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Fränkischer Experte: Radler fühlen sich auf der Straße unsicher

Nah und schnell: Experte Thiemo Graf plädiert für klar abgetrennte Flächen - 06.11.2015 05:58 Uhr

Auf zwei Rädern durch Mittelfranken: Das geplante Radschnellverbindungsnetz in der Metropolregion nimmt Formen an (Symbolbild). © M.Gloger / dpa


"Die Führung des Radverkehrs auf der Straße wirkt sich stark negativ auf das Sicherheitsempfinden der Radler aus und hält Menschen vom Radfahren generell ab", sagt Thiemo Graf. Sein "Institut für innovative Städte" aus Röthenbach an der Pegnitz berät Kommunen, Gemeinden und Landkreise im deutschsprachigen Raum bei der Gestaltung von Rad- und Fußwegen. Graf, selbst 3. Bürgermeister in Röthenbach, kennt viele Fehler der Planung aus eigener Anschauung als Alltagsradler.

"Viele Verkehrsplaner glauben, sie würden den Radfahrern etwas Gutes tun, wenn sie einfach einen Trennstrich und etwas Farbe auf die Fahrbahn pinseln." Damit, so erklärt der Stadtrat der Grünen in einem Interview mit dem Schweizer Blog velofahrer.ch, würde nur eine Infrastruktur für eine Radler-Elite geschaffen, die es sich traue, dort zu fahren.

Unsicheres Gefühl

Auf den sehr viel größeren Teil der Radler treffe das nicht zu. Schutz- und Radfahrstreifen hielten sie davon ab zu fahren, weil ihnen der Kraftfahrzeugverkehr zu nah käme und zu schnell sei und sie sich unsicher fühlten.

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Graf gibt zu bedenken: Was schon den aktiven Radler verunsichert, sorgt erst recht dafür, dass Menschen vom Umsteigen abgeschreckt werden, die bisher gar nicht oder nur wenig Rad fahren. Seine These: "Die subjektiv unsicherste Stelle einer Wegeverbindung entscheidet die Verkehrsmittelwahl."

Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen sich lieber ins Auto als aufs Rad setzen. Kommunen hätten es aber in der Hand, mehr Bürger zum Umsteigen zu bewegen. Dabei spiele die Psychologie in der Radverkehrsplanung eine bisher stark unterschätzte Rolle.

"Barrieren im Kopf"

Wenn es um die Mobilität mit dem Fahrrad geht, sagt Thiemo Graf, haben die Menschen - anders als beim Autofahren - viele "Barrieren im Kopf". Da sind fehlende Wegeverbindungen, die sie vom Radeln abhalten, lange Distanzen zum Arbeitsplatz oder Unkenntnis über mögliche Fahrrouten. Auch die Witterung (Regen, Kälte, Hitze) wird häufig angeführt, weiß er aus Befragungen, ebenso die Zeit ("dauert zu lange"), Bequemlichkeit ("zu umständlich und anstrengend") oder der Zwang zur Businesskleidung ("Ich kann in der Firma nicht duschen.").

Die einen haben Angst im dichten Stadtverkehr, die anderen sind es einfach gewohnt, ihre Wege mit dem Auto zurückzulegen. "Eingefahrene Gewohnheiten und Wahrnehmungen bestimmen ganz stark unser Mobilitätsverhalten. Diese zu ändern, ist außerordentlich mühsam und langwierig", sagt Alltagsradler Graf. "Aber nicht unmöglich".

Abgegrenzte "Radstraßen"

Städte mit einem hohen Radverkehrsanteil wie Kopenhagen, Delft oder Münster trennen Rad- und Autofahrer. Mit anderen Worten: Die Radler haben in solchen Städten ihre eigenen, abgegrenzten "Radstraßen", gut sichtbare Abbiegespuren oder Aufstellflächen. Der Anteil der Radler am Gesamtverkehr von 35 und mehr Prozent (Nürnberg: 13 Prozent) gibt den Städten recht.

Nur wirksame Anreize für Verhaltensveränderungen könnten Menschen zum Umsteigen aufs Rad bringen. Graf: "Das beste Marketing für das Fahrrad ist eine attraktive und sichtbare Infrastruktur." Dazu zählt er auch Radschnellwege, sichere Abstellflächen und ein Fahrradparkhaus, wie es gerade im neuen Bahnhof von Delft installiert worden ist. Auch Firmen sieht er in der Pflicht, in dieser Frage mehr für ihre Mitarbeiter mehr zu tun. Vielleicht fallen dann doch eines Tages Barrieren im Kopf und die Leute steigen auf das Fahrrad um.

 

Andreas Franke

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