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Forscher erklärt: So werden Sie endlich richtig glücklich

Warum sich Karlheinz Ruckriegel einer ganz großen Emotion widmet - 28.10.2017 07:59 Uhr

Karlheinz Ruckriegel sagt: Es sind nicht die materiellen Dinge, die zählen. © Tobias Klink


Ständig lächeln Japaner in die Kamera, winken oder laufen mitten durch unser Bild. Ja, verflixt. Nun lasst doch endlich mal unseren Glücksforscher zufrieden!

Wir haben uns mit Karlheinz Ruckriegel auf der Nürnberger Kaiserburg zum Drehen unserer Videos verabredet. Weil er diesen Ort spontan genannt hatte, als wir fragten, wo er denn am glücklichsten sei. Hier. Seit Kindertagen, als ihm seine Tante bei einem Ausflug diesen geschichtsträchtigen Ort gezeigt hatte. Immer wieder kommt er seitdem her, seit so vielen Jahren, macht Führungen mit und staunt aufs Neue.


Im Video: Hier spricht Karlheinz Ruckriegel über das Glück 


Es sei die Größe und diese Erhabenheit, die ihn fasziniere und begeistere. Ihn, den 60-Jährigen, der sich leidenschaftlich gerne vorstellt, wie das hier im Mittelalter ausgesehen haben muss, der mit Hingabe Museen besucht und Sachbücher liest. Inmitten dieser Sandsteinmauern will der Professor, der an der Technischen Hochschule Nürnberg Volkswirtschaft lehrt, uns verraten, wie wir das große Glück in unserem Leben finden. Zehn Rezepte hat er parat, die wir zehn Wochen lang regelmäßig auf nordbayern.de an unsere Leser weitergeben werden. Es hört sich eigentlich ganz einfach an. Plausibel. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schaffen!

"Ich fühl mich beim Drehen wie der Clooney"

Ruckriegel ist ganz Wissenschaftler und einer der bekanntesten Glücksforscher Deutschlands. Als solcher wird er ständig eingeladen zu Vorträgen, soll Statements abgeben für eine Arbeitsgruppe des Deutschen Bundestages, gibt Interviews für Zeitungen und Fernsehen, doziert nicht nur deutschlandweit, sondern auch in der Ukraine oder im Iran.

Ein bisschen steif wirkt er zeitweise, auch in seiner Sprache. Manchmal wie ein englischer Lord, ein Grandseigneur mit dunklem Jackett, mit unbedingt passender Krawatte, grauem Haarkranz und dunkler Rahmenbrille, dem die Seriosität seiner Forschung so wichtig ist wie einem Chirurgen sein Skalpell. In gewissen Momenten aber, da wird er zum urfränkischen Schelm. Wenn er die Augen zusammenkneift, einen spöttischen Zug um den Mund bekommt und leise sagt: "Ich fühl mich beim Drehen wie der Clooney." Der Schorsch von der Kaiserburg.

"Das Buch hat mein Leben verändert"

Ob er denn für unser Fotomotiv mal so richtig glücklich gucken könne? Ruckriegel nimmt die Arme nach oben, strahlt, lässt sich ablichten und wird gleich danach wieder ernst. "Wissen Sie, ich bin keiner, der stundenlang rumlächelt oder brüllend vor Lachen durch die Gegend läuft und sich dauernd auf die Schenkel klatscht." Nein, das ist er nicht. Er wirkt gediegen, hintersinnig, klug. Wie kommt so einer zur Glücksforschung, zu einer Angelegenheit, die doch strotzen müsste vor Emotionen, vor Überschwänglichkeit und Freude?

Wir haben diese Frage schon vor einer Woche gestellt, damals, als wir uns bei ihm zu Hause in Schwabach getroffen haben, in dem hellblauen Einfamilienhaus mit dem weißen Gartenzaun. Dort sitzen wir auf dem blauen Ledersofa im Wohnzimmer neben dem altrosafarbenen Kachelofen und den Vitrinen mit den vielen Mitbringseln aus fernen Ländern. Ruckriegel kann kaum stillsitzen, beginnt immer wieder auf und ab zu laufen, legt die Fingerspitzen aneinander, blickt nach oben und erzählt.

Jeder besitzt statistisch 10.000 Dinge

Es war ein Buch, das ihm im Jahr 2005 die Initialzündung brachte, "das mich absolut faszinierte", mit dem Titel "Die glückliche Gesellschaft" von dem britischen Ökonom und Autor Sir Richard Layard. Vor allem eine Karikatur darin habe ihm zu denken gegeben. Zu sehen sind zwei Hunde. Der eine sagt zum anderen: "Ich habe alles: reichlich Futter und die eigene Hütte mit Garten. Aber irgendwie bin ich trotzdem nicht glücklich."

Ruckriegel bleibt stehen und hebt den Zeigefinger. "Das Buch hat mein Leben verändert. Ich wusste: Da ist etwas dran." Nein, persönlich habe er sich nicht betroffen gefühlt, sich nicht wiedererkannt in dem Unglück des Tieres. Aber er habe gefühlt, dass das große Lebensglück einem eben nicht zufliegt wie ein Schmetterling, sondern dass es Voraussetzungen dafür braucht und dass einige Bedingungen durchaus etwas mit seinem Fachgebiet zu tun haben: der Ökonomie.

"Jeder Deutsche besitzt, statistisch betrachtet, 10.000 Dinge. Das ist ein bissel viel", findet der Professor. Und es stelle sich eben die Frage, ob wir uns nicht zum Sklaven unserer Dinge machen. Was nun passiert, ähnelt einer kurzzeitigen Verwandlung des ernsten, biederen Wissenschaftlers, denn jetzt, bei seinem Lieblingsthema, gerät er in Fahrt wie ein Ferrari auf der Rennstrecke. Ruckriegels Motor ist seine Stimme. Er redet ohne Punkt und Komma, formt mit den Händen imaginäre Kugeln in die Luft, geht drei Schritte vor, wieder zurück und sagt Sätze wie: "Immer nur Geld, Geld, Geld, damit wir uns das nächste Smartphone kaufen können. Wir haben 24 Stunden pro Tag. Und es geht darum, dass wir diese Zeit sinnvoll nutzen für soziale Beziehungen, Freundschaften, Familie oder für unsere Gesundheit."

Aber Geld ist schon auch wichtig, oder? Die Bedeutung, antwortet Ruckriegel, werde stark überschätzt. Jeder Mensch brauche natürlich ein gewisses Einkommen, um seine Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Wohnung zu decken. Aber ein Mehr an Einkommen und Wohlstand führe eben nur kurzfristig oder gar nicht zu mehr Wohlbefinden. "Denn wir gewöhnen uns an mehr Wohlstand und schrauben unsere Ansprüche und Erwartungen nach oben."

Und überhaupt. Zunächst müsse man ja mal die Frage klären, was Glück ist. Gemeint, sagt der Professor, sei eben nicht das kurzfristige, schnelle Stimmungshoch, sondern "dass wir uns wohlfühlen und mit unserem gesamten Leben zufrieden sind." Es gehe darum, dass Menschen häufiger am Tag positive als negative Emotionen empfinden, sich erreichbare Ziele stecken, das Gefühl haben, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen und mit ihrer Familien- und Arbeitssituation im Großen und Ganzen zufrieden sind. Und wenn das eben nicht so sei, sagt Ruckriegel, dann lasse sich etwas daran ändern.

Ist Ruckriegel glücklich?

Wir sind skeptisch. Soll das heißen, dass dieser seltsame Spruch stimmt, den wir alle so oft zu hören bekommen und der manchmal fürchterlich nervt: "Jeder ist seines Glückes Schmied"? Der Wissenschaftler bleibt wieder stehen, hebt erneut den Zeigefinger: "In gewissem Maße, ja." Alle Menschen, so klärt er uns auf, seien so gestrickt, dass sie negative Erlebnisse stärker abspeichern, als positive. Das habe früher einen evolutionären Sinn gehabt, um gewappnet zu sein für Gefahren. Doch um glücklich zu werden, sei es eben wichtig, die positiven Momente im Leben zu betonen.

Gewiss. An manchen Gegebenheiten könne man nichts ändern, nicht den Chef vom Ekel zum Sonnyboy verwandeln und nicht mit aller Gewalt den Partner fürs Leben finden. Deshalb lohne es sich gar nicht, sich ständig darüber aufzuregen. Aber man könne lernen, mehr Zufriedenheit mit seinem Leben zu entwickeln. Ruckriegel rät, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, sich also mehrmals pro Woche die kleinen, schönen Erlebnisse bewusst zu machen, die jedem vergönnt sind, und auch immer wieder rückblickend in diesem Tagebuch zu lesen. "Die Wissenschaft weiß, nach mehreren Monaten ändert sich die Sichtweise auf das eigene Leben im positiven Sinne."

"Karlheinz, jetzt musst du sie fragen"

Ob er selbst glücklich ist? Ruckriegel antwortet, als hätte er auf diese Frage gewartet: "Auf einer Skala von null bis zehn bin ich bei zehn." Na ja. Kein Wunder, wenn man Glücksforscher ist und weiß, wie’s geht!

Und das scheint er wirklich zu wissen. Schon als Kind, aufgewachsen in Bayreuth, habe er sich glücklich gefühlt, wenn er mit Freunden den ganzen Tag im Wald spielte. Später, so sagt er, habe ihm die Gesellschaft viel gegeben. Und er wolle nun etwas zurückgeben. Ruckriegel schaffte es nach dem Hauptschulabschluss und einer Lehre als Industriekaufmann über den zweiten Bildungsweg bis zur Promotion an der Uni Bayreuth und doziert heute an der Technischen Hochschule Nürnberg über Makroökonomie und interdisziplinäre Glücksforschung, worüber er auch Bücher schreibt. Sein neuestes hat den Titel "Gesundes Führen mit Erkenntnissen der Glücksforschung" und richtet sich an Führungskräfte.

Auch privat könnte es nicht besser laufen. Die erwachsenen Kinder, Sohn Christian (30) und Tochter Eva (26), kommen immer noch regelmäßig übers Wochenende zu Besuch. Mit Ehefrau Karin ist der Professor seit 35 Jahren verheiratet. Ja, Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen. Damals in der gemeinsamen Firma. Ein Jahr habe er gebraucht, bis er sich traute, sie um eine Verabredung zu bitten. "Ich hab mir gesagt: Karlheinz, jetzt musst du sie fragen." Ob es romantisch war? "Ach, romantisch. Laut war es. Eine Party, halt." Mag er seine Frau für uns ein bisschen beschreiben? Die Antwort klingt arg sachlich: "Blond, 1,60 groß, schlank." Wir müssen schmunzeln. Und sonst? Der Professor überlegt: "Sie ist warmherzig, weich, lustig, das Zentrum unserer Familie. Und sie begleitet mich auf Reisen, wenn ich Vorträge halte. Das bedeutet mir sehr viel." Na also.

Gemeinsam gehen die Eheleute mehrmals in der Woche zum Spinning, also zum Indoor-Radeln in der Gruppe. Mindestens für eine Stunde. Diszipliniert seien sie beide, sagt Ruckriegel. Man kann es ihm ansehen. Von der Haarwurzel bis zur schwarzen Socke.

Auch für unsere Videos hat Ruckriegel sich vorbereitet, obwohl er die Grundlagen der Glücksforschung abspulen kann wie ein Shakespeare-Darsteller seinen Hamlet. "Ich will es so gut wie möglich auf den Punkt bringen", sagt er, strafft die Schultern, rückt die Krawatte gerade und tritt ins Bild, als Kameramann Tobias ihm ein Zeichen gibt.

Noch einmal dreht er sich kurz um, weil ihm etwas eingefallen ist: "Auch in deutschen Unternehmen gibt es noch viel Potenzial. Zufriedene Mitarbeiter führen zu mehr Erfolg." Das müssten die Firmen erkennen. Und die Chefs. Das ist ihm wichtig. Dass so viele Menschen wie möglich ihr persönliches Lebensglück finden. Dafür kämpft er. Auch hier auf der Kaiserburg. Wären da bloß nicht ständig diese ins Bild lächelnden Touristen . . . 

Von Birgit Heinrich

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