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Geburt bei minus 15 Grad: Mutter hat jetzt ein Dach über dem Kopf

Entbindungen auf der Straße sind extrem selten - 16.02.2021 17:58 Uhr

Mitten in der Nacht kam vor wenigen Tagen im Stadtgraben ein Mädchen zur Welt (Symbolfoto). Das Baby befindet sich in der Obhut des Jugendamtes.

16.02.2021 © Sina Schuldt, NNZ


"Wer kann das sein?" "Wie ist es dazu gekommen?" Diese Fragen hat sich auch Manuela Bauer gestellt, als sie die Nachricht von der Geburt im Stadtgraben erreichte. Die 54-Jährige leitet die Ökumenische Wärmestube und weiß, unter welch schwierigen Umständen sich die, die auf der Straße leben, derzeit durchs Leben kämpfen. Sie weiß aber auch, dass sich nicht jeder helfen lassen will. "Wenn jemand sich komplett verschließt, ist es unglaublich schwer, denjenigen zu unterstützen."


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Möglicherweise war das auch bei der jungen Mutter der Fall. Die 20-Jährige ist mit ihrem Partner immer wieder in der Wärmestube zu Gast gewesen, auch den Streetworkern war sie bekannt. Von ihrer Schwangerschaft habe jedoch niemand etwas bemerkt, sagt Bauer. Mit dicken Pullovern und Winterjacken lässt sich ein wachsender Bauch kaschieren; auf der Straße, wenn sich die Menschen in Decken oder Schlafsäcke hüllen, sind solche besonderen Umstände oft noch schwerer zu erkennen. Außerdem respektieren es die Sozialarbeiter, wenn jemand nicht reden will. "Wir fragen eher ganz allgemein nach, ob wir was tun können", sagt Bauer. "Wenn jemand sagt, er habe alles, was er braucht, sind uns die Hände gebunden."

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Wenn es draußen kälter wird, steigt auch die Nachfrage in der Notschlafstelle. Viele Obdachlose übernachten dann in einer von sechs Einrichtungen in Nürnberg. Morgens um 7 Uhr müssen sie wieder zurück auf die Straße. Ein Besuch im Haus für Männer in der Großweidenmühlstraße.


"Es geht um eine Zukunftsplanung"

Hilfsangebote gibt es aus Sicht der Sozialpädagogin jedenfalls genug, auch für werdende Mütter. "Wir sind wirklich bemüht, individuelle Lösungen zu finden." Dass Babys tatsächlich auf der Straße geboren werden, sei extrem selten, betont Bauer. Zum einen, weil die meisten der Obdachlosen männlich sind und die Zahl der obdachlosen Schwangeren ohnehin nicht allzu groß ist. Zum anderen, "weil die meisten verstehen, dass alles besser ist, als das Kind draußen zur Welt zu bringen." Die Hilfsangebote greifen aus Bauers Sicht sehr gut, "die meisten Frauen tauchen vor der Entbindung irgendwo auf". Im konkreten Fall sei die Schwangere wahrscheinlich selbst von der Geburt überrascht worden.

Eine der Anlaufstellen, die junge Mütter in schwierigen Lebenslagen auffangen, ist das Caritas-Haus für Frauen in Not. Dessen stellvertretende Leiterin Julia Wießner und ihre Kolleginnen kümmern sich um Frauen mit Kindern, die durch eine Trennung obdachlos geworden sind oder um Schwangere, die ihre Babys nicht in einer Pension für Wohnungslose zur Welt bringen wollen. Bei der Caritas bekommen sie nicht nur ein Zimmer samt Zugang zu verschiedenen Gemeinschaftsräumen, sondern Hilfe, "bei allem, was im Alltag anfällt", wie Wießner sagt. Dazu gehört der Umgang mit Behörden ebenso wie die Suche nach einer Hebamme oder einer Wohnung. "Es geht um eine Zukunftsplanung." Rund ein Jahr können die Betroffenen bleiben. Das Team, sagt Wießner, habe schon vielen Frauen den Weg in ein selbstständiges Leben geebnet. "Voraussetzung ist jedoch die Mitarbeit der Frau."

Gibt es einen Mutterpass?

Schon vor über zehn Jahren hat die Stadt ein soziales Frühwarnsystem installiert, um Eltern in schwierigen Lebenslagen zu helfen und Kinder vor Vernachlässigung zu schützen. Auch die Geburtskliniken sind Teil des Hilfesystems, Ärzte und Hebammen schauen seitdem noch genauer hin. Ein erstes Warnzeichen sei immer ein fehlender Mutterpass, sagt Oberarzt Dr. Wolfgang Köhler, Bereichsleiter Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin am Klinikum Nürnberg. "Einige Schwangere kommen ohne jede Vorsorge. Das ist ein starker Hinweis, dass da etwas nicht stimmt." Auch wenn der Mutterpass nur lückenhaft ausgefüllt ist, werden Köhler und seine Kollegen hellhörig. Sein Team kümmert sich zudem um Schwangere ohne Krankenversicherung, ein bis zwei Frauen sind es jeden Monat. "Das ist für uns selbstverständlich."

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Das kleine Mädchen, das im Stadtgraben zur Welt kam, befindet sich weiter in der Obhut des Jugendamtes. Seine Mutter hat jetzt immerhin ein Dach über dem Kopf, weiß Manuela Bauer. Mit ihrem Partner habe sie ein Zimmer in einer Pension beziehen können, "dort kann sie sich erst mal erholen und zur Ruhe kommen." Der Fall geht auch Bauer noch nach, mehr noch bewege sie jedoch das alltägliche Schicksal der Obdachlosen, sagt die Sozialpädagogin. "In der vergangenen Woche, als es so kalt war, haben wir an jedem Abend Leute eingesammelt und in die Notschlafstellen gebracht, die den Weg zu uns nicht mehr gefunden haben. Ich erlebe jeden Tag dramatische Geschichten, die nicht weniger tragisch sind als dieser Fall." Für Schlagzeilen sorgen diese Schicksale normalerweise nicht.

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