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Gewalt in Familien: Hilfsangebote für prügelnde Partner sind rar

Auch die Täter benötigen eine Anlaufstelle, finden aber nur wenige - 24.04.2019 13:25 Uhr

Schläge in Beziehungen sind in vielen Fällen kein Zeichen von Macht, sondern eher von Ohnmacht. Der meist männliche Täter hat nicht gelernt, mit Konfliktsituationen umzugehen. © Michael Matejka


Ein Sturm aus Beleidigungen, Schläge und Tritte gegen den Partner. Das ist Alltag in vielen Familien. In wie vielen, weiß allerdings niemand. Knapp 140.000 Mal registrierte das Bundeskriminalamt für das Jahr 2017 Gewalt in Beziehungen – meist waren die Täter männlich. Angesichts der steigenden Zahlen sind die Frauenhäuser am Limit. Das weiß Peter Grundler, der seit Jahren Opfer und Täter häuslicher Gewalt begleitet und versucht, ihnen zu helfen. Meist sind es Männer, die ihre Partnerinnen quälen, verletzen, inzwischen aber auch solche, die selbst zum Opfer ihrer Frauen geworden sind.

Aus dem 2003 gegründeten Verein "Männer gegen Männergewalt Nürnberg" ist 2013 die Gewaltberatung Nürnberg entstanden. "Wir haben irgendwann festgestellt, dass die Nachfrage auch unter männlichen Opfern steigt", sagt der 60-jährige Sozialpädagoge. Also leisten sie nun sowohl Täter- als auch Opferarbeit. 30 bis 40 Männer begleiten er und sein Kollege pro Jahr.

Alle sozialen Schichten betroffen

Dabei gleicht keiner dem anderen. "Wir haben wirklich alle sozialen Schichten bei uns vertreten und alle Gewaltformen", so Grundler. Da ist der eine, der seine Frau immer wieder psychisch quält, sie gar umzubringen droht, da der andere, der seine Frau seit Jahren immer wieder grün und blau schlägt.

Der Sozialpädagoge Peter Grundler


Selten habe all das etwas mit Macht zu tun, wie er sagt. "Meist ist es das Gegenteil. Diese Männer sind ohnmächtig und überfordert in Konfliktsituationen." Manche hätten nie gelernt, eine gesunde Streitkultur zu entwickeln, könnten sich nicht artikulieren, weil ihnen der Zugang zu sich selbst fehlt. "Eigene Gewalterfahrungen spielen dabei nicht immer eine Rolle, aber sehr wohl, welches Rollenbild man selbst hat, mit dem man aufgewachsen ist", so Grundler.

Längst gibt es eine Warteliste

Wer zur Gewaltberatung kommt, der muss dies aufgrund einer gerichtlichen Auflage, etwa einer Bewährungsauflage, oder als sogenannter Selbstmelder. Letzterer wurde über eine Beratungsstelle oder das Jugendamt vermittelt und hat selbst begriffen, dass er Hilfe braucht. Doch die ist nicht leicht zu finden. So führt das Sozialministerium in München gerade einmal vier Beratungsstellen in ganz Bayern auf, die sich gezielt an gewalttätige Männer richten.

"Es gibt viel zu wenig Angebote", so Grundler. Die Folge ist, dass Männer aus ganz Mittelfranken in Nürnberg anklopfen und es bei der Gewaltberatung längst eine Warteliste gibt. Und nicht nur solche, die selbst zugeschlagen haben, hoffen hier auf ein offenes Ohr: Grundler und sein Kollege betreuen derzeit auch vier Männer, die von ihren Partnerinnen psychisch und physisch misshandelt werden. Denn auch für sie sind Beratungsangebote extrem selten.

Ein Problem sind die knappen Mittel. Der Nürnberger Verein etwa finanziert sich durch die Zuwendung der Stadt von derzeit 12.000 Euro pro Jahr und Spenden. Zudem müssen die Täter pro Sitzung 70 Euro zahlen, bei Opfern fängt dies wiederum der Verein auf. "Vom Staat und vom Bezirk bekommen wir kein Geld ", so Grundler. Wie weit man mit den Mitteln käme, wisse man manchmal erst im Herbst, so Grundler.

Denn mit einer Sitzung ist es nicht getan. Im Durchschnitt kommen die Männer etwa 15 mal in die Beratungsstelle, für die der Allgemeine Sozialdienst (ASD) einen Raum in Langwasser zur Verfügung stellt. "Manche müssen erst einmal reden und dabei auch begreifen, dass Ohrfeigen und Drohungen eben Gewalthandlungen sind", so Grundler. Ganz wichtig sei aber, dass sie Verantwortung übernähmen und sich kein Alibi für ihr Verhalten suchten — wie etwa zu viel Alkohol oder eine schwere Kindheit.

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