Etwas anderer Stadtführer: Buch verrät 50 Nürnberger Geheimnisse

15.12.2018, 15:53 Uhr
Der Baum im Rondell an der Lorenzer Straße wurde zum Andenken an Johanna Linde Hübsch gepflanzt. Die meisten Passanten wissen nicht, was es mit der Linde neben der Sparkasse auf sich hat.

Der Baum im Rondell an der Lorenzer Straße wurde zum Andenken an Johanna Linde Hübsch gepflanzt. Die meisten Passanten wissen nicht, was es mit der Linde neben der Sparkasse auf sich hat. © Foto: Heike Thissen

Inmitten des Kreisverkehrs in der Lorenzer Straße steht eine ganz besondere Linde. Doch kaum einer der Autofahrer, die sie umrunden, um in die Theatergasse oder die Peter-Vischer- Straße abzubiegen, schenkt ihr Beachtung. Und er liest im Vorbeifahren erst recht nicht die Hinweistafel, die dort verborgen hinter Pflanzen erklärt, warum der Baum nicht irgendein Baum, sondern einer mit spezieller Bedeutung ist.

"Diese Linde erinnert an eine Frau namens Johanna Linde Hübsch", erklärt Gästeführerin Karola Gärtner und lächelt. Vielen älteren Nürnbergern geht es wie ihr, wenn sie den Namen hören: Es breitet sich ganz automatisch ein beinahe liebevolles Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

"Johanna Linde Hübsch war eine Marktfrau, die jahrzehntelang tagein, tagaus und jahrein, jahraus hier in der Nürnberger Innenstadt auf den Märkten unterwegs war", beginnt Karola Gärtner von der blonden Frau zu erzählen. "Und man konnte sie schon hören, bevor man sie sah."

Der Spruch, mit dem sich Johanna Linde Hübsch nicht nur einen Platz im Gedächtnis der Nürnberger, sondern auch in ihren Herzen sicherte, war: "A Tässle Supp’n?" Denn sie verkaufte Produkte wie Suppenpulver, Soßen, Streuwürze und vieles mehr und schenkte täglich bis zu 300 Liter kostenlose Brühe aus. "Jeder hat bei ihr eine Tasse heiße Suppe bekommen, der Obdachlose wie der Bankdirektor. Dabei war völlig klar, dass nicht jeder ihr danach etwas abkaufen würde. Sie hat im Anschluss nie versucht, einem etwas anzudrehen", erinnert sich Karola Gärtner, "ihre Freundlichkeit hat genauso gutgetan wie ihre Suppe."

Mutter von sechs Kindern

Auch die Gästeführerin gehörte zu den Nürnbergern, die sich gern eine Tasse Suppe holten. "Das war wunderbar, vor allem, wenn man im Winter durchgefroren war." Johanna Linde Hübsch war die Frau eines Pastors und Mutter von sechs Kindern. Ursprünglich hatte sie mit dem Suppenverkauf auf Kirchweihen in der Region und auf Märkten und Messen begonnen, um sich ein Zubrot zu verdienen. Später wurde ihr der Ausschank auf dem Hauptmarkt erlaubt, und von da an war ihr ein fester Platz im Herzen der Nürnberger sicher.

Sehr gefragt: Das neue Nürnberg-Buch erscheint jetzt schon in zweiter Auflage.

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Magdalena Stange, eine ihrer Töchter, weiß, dass ihre Mutter den Menschen viel mehr gab als nur eine heiße Suppe: "Viele von denen, die an den Stand kamen, erzählten ihr von ihren Problemen und Sorgen. Und sie hatte ein offenes Ohr für jeden." So groß war das Engagement von Johanna
Linde Hübsch für die Nürnberger, dass ihre Kinder Ende der 1990er
Jahre fanden, es sei an der Zeit, die Mutter dafür zu ehren. "Wir haben zusammen mit der Stadt erreicht, dass sie 1999 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde", erklärt Magdalena Stange.

Herzstillstand in der Nacht

Drei Jahre später starb die Nürnberger Suppenfee nach 40 Jahren im Einsatz für ihre Suppen. "Am Tag vor ihrem Tod stand sie noch im Wagen und hat Suppe ausgeschenkt. In der Nacht erlitt sie einen Herzstillstand", sagt ihre Tochter. Doch vergessen wurde Johanna Linde Hübsch nicht, immerhin war sie über Jahrzehnte ein fester Bestandteil des innerstädtischen Lebens gewesen. Schon kurz nach ihrem Tod beschloss ihre Familie zusammen mit dem Journalisten und Autor Klaus Schamberger, ihr ein Denkmal zu setzen.

"Es dauerte einige Zeit, bis wir in Abstimmung mit der Stadt und dem Marktamt einen geeigneten Standort fanden. Für den Kreisverkehr in der Lorenzer Straße haben wir dann das Okay bekommen", erzählt Magdalena Stange. Auf Kosten der Familie wurde im März 2003 die Linde gesetzt und eine Gedenktafel angebracht. Knapp 600 Meter Fußweg trennen deren Standort von Johanna Linde Hübschs Wirkungsstätte auf dem Hauptmarkt. Jedes Mal, wenn Karola Gärtner an dem Baum vorbeikommt, denkt sie daran, wie wohltuend eine Begegnung mit der Marktfrau und ihrer heißen Brühe war. Und damit ist sie in Nürnberg nicht alleine.

Doch wer nicht in den Genuss kam, sich an kalten Wintertagen zu einem "Tässle Supp’n" überreden zu lassen und sich daran zu wärmen, der kann auch mit der Linde in der Lorenzer Straße wenig anfangen. Es sei denn, er hat gemerkt, dass es auch schon guttut, davon zu wissen.

Das Hardcover-Buch "Nürnberger Geheimnisse" mit 192 Seiten aus dem Verlag Bast Medien kostet 19,90 Euro. Es ist im Buchhandel (ISBN: 978-3-946581-56-7), in den NN-Geschäftsstellen und auch online im Internet erhältlich.

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