Für mehr Sichtbarkeit: Nürnbergs queere Community erstellt Forderungskatalog

Katja Kiesel

Volontärin Lokalredaktion

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29.4.2021, 17:31 Uhr
Die Berücksichtigung queerer Menschen und derer Lebensweisen ist in Nürnberg noch nicht so ausgeprägt, wie es sich das Bündnis gegen Trans- und Homophobie wünscht. 

Die Berücksichtigung queerer Menschen und derer Lebensweisen ist in Nürnberg noch nicht so ausgeprägt, wie es sich das Bündnis gegen Trans- und Homophobie wünscht.  © Wolfgang Kumm, dpa

Die Hashtags #actout oder #teachout machten im Februar dieses Jahres auf den sozialen Netzwerken die Runde: Mit Ersterem gingen 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht binäre und trans* Schauspieler und Schauspielerinnen gemeinsam an die Öffentlichkeit und outeten sich - um Sichtbarkeit zu schaffen. Diesem Beispiel folgten unter dem Motto "#teachout – Bildung sichtbar queer gestalten" schließlich Pädagogen und Pädagoginnen – mit dem Ziel, queere Vielfalt auch in Bildungseinrichtungen zu enttabuisieren. Ebenfalls im Februar sorgte außerdem eine Solidaritätsaktion in dem Fußballmagazin 11 Freunde für Aufsehen: Über 800 Spieler sprachen ihren schwulen und bisexuellen Kollegen Unterstützung zu.


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Die EU als Freiheitszone für LGBTIQ+ - Personen

Am 11. März 2021 schließlich erklärte das europäische Parlament die europäische Union mit einer eindeutigen Mehrheit zur Freiheitszone für LGBTIQ+-Personen. Die einzelnen Buchstaben dieser Bezeichnung stehen für Lesbisch, Schwul (engl. Gay), Bisexuell, Trans, Intersexuell und Queer. Die Abkürzung existiert in unterschiedlichen Versionen, noch gibt es keine völlig einheitliche Verwendung.

Michael Glas, Geschäftsführer des queeren und seit 1978 bestehenden Nürnberger Vereins Fliederlich e.V., erklärt: "Das angehängte Plus steht für all diejenigen Menschen, die sich von den vorgenannten Abkürzungen nicht eingeschlossen fühlen." Häufig begegnet man auch der Verwendung des Sternchens - zum Beispiel hinter den Begriffen trans* oder inter*. Das Symbol fungiert in dem Zusammenhang als Platzhalter für beliebige Endungen.

Ein Coming-Out erfordert noch immer viel Mut

Aktionen wie #actout oder #teachout setzen wichtige Signale auf dem Weg zu mehr Vielfalt und Akzeptanz, sie zeigen aber auch: Ein Coming-Out jeglicher Form fordert von den Betroffenen noch immer viel Mut. Sich zu outen bedeutet, die schützende Blase der vermeintlichen "Normalität" zu verlassen und sich auch heute noch Diskriminierung, Ablehnung oder sogar Hass auszusetzen. Glas schildert, dass zu den Ängsten vieler Betroffener besonders die Sorge gehört, nach einem Coming-Out alleine gelassen zu werden, dass die Familie sich abwendet oder es Probleme im Job gebe. "Das muss alles nicht sein, aber unsere Erfahrungswerte aus der Beratung zeigen, dass diese Ängste noch immer bestehen - und das leider auch nicht grundlos."


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Die queere Community Nürnbergs sehe es deshalb an der Zeit, im Rahmen des Nürnberger Bündnisses gegen Trans- und Homophobie einige Forderungen direkt an die Kommune, den Freistaat und den Bund zu richten, fasst Glas, der im Koordinierungsgremium des seit 2014 bestehenden Zusammenschlusses tätig ist, zusammen.

Für Jung und Alt

Dazu gehört zum Beispiel der Wunsch nach einem queeren Jugendzentrum: Derzeit besteht bereits eine Jugendinitiative innerhalb des Fliederlich e.V., die wöchentliche, selbst organisierte Treffen in den Räumlichkeiten des Vereins abhält. Vor Corona waren diese Treffen auch gut besucht: Rund 40 junge Menschen bis 27 Jahre kamen regelmäßig zusammen. Für häufigere Zusammenkünfte sei kein Platz, der Bedarf dafür umso größer, so Glas: "Schön wäre daher ein eigenes Jugendzentrum für junge queere Menschen, am liebsten natürlich in der Nähe unseres Vereins in der Sandstraße."

Daneben fordert das Bündnis ein generationenübergreifendes queeres Wohnprojekt sowie wie eine größere Berücksichtigung der queeren Kultur und Lebensweise in den Einrichtungen stationärer Pflegeheime. "Hier hoffen wir auf eine stärkere Sensibilisierung in den bereits bestehenden Heimen für queere Menschen im Alter, da muss etwas passieren", betont Glas. "Der Wunsch ist ein bewusstes Wahrnehmen und Akzeptieren der Menschen und die Sicherheit, dass - wenn sich jemand in einem Seniorenheim outet - ihm dann auch das Personal den Rücken stärkt und im Falle von Diskriminierung Partei ergreift."

Mehr queere Berücksichtigung in Nürnberg

Auch die Gleichstellungsstelle der Stadt Nürnberg hat sich dem Thema bereits angenommen: Es soll ein Masterplan "Queeres Nürnberg" entstehen, der die Perspektiven von Lesben, Schwulen, Bi*, Trans* und Inter*personen stärker berücksichtigt. "Wir sind als Stadt verantwortlich dafür, dass Diskriminierung hier keinen Platz hat. Daher wollen wir im Rahmen des Masterplans uns als Verwaltung verbessern, unsere Leistungen inklusiver gestalten und die Szene in allen Handlungsfeldern unterstützen", erklärt die Anti-Diskriminierungs-Beauftragte der Gleichstellungsstelle, Christine Burmann. "Wir haben zehn verschiedene Themenfelder abgesteckt und starten im Mai mit jeweiligen digitalen Workshops, geleitet von Personen der Community und der Verwaltung."

Im Winter 2021/ 2022 soll der Aktionsplan dann vorgestellt und hoffentlich verabschiedet werden, anschließend beginnt die Umsetzung in der Verwaltung.

Ehrenamtliche Beratungsstelle reicht nicht aus

Zu den Forderungen des Bündnisses gehören außerdem die finanzielle Unterstützung für bereits bestehende und geplante queere Kulturprojekte, sowie eine Beratungsstelle für Regenbogenfamilien. "Der Bedarf ist eindeutig da", schildert Glas. "Wir von Fliederlich e.V. bieten Beratung auf ehrenamtlicher Basis an und diese hat einfach enge Grenzen. Für uns wäre es wichtig, eine hauptamtliche Fachberatung – zumindest eine halbe Stelle – anbieten zu können."


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Auch an den Freistaat Bayern hat das Bündnis Forderungen formuliert: Dazu gehören die Erstellung eines Aktionsplans "Queeres Bayern" mit der nötigen finanziellen Ausstattung für flächendeckende Beratungsangebote sowie der Ausbau der Beratungsstrukturen in den Ballungsräumen Nürnberg und München. Auch die stärkere Einbindung der queeren Lebensweise auf schulischer Ebene und im Rahmen eines entsprechenden Bildungsplanes hält das Bündnis für wichtig: "Bereits in der Schule müsste mit Anti-Diskriminierungs- und Akzeptanzarbeit begonnen werden", bekräftigt Glas.

Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

Vom Bund fordert der Zusammenschluss die Umsetzung eines nationalen Aktionsplans für die Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, die Ergänzung des Artikel 3 im Grundgesetz durch die Merkmale "geschlechtliche und sexuelle Identität", die Gleichstellung von Regenbogenfamilien mit der klassischen Familie, die Beendigung der Diskriminierung von schwulen Männern beim Blutspenden sowie den Ersatz des Transsexuellen-Gesetzes durch ein Selbstbestimmungsgesetz – aktuell können betroffene Menschen ihren Geschlechtseintrag nur unter Vorlage ärztlicher Atteste ändern lassen.

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