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Genitalverstümmelung: Jedes vierte Mädchen stirbt

Neue Fachstelle von Pro Familia klärt Fachkräfte und Opfer in Nürnberg auf - 20.04.2021 19:28 Uhr

Mit solchen Instrumenten werden in vielen Ländern (hier in Kenia) Genitalverstümmelungen durchgeführt. Jedes vierte Mädchen stirbt an den Folgen des Eingriffs.

20.04.2021 © Ursula Düren/picture alliance / dpa, NNZ


Schon die Zahlen sind erschütternd: Weltweit sind 200 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen, zwei Millionen Mädchen in rund 30 Ländern müssen das grausame Ritual jedes Jahr über sich ergehen lassen - selbst dort, wo es offiziell schon längst verboten ist. Es sind vertraute Menschen wie Mütter, Großmütter oder Tanten, die die oft gerade mal fünf bis zehn Jahre alten Kinder der Prozedur unterziehen, an deren Folgen jedes vierte Mädchen stirbt.

Wasserlassen wird zur Qual

Alle, die es überstehen, leiden ihr Leben lang unter den Auswirkungen. Dazu gehören zum Beispiel chronische Schmerzen, etwa beim Geschlechtsverkehr, oder ständige Harnwegsentzündungen. Im schlimmsten Fall wird die Wunde nach Entfernen der Klitoris und der Schamlippen bis auf eine minimale Öffnung zugenäht - auch Wasserlassen wird da zur Qual. Doch die wenigsten Frauen führen ihre gesundheitlichen Probleme überhaupt auf den traumatischen Eingriff zurück, weiß Rike Sindbert, die die neue Fachstelle leitet. "Wenn sie sich das erste Mal mit anderen Betroffenen darüber austauschen, ist das für sie ein Aha-Erlebnis."

Rike Sindbert klärt bei Pro Familia über das Thema Genitalverstümmelung auf.

20.04.2021 © e-arc-tmp-20210420_124638-1.jpg, NNZ


Sindbert wurde auf die Dimension des Problems aufmerksam, weil sie vor der Pandemie in Flüchtlingsunterkünften Aufklärungskurse angeboten hat. Dort kam das Thema zur Sprache, die meisten der Teilnehmerinnen seien beschnitten, sagt die Expertin. "Rund 80 Prozent haben Probleme." So entstand die Idee, eine Fachstelle zu gründen, deren Arbeit wird vorerst bis September 2022 von der Stadt Nürnberg und der Aktion Mensch finanziert. Mit Flyern, die sie in den Unterkünften verteilt, macht die Musikterapeutin auf das Beratungsangebot in Form von Einzelgesprächen aufmerksam. Die Nachfrage sei enorm, sagt Sindbert. "Die Frauen rennen mir die Bude ein."

Mediziner können helfen

Die 40-Jährige bietet zudem Beratungen für Fachpersonal an. Sie arbeitet mit Sprach- und Kulturmittlerinnen aus den Herkunftsländern der Frauen zusammen, die bei Bedarf übersetzen und den Betroffenen die erste Scheu nehmen können. Dabei geht es auch um eine medizinische Therapie. Pro Familia kooperiert unter anderem mit dem Südklinikum, wo die Mediziner klären, ob eine Operation helfen kann. "Das ist bei vielen mit großen Ängsten verbunden", sagt Sindbert. Eine intensive Begleitung sei deshalb nötig.


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Dass Genitalverstümmelungen, die in Deutschland als Körperverletzung gelten und deshalb verboten sind, auch in Nürnberg durchgeführt werden, ist der Fachfrau nicht bekannt. Ausschließen könne sie dies jedoch nicht, sagt die Beraterin. In Frankfurt sei ein Mädchen nach einem solchen Eingriff in einer Gemeinschaftsunterkunft beinahe verblutet. Auch deshalb will Sindbert nicht nur den Opfern helfen, sondern die hier lebenden Mütter aufklären, damit diese ihre Töchter schützen, soweit sie es können. Denn meistens werde die Gefahr einer Genitalverstümmelung nicht als frauenspezifischer Fluchtgrund anerkannt und schütze nicht vor einer Abschiebung. Wieder in der Heimat, werden die Mädchen dann teilweise von Verwandten beschnitten, während die Eltern nicht zu Hause sind. Davor kann sie dann auch die Aufklärungsarbeit in Deutschland nicht bewahren.

Mehr Informationen bei Pro Familia unter der Rufnummer (0911) 55 55 25. Am 29. Juni, 16.30 Uhr, berichtet mit Fadumo Korn in der Villa Leon eine Betroffene über das Thema weibliche Genitalbeschneidung.


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