primer (Sammlung Sebastian Gulden)

Sie ist ein höchst aufschlussreiches Zeitdokument, unsere historische Mehrbild-Ansichtskarte von Boxdorf im Knoblauchsland. Ihr Schöpfer ist der Nürnberger Fotograf Paul C. W. Primer, der die fünf Architekturmotive wenige Jahre vor der Eingemeindung des Ortes nach Nürnberg 1972 aufnahm.

Ein Ortsfremder könnte beim Anblick der Karte glauben, eine Trabantenstadt der Nachkriegsjahre vor sich zu sehen. Tatsächlich wuchs Boxdorf nach dem Zweiten Weltkrieg rasant: Allein zwischen 1946 und 1970 hat sich die Bevölkerung mehr als verdreifacht, insbesondere durch den Bau der Waldsiedlung im Norden der Ortschaft.

Wer aber schon öfter in Boxdorf gewesen ist oder gar dort wohnt, der ahnt, dass die Auswahl der Motive nicht ganz repräsentativ ist. Denn der historische Ortskern mit seinen alten Gehöften, die um 1900 die lokale Ansichtskartenwelt dominierten, spielte dabei keine Rolle. So gesehen erzählt unsere Karte einiges über die deutsche Mentalität der Nachkriegszeit mit ihrem unbeirrbaren Blick nach vorn, in eine Zukunft, die immer nur besser zu werden versprach.

Kirche erinnert an "Raumschiff Enterprise"

Spannend ist die Karte auch deshalb, weil sie uns Bauwerke präsentiert, die heute kaum jemand mehr als zeigenswert erachten würde. Sie ist ein Schaubild typischer und anspruchsvoller Architektur der "Nachkriegsmoderne" auf dem Lande.

In die Kategorie "typisch" fällt das erste Motiv oben links: In der Ansicht der Gartenseite der damals nigelnagelneuen Reihenhauszeile Kasackstraße 2–6 im Hintergrund des Boxdorfer Weihers, verbinden sich der Traum von der Geborgenheit in den eigenen, modernen vier Wänden mit dörflichem Heimatfilm-Idyll.

Futuristisch wie Le Corbusiers Betonbauten im indischen Chandigarh dagegen kommt die 1961 errichtete Turnhalle in der Boxdorfer Hauptstraße 37a daher. Hinter der Veranda mit ihrem filigranen Geländer ragt die von Panoramafenstern und Glasbausteinen geprägte und von einem Flugdach mit schlanken Stahlstützen überragte Fassade auf.

2019 sind all diese Gebäude noch da, wenn auch teilweise modernisiert und von der mittlerweile äußerst üppigen Vegetation regelrecht zugewuchert.

2019 sind all diese Gebäude noch da, wenn auch teilweise modernisiert und von der mittlerweile äußerst üppigen Vegetation regelrecht zugewuchert. © Sebastian Gulden

Als einziger Bau der Vorkriegszeit schaffte es das Wirtshaus zum "Schwarzen Bären" (heute "Apollon", Boxdorfer Hauptstraße 37) auf die Ansichtskarte. Doch auch dieses trägt die deutlichen Spuren der Modernisierung: geglättete Außenmauern mit Strukturputz und Fenster mit ungeteilten Rahmen, die wie dunkle Löcher in der Fassade klaffen.

Als anspruchsvolle Baukunst darf die Kirche zum Guten Hirten in der Kronacher Straße 3 gelten. Architekt Kurt Engelhardt, nach dessen Plänen das Gotteshaus 1967–1968 entstand, reduzierte den freistehenden, mit Blech verkleideten Glockenturm auf seine Spitze und schenkte Boxdorf dadurch ein unverkennbares Wahrzeichen.

Nicht nur der auffälligen Turmpyramide wegen erinnert die kontrastreiche, menschenleere und geradezu unwirklich anmutende Fotografie der Kirche an die gemalten Kulissen (Matte Paintings) der zeitgenössischen Fernsehserie "Raumschiff Enterprise".

Wiederum ganz und gar zeittypisch ist das letzte Motiv unten rechts, das den Schreibwarenladen in der Erich-Ollenhauer-Straße 12 mit seiner gestaffelten Fassade zeigt. Erbaut wurde er, wie sich Inhaberin Sieglinde Schwarz erinnert, im Jahre 1966 nach Entwürfen von Regierungsbaumeister Willy Hornung. Der ist in der Fachwelt noch heute bekannt wegen der modernen Kirchenbauten, die er nach dem Krieg in seiner Allgäuer Heimat plante.

Nierentisch und Wirtschaftswunderzeit

Man beachte den beleuchtbaren Ausleger im Nierentisch-Stil, die Schwung-schrift an der Dachtraufe und den Schaufenstern und die mit allerlei Waren vollgepackten Auslagen, die beispielhaft den Überfluss der Wirtschaftswunderzeit vor Augen führen.

Alle Bauten, die Primer 1969 ablichtete, sind im Wesentlichen erhalten geblieben. Selbst die Häuser an der Kasackstraße haben sich reizvolle Details wie die Portalrahmungen aus Kunststein, die Eingangstüren aus Stahl, Glas und eloxiertem Aluminium und die Hausnummernlampen bewahrt.

Schön, aber für den Fotografen unserer Tage etwas hinderlich: Bäume, Büsche und Sträucher sind im letzten halben Jahrhundert zu solch üppiger Größe herangewachsen, dass man einige Motive hinter der "grünen Hölle" nur noch erahnen kann – zumindest wenn man versucht, dieselben Aufnahmestandorte einzunehmen wie auf der historischen Ansichtskarte. Doch wer hinter das Grün blickt, den führen die fünf Bauwerke der Nachkriegsmoderne noch heute zurück in eine gar nicht so ferne Vergangenheit, in die Zeit, als Boxdorf sich erneuerte.

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