Fotografin Gerardi: So sehr mussten Frauen früher kämpfen

8.3.2019, 10:25 Uhr
Um 1950 in der Nürnberger Königstraße: Gertrud Gerardi hat gerade einen Umzug fotografiert. Vom Dach des Opels aus bot sich ein guter Überblick und freie Sicht auf die Ruinen der Sebalder Altstadt. Ihr maßgeschneiderter Hosenanzug, der zum Markenzeichen der Fotografin wurde, war bei ihren Klettertouren unverzichtbar, jedoch nicht überall gerne gesehen in einer Zeit, als Frauen noch Röcke zu tragen hatten!

Um 1950 in der Nürnberger Königstraße: Gertrud Gerardi hat gerade einen Umzug fotografiert. Vom Dach des Opels aus bot sich ein guter Überblick und freie Sicht auf die Ruinen der Sebalder Altstadt. Ihr maßgeschneiderter Hosenanzug, der zum Markenzeichen der Fotografin wurde, war bei ihren Klettertouren unverzichtbar, jedoch nicht überall gerne gesehen in einer Zeit, als Frauen noch Röcke zu tragen hatten! © Stadtarchiv Nürnberg, Sign. A68 22

Sich durchsetzen, wenn einem etwas am Herzen liegt, das hatte die 1914 in Münster in Westfalen geborene Gertrud schon als Mädchen gelernt. Es war nur die Mutter und Malerin Anna Gerardi, die die Lust ihrer Tochter am Fotografieren mit der Einrichtung einer Dunkelkammer unterstützte. Nach dem Abitur im Jahr 1933 in Unna ließ sich Gerardi in München an der renommierten "Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen" zur Fotografin ausbilden .

Um dem skeptischen Vater zu beweisen, dass sie in ihrem für Frauen damals noch höchst ungewöhnlichen Traumberuf selbst für sich sorgen konnte, trat sie 1935 die von der Schule vermittelte Stelle bei der Pommerschen Hitlerjugend in Stettin an. Bei der Pommerschen Zeitung, dem auflagenstärksten Blatt in Nazi-Deutschland, lernte sie im Jahr darauf ihren Mann Roland Buschmann kennen, der dort Schriftleiter war.

Nach der Flucht bei Kriegsende fanden beide eine neue berufliche Heimat in Nürnberg, wo Josef Drexel seit Oktober 1945 die Nürnberger Nachrichten herausgab. "Wir kannten den Dr. Drexel aus der Zeit vor dem Krieg und er wusste, dass wir Journalisten waren, und hat uns hierhergeholt" sagte sie 1999 der Nürnberger Zeitung.

Roland Buschmann verpasste dem Blatt 1949 ein modernes Layout, das sich durch rekordverdächtig viele Fotos auszeichnete. Dafür wurde seine Gattin, die eigentlich Buschmann-Gerardi hieß, sich aber nur mit ihrem alten Namen anreden ließ, erster festangestellter "Fotograf" (!) im Verlag. "Das hat die männlichen Kollegen" - so erinnerte sich Gerardi zu Lebzeiten - "schon ein bisschen geärgert". Die persönliche Verbindung mit dem Chef brachte ihr aber nur höhere Ansprüche statt Vergünstigungen ein.

Nicht gern gesehen

Unter ihrer Leitung entwickelte sich die Bildredaktion der damals fünftgrößten deutschen Zeitung zu einem zentralen Ressort. Aber auf den Presseterminen in der Stadt war die Frau mit der Leica in ihrem 25 Pfund schweren Arbeitsgepäck noch lange eine Exotin, die sich Akzeptanz immer erst erkämpfen musste.

Gerardi zu ihren Anfängen: "Glauben Sie, der Stadtrat und so, die hätten mich als Frau haben wollen? Überall wurden sie zuerst als Frau nicht gern gesehen, nicht vor dem Krieg, während des Krieges nicht in öffentlichen Positionen und auch danach nicht. Ich habe mich aber durchgesetzt. Ich konnte ihnen das Fotografieren vormachen. Ich hab sie nicht vorgeschickt, sondern habe es selbst gemacht."

Männliche Hilfe nahm sie allenfalls beim Transport ihrer legendären Leiter in Anspruch, um von oben herunter sogar noch einer Baugrube eine besondere Ästhetik zu verleihen. In den Fertigungshallen der Industriemetropole Nürnberg waren dagegen andere Fähigkeiten gefragt. "Die Arbeiter grinsen doch alle, wenn sie als Frau kommen. Sie müssen sich immer einfühlen in die Leute, müssen Kontakt zu ihnen haben", erinnerte sie sich.

Bis zu ihrem Ausscheiden bei den NN im Jahr 1967 machte Gerardi zehntausende Fotos für die Zeitung. Danach wechselte sie zur Stadt, wo sie bis 1974 als Leiterin der Bildstelle im Hochbauamt mit ihrer energischen und durchaus streitbaren Art "Licht in die kommunale Dunkelkammer" brachte. 2001 würdigte das Bonner Haus der Geschichte in der Schau "frauen/objektiv" die Pionierarbeit der Fotografinnen. Die traten erst in der Nachkriegszeit aus dem Schatten der Männer. Aus Nürnberg kamen sogar zwei Fotografinnen, die es in die Ausstellung geschafft hatten: Die schon ab 1926 in der Noris tätige spätere Bundesverdienstkreuzträgerin Lala Aufsberg (1907-1976) und Gertrud Gerardi. Wegen ihrer Verdienste um die Dokumentation des Wiederaufbaus wurde Gerardi im Jahr 1975 die Bürgermedaille verliehen.

In ihrem Nachlass sind viele wichtige Ereignisse der Nachkriegsjahrzehnte auf Fotopapier verewigt. Prominente Besucher — von Hans Albers bis Willy Brandt — bekam sie vor die Linse. Mit letzterem stieß die elegante und eloquente Fotografin sogar einmal mit einem Cognac an. Und im Dürerjahr 1971 gingen ihre Nürnberg-Fotos in die ganze Welt.

Stark war Gerardi im Festhalten von Menschen in ihrem Alltag. Stark war sie auch in ihrem besonderen Blick auf die verwundete Stadt, die allmählich wieder an Wohlstand, historischen Sehenswürdigkeiten und moderner Architektur zulegte. Doch auch dem heute längst verschwundenen Dorf zwischen Fränkischer Schweiz und Altmühltal setzte sie mit dem Band "Bilder aus Franken" ein wunderbares Denkmal.

"Phänomenales Jahrhundert"

Die kinderlose Fotografin, die sich im Ruhestand ihrem Garten widmete und die halbe Welt fotografierend bereiste, blickte im Jahr 1999 im Gespräch mit Gaby Franger für das Nürnberger Frauen-Geschichtsbuch noch einmal mit Begeisterung auf ihr Leben zurück: "Wir Frauen haben so sehr viele verschiedene Entwicklungen durchgemacht, mussten uns immer wieder durchsetzen. Das war ein phänomenales Jahrhundert!"

Nachdem Gertrud Gerardi am 24. Januar 2002 im Alter 88 Jahren verstorben war, würdigte Wolfgang Buhl sie in seinem Nachruf als "einzige Frau von Bedeutung" in der fränkischen Presselandschaft. "Das Bild, der eingefangene und festgenommene Augenblick, war die große Liebe ihres Lebens."

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