Gartenbetriebe helfen bei Integration und Resozialisierung

2.5.2018, 09:27 Uhr
. . . in der Natur-Erlebnis-Gärtnerei der Noris-Inklusion päppeln Beschäftigte mit Behinderung das zarte Grün mit viel Liebe und Umsicht auf.

. . . in der Natur-Erlebnis-Gärtnerei der Noris-Inklusion päppeln Beschäftigte mit Behinderung das zarte Grün mit viel Liebe und Umsicht auf. © Horst Linke

"Ein Huhn, ein Huhn," ruft ein kleiner Junge. Er, seine Eltern und viele andere Besucher der Natur-Erlebnis-Gärtnerei der Noris-Inklusion an der Braillestraße trauen sich nicht, dass flüchtende Federvieh einzufangen. Mit einem geübten Griff schnappt sich ein Mitarbeiter mit Behinderung den Vogel, beruhigt ihn und hält ihn im Arm, so dass die Kinder das seidige Gefieder streicheln können.

Davon, dass die Mitarbeiter der Werkstätten außergewöhnliche Talente und Fähigkeiten haben, konnten sich die Kunden bei dieser Begebenheit überzeugen. In dem gemeinnützigen Gartenbaubetrieb sind Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Handicap gewünscht und selbstverständlich, berichtet der Geschäftsführer des Sozialunternehmens, Christian Schadinger. "Menschen mit Behinderung sind Teil der Stadtgesellschaft, wir wollen sie nicht verstecken", sagte Sozialreferent Reiner Prölß kürzlich bei einem Pressegespräch. Und Levent Peksöz, einer der Mitarbeiter der Gärtnerei, fügte an diesem Tag hinzu: "Wir machen gute Arbeit. Wir freuen uns, wenn die Kunden zufrieden sind."

Der Verkauf läuft

Am 2. Mai eröffnete das nagelneue Verkaufsgewächshaus. An diesem Tag fiel auch der Startschuss zu einem erweiterten Angebot des Gartenbaubetriebes mit rund einhundert Mitarbeitern am Rande des Volksparks Marienberg: Nun dürfen Hobbygärtner das ganze Jahr über nach Herzenslust Kräuter, Gemüsepflänzchen und Zierpflanzen mit Biosiegel einkaufen – früher gab es nur einen Saisonverkauf im Frühling. Außerdem wurde das Sortiment erweitert: Ab sofort gibt es Produkte aus eigenen und befreundeten Werkstätten sowie Biolebensmittel aus solidarischer Landwirtschaft.

Außerdem zog die unternehmenseigene Töpferei aus Eibach in den Nürnberger Norden. Jetzt kann man den Kunsthandwerkern über die Schulter schauen und sich gleich eine schöne Keramikkugel für Garten oder eine hübsche Tasse für den Frühstückstisch aussuchen. Neben dem Gartenbaubetrieb bietet die Noris-Inklusion auf dem Gelände weitere Dienstleistungen und pädagogische Angebote an, etwa Mitmachgärten für Schulen. "Wir haben unsere kreative und grüne Seite in der Braillestraße gebündelt", sagt Geschäftsführer Schadinger. Seine Mitarbeiter gehen aber auch in die Stadtteile und werden so ganz selbstverständlich Teil der urbanen Gesellschaft: etwa bei der Grünpflege für Firmen, Kliniken oder städtische Parkanlagen oder bei der Auslieferung von Brennholz oder Eiern aus eigener Produktion.

Arbeit strukturiert den Tag von Strafgefangenen

Zu Nürnberg gehören auch die Strafgefangenen, die hinter den hohen Betonmauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) an der Mannertstraße sitzen. Ein Ziel des Gefängnisaufenthalts ist die Resozialisierung. Die Insassen sollen nach ihrer Entlassung ein normales – und natürlich straffreies Leben führen, erklärt Anstaltsleiter Thomas Vogt. Zugewiesene Arbeit zu leisten, sei nicht nur gesetzliche Pflicht der Gefangenen, sie strukturiere auch den Tag.

In Nürnberg gibt es mehrere Betriebe auf dem JVA-Gelände, darunter auch eine Gärtnerei. Egal, ob die Sonne vom Himmel brennt oder es stürmt und schneit: Um Punkt sieben Uhr treten die Männer in blauer Anstaltskleidung ihren Dienst an. Rasen mähen, Hecken stutzen, im Gewächshaus Pflänzchen umtopfen, aber auch im Winter Schnee schippen.

Der Einsatz in der Gärtnerei ist anstrengend, aber beliebt, so die Erfahrung von Thomas Vogt, der einen guten Grund dafür nennt: "Man kann sich relativ frei auf dem Gelände bewegen." Während des Saisonverkaufs im Mai dürfen die Gefangenen sogar die Anstalt kurz verlassen. Vor dem Tor an der Reutersbrunnenstraße hat die JVA einen kleinen Gartenmarkt aufgebaut. Die Häftlinge bestücken die Auslagen, zeigen den Kunden die Produkte und laden am Ende oft auch die schweren Kisten mit den Einkäufen in den Kofferraum.

Keine "schweren Jungs" beim Einkauf

Mit "schweren Jungs" kommen die Nürnberger bei ihrem Einkauf nicht in Kontakt. Die Gärtnerei-Arbeiter sind handverlesen. "Sie müssen absolut zuverlässig sein", stellt Thomas Vogt klar. Wer wegen Drogen- und Gewaltdelikten aufgefallen ist, hat keine Chance. In der JVA Nürnberg, übrigens die zweitgrößte Haftanstalt Bayerns, sitzen grundsätzlich nur Männer ein, die relativ kurze Freiheitsstrafen verbüßen.

Acht bis zehn Gefangene sind jeweils in der Gärtnerei beschäftigt und werden von drei Justizvollzugsbeamten mit Fachausbildung angeleitet. Gärtnermeister Hans-Günther Lang, der den Betrieb leitet, berichtet, dass nur ganz selten jemand vom Fach bei ihm im Gewächshaus steht. Die Beamten weisen die Männer in den Umgang mit Rasenmäher und Heckenschere ein, sie zeigen, wie man Jungpflanzen pikiert oder die prachtvollen Hängeampeln, die zwei Gefangene gerade zum Verkaufsstand bringen, schön arrangiert. "Wir haben ganz normale Preise und eine hohe Qualität", lobt Gärtnermeister Lang das Sortiment, das sich ausschließlich an Privatkunden richtet.

Eine vollständige Ausbildung zum Gärtner können die Gefangenen in Nürnberg nicht absolvieren. Dazu ist der Betrieb zu klein. Wichtig ist aber die Möglichkeit, ein Berufsfeld zu erkunden. Wer möchte, bekommt auch ein Arbeitszeugnis, mit dem er sich nach seiner Entlassung bewerben kann.

Gemüse und Obst aus sozialen Einrichtungen in St. Johannis

Auch im Stadtteil St. Johannis gibt es Gemüse und Obst aus sozialen Einrichtungen zu kaufen. Bewohner des Obdachlosenwohnheims Haus Großweidenmühlstraße ziehen gerade im Gewächshaus die ersten Tomaten- und Chilisetzlinge, sagt Leiter Peter Mertel. Die Bewohner sollen durch die Arbeit im Gewächshaus, an den Freibeeten und dem etwa 8000 Quadratmeter großen Garten wieder etwas Tagesstruktur lernen, erklärt Mertel. Etwa fünf Männer arbeiten dort derzeit. Auch die Bewohnerinnen aus dem Haus für Frauen können sich beim Gemüseanbau engagieren. "Wenn jemand Freude daran hat und einen grünen Daumen, dann ist das ideal." Oft hätten die Menschen, die im Obdachlosenheim Hilfe suchen, aber einfach ganz andere Probleme.

Wer Gemüse aus der Großweidenmühlstraße kauft, bekommt saisonale und regionale Produkte. Und: "Wir spritzen kein Pflanzenschutzmittel, sondern entfernen das Unkraut mit der Hand", sagt Mertel. "Bei uns ist alles ganz natürlich."

Über das Jahr werden im Haus Großweidenmühlstraße unter anderem Salat, Gurken, Tomaten, Bohnen, Radieschen, Melonen und Beeren geerntet und verkauft. Im Herbst gibt es auch Kirschen, Äpfel und Pflaumen von den Obstbäumen im Garten.

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