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Einladung zum „letzten Abendmahl“ in der Nürnberger Innenstadt

Kunstperformance setzte ein Zeichen gegen Konsumwahn und Wegwerfmentalität - 07.01.2014 13:37 Uhr

Vieles, was in den Mülltonnen landet, ist durchaus lecker und genießbar, wie die Perfermance in der City zeigte.

© Fengler


„Ich möchte mit diesem Projekt auf den verschwenderischen Charakter unserer Konsumgesellschaft aufmerksam machen“, so die Initiatorin. Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt werden können: Am ersten Samstag des Jahres quollen die Einkaufsmeilen nur so über vor konsumfreudigen Besuchern, die ihr Weihnachtsgeld nicht schnell genug in den Wirtschaftskreislauf überführen konnten. Tolle Sachen kaufen, schöne Sachen und vor allem neue Sachen. Und wenn man die hat, kann man sich der alten ja entledigen.

Genau hier setzt der Kritikpunkt an: „Viele dieser Dinge, die man dann wegschmeißt, sind in keinster Weise nutzlos, sondern erfüllen ihren Zweck. Man ersetzt sie nur, weil sie ‚nicht mehr schön genug‘ oder ‚im Trend‘ sind.“ Dieses Konsumverhalten wirke sich stark auf die Rohstoff-Vorkommen aus, die entsprechend aufgebraucht oder unter unwirtschaftlichen und unmoralischen Bedingungen weiter abgebaut würden.

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Kunstperformance "Das letzte Abendmahl" in Nürnberg

Über den Zeitpunkt ließe sich durchaus streiten - trotzdem: kurz nach Weihnachten und Silvester fand in der Nürnberger Innenstadt die Kunstperformance "Das letzte Abendmahl" statt. Zwischen zahlreichen Passanten und Samstagsshoppern in der Pfannenschmiedgasse dinierten die Abendmahlsdarsteller an einer langen Tafel und bezogen ihr Essen auch aus Mülltonnen.


„Ich gehe hier durch und frage mich, wie das eigentlich alles noch so funktionieren kann“, sagt die 25-jährige Kunsterziehungsstudentin, die lieber anonym bleiben möchte, denn ihre gesellschaftskritische Lebenseinstellung bringt einen Aspekt mit sich, der in Deutschland mit dem Tatbestand des Hausfriedensbruchs geahndet wird: das sogenannte „Containern“, aus dessen Beutezügen die Gerichte zubereitet wurden, die die Künstlergruppe nicht nur an der Tafel selbst verspeist, sondern auch allen anderen frei zur Verfügung stellt.

„Seit einigen Jahren suche ich regelmäßig die Mülltonnen großer Discounter wie Netto oder Aldi auf, und bin jedesmal erschüttert, wie viel absolut genießbare Lebensmittel einfach weggeworfen werden, nur weil sie irgendeinen minimalen Schönheitsfehler aufweisen.“ Milchprodukte mit eingedellten Verpackungen, Gemüse mit wenigen braunen Stellen, Unmengen an Backwaren – während die einen Hunger leiden, werfen die anderen ohne Sinn und Verstand das Essen in den Müll. „Studien zufolge schmeißt allein in Deutschland jeder durchschnittlich 80 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg.“ Weil man hungrig oder ohne vorher zu planen einkaufen gehe und dabei über Bedarf.

So stehen am Samstag nicht nur aus den „containerten“ Lebensmitteln von der Studentin gekochte Gerichte auf dem Tisch, sondern drei Mülltonnen randvoll mit Salat, Brot, Tomaten und vielem mehr. Alles aus dem Abfall gefischt. Und einwandfrei. Die Passanten freut’s, sie greifen beherzt zu – und zeigen sich sehr interessiert und verständnisvoll für die Thematik. Die meisten sind bereit zum Diskurs. „Ich hatte vor dieser Aktion wesentlich kritischer über all die Leute gedacht und bin überrascht über die beinahe ausnahmslos positiven Reaktionen“, so die 25-Jährige.

Umdenken wäre wichtig

Nur gilt es nun, die neu erworbenen Einsichten auch in die Tat umzusetzen, statt sich weiterhin „sinnlos berauschen“ zu lassen. „Ich würde mich so freuen, wenn die Menschen umdenken und sich mit neuen Inhalten konfrontieren lassen, für neue Ideen öffnen“, sagt die Initiatorin, die die Aktion als privates Projekt auf eigene Verantwortung innerhalb von zwei Wochen organisiert hat.

Für sie gibt es keinen besseren Zeitraum für derlei Kritik als den um Weihnachten, wenn „alle Leute verrückt werden und vollkommen vergessen, dass es nicht um kopflosen Konsum, sondern eigentlich um ein religiöses Fest geht“. Man könne beispielsweise „deformiertes und nicht perfektes Gemüse und Obst kaufen und das, was gerade im Angebot ist, um zu verhindern, dass es weggeworfen wird“. Oder man könnte sich in Restaurants „Übriggebliebenes einpacken lassen“, denn auch das landet freilich in der Mülltonne, egal, ob davon gegessen wurde oder nicht.

Dass große Warenkonzerne ihren Überschuss nicht prinzipiell etwa an Tafeln spendeten, begründeten diese, „mit Prestige“, so die Initiatorin. Wie genau das aussehe, könne sie leider auch nicht erklären. Das allein sagt schon genug.

VON KATHARINA WASMEIER

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