Gas-Explosion in Maxfeld: Überlebende trifft auf Helfer

30.3.2017, 05:55 Uhr
Marion Müller sieht sich bei einem Wiedersehen zusammen mit den damaligen Helfern Fotos des Unglücks an.

Marion Müller sieht sich bei einem Wiedersehen zusammen mit den damaligen Helfern Fotos des Unglücks an. © Michael Matejka

Marion Müller schläft im zweiten Stock, als das Unglück passiert. Vom ohrenbetäubenden Knall selber bekommt sie nichts mit. Das erste, an das sich die heute 52-Jährige erinnern kann, ist ein Auto, das wegfährt. "Da habe ich gedacht: Oh Gott, es hat niemand mitbekommen, dass ich hier eingesperrt bin."

Heute, 30 Jahre später, sagt Marion Müller das mit einem Lächeln. Es ist das erste Mal, dass sie öffentlich über den 21. Januar 1987 spricht. Dafür ist sie extra von Stuttgart, ihrer neuen Heimat, nach Nürnberg gereist. Nun sitzt sie in der Redaktion und lässt die Nacht Revue passieren, in der um 1.04 Uhr das Wohnhaus in der Schlüsselfelder Straße explodiert, ausgelöst durch einen 56 Jahre alten Mieter, der die Gasleitung im Keller des viergeschossigen Wohnhauses manipuliert hatte. Er wird als Zweiter aus dem Schuttberg gezogen. 

Marion Müller muss acht Stunden ausharren. Lebendig begraben. "Ich konnte nur meinen Arm bewegen, mehr nicht." Anfangs schreit Müller, genauso wie zwei weitere Verschüttete, deren Hilferufe Müller hört. Sie verstummen irgendwann, beide werden tot aus den Trümmern geborgen. Nicht so Marion Müller, die anfangs noch das Gas einatmet, dass durch die Überreste des Wohnhauses zieht. Die damals 22-jährige Studentin sagt immer wieder Telefonnummern von Freunden und Verwandten auf, eine kann sie noch, "aber das ist auch die meiner Eltern - die hat sich nicht verändert", lacht Müller.

Müller feiert "zweiten Geburtstag"

Dass sie heute lachen kann und immer am 21. Januar ihren "zweiten Geburtstag" feiert, ist den Helfern zu verdanken, von denen sie dreien gegenübersitzt. Dieter Barth und Hans Trauner, damals beim Bayerischen Roten Kreuz, und Bernhard Hussel. Hussel ist 1987 als Einsatzleiter der Nürnberger Feuerwehr vor Ort. Für Marion Müller bedeutet sein Einsatz viel. Denn Hussel ist dank einer Fortbildung einer der wenigen, der mit der Katastrophe umzugehen weiß.

Als Marion Müller entdeckt wird, ist er sofort bei ihr, hält die freie Hand der jungen Frau - und lässt sie nicht mehr los. Für die Verschüttete ist das ein lebensnotwendiger Anker. Zum Helden wird Feuerwehrmann Hussel dadurch nicht. Nur für Marion Müller, die sich später in einem Brief an die Feuerwehr explizit für diese Geste bedankt. 

Unter seinen Feuerwehrkollegen wird Hussel belächelt, einer kritzelt süffisant auf Müllers Brief, der an einer Pinnwand hängt: "Wer war denn der Händchenhalter?" Was heute hart klingt, ist damals normal. Traumabewältigung sei damals kein Thema gewesen,  sagen die Retter.

Marion Müller, die bei der Explosion nur Blutergüsse erleidet, wird nach zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Seelsorge, psychische Betreuung? "Null", sagt sie. Dabei fühlt sie sich in den ersten Tagen, als würden die Wände um sie herum einstürzen. Sie redet viel über das Unglück, nicht öffentlich, aber mit ihren Eltern, ihren Freunden. Die Tränen fließen - heute wie damals - als sie über die beiden toten jungen Männer spricht, die versucht hatten, das Unglück noch zu verhindern. Deren Eltern hatten schon im Jahr zuvor einen Sohn bei einem Autounfall verloren. "Als ich sie damals bei der Polizei traf, sagte die Mutter zu mir: 'Schön, dass du lebst.'"

Müller studiert damals zügig zu Ende und verlässt die Stadt. Inzwischen spricht die stellvertretende Schulleiterin einer kaufmännischen Berufsschule in Stuttgart seltener über diese Nacht, vergessen wird sie sie nie. Auch wenn sich beim Treffen mit dem Mann, der damals ihre Hand gehalten hat, der Kreis schließt. Marion Müller und Bernhard Hussel verzichten diesmal auf das Händeschütteln. Sie liegen sich in den Armen. 

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