Glyphosat: Fränkische Landwirte beklagen vergiftete Debatte

18.2.2018, 05:23 Uhr
Ein Bauer besprüht sein Feld. Landwirte beklagen ein allgemeines Unverständnis für die bäuerlichen Produktionsbedingungen.

Ein Bauer besprüht sein Feld. Landwirte beklagen ein allgemeines Unverständnis für die bäuerlichen Produktionsbedingungen. © Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Aus Sicht von Landwirt Peter Höfler, Sprecher der Bauern im Nürnberger Knoblausland, wird die Diskussion mittlerweile nicht mehr fachlich geführt, sondern nur noch emotional. "Wir setzen Pflanzenschutzmittel gezielt ein, wir gehen nicht einfach mit der Keule drüber, nur weil es uns Spaß macht", versichert er. "Wir orientieren uns an der Gesetzeslage und Glyphosat ist erlaubt", ergänzt Höfler. Das umstrittene Pflanzenschutzmittel spiele jedoch im Knoblauchsland eine eher untergeordnete Rolle. "Im Gemüseanbau ist es sowieso nur für wenige Kulturen zugelassen", erklärt Höfler.

Auch im gesamten Stadtgebiet wird laut Helmut Wolf, Chef der Geschäftsstelle des Bauernverbandes in Nürnberg, Glyphosat kaum eingesetzt. "Die pfluglose Bodenbearbeitung, die in reinen Ackerbaugebieten öfter durchgeführt wird, ist bei uns nicht verbreitet. Demnach ist es auch nicht notwendig im Frühjahr, bei ausgebliebenen Frösten im Winter, die Begrünung abzuspritzen", erklärt er und fügt hinzu: "Bei uns praktizieren die Bauern noch die Winterfurche, um im Frühjahr ein ordentliches Saat- und Pflanzbeet zu haben."

Auch im Nachbarlandkreis Fürth ist laut Bauernverband großflächiger Glyphosateinsatz die Ausnahme, wie bei einem Gespräch auf dem Hof von Wolfgang Kleinlein deutlich wurde. Keine 20 Prozent der Flächen werden laut Peter Köninger, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes im Raum Fürth, damit behandelt. Für gewöhnlich sorge auch hier sogenannte Zwischenfrucht dafür, dass kein Unkraut massenhaft aufgeht.

Bauern wollen aufklären

Die nur zur Bodenverbesserung und nicht zum Verkauf bestimmte Zwischenfrucht deckt den Boden ab. Doch in den letzten Jahren habe Trockenheit das Wachstum von Zwischenfrucht stark beeinträchtigt und so das Unkraut begünstigt. Die Alternative zum Spritzen heißt für Köninger und auch seine Kollegen aus Nürnberg Unterpflügen.

Doch auch Glyphosat ist nicht so schlimm, wie es öffentlich dargestellt wird, so die Meinung der Bauern. Sie wollen die Bevölkerung aufklären, doch Aktionen scheitern. Erschüttert berichtet der Laubendorfer Bauernverbandssprecher Matthias Kohl von seinem vergeblichen Versuch, bei einer Unterschriftensammlung gegen Glyphosat in der Fürther Fußgängerzone den in seinen Augen unbedenklichen Einsatz vor der Aussaat aufzuzeigen.

Er sei aufgefordert worden, still zu sein, weil man seine Ausführungen nicht verstehe. Dabei habe er doch nur erläutert, wie gut sein Acker nach der Glyphosatbehandlung ausgesehen hat. Zahllose Regenwürmer hätten sich die abgestorbenen Pflanzenreste geholt, den Boden durchlöchert und besten Humus hinterlassen.

In der Regel würden nur eng begrenzte Problemzonen mit hartnäckigen Wurzelunkräutern wie Disteln oder Quecken gespritzt, versichert Dieter Engelhardt als Sprecher des Bundes Deutscher Milchviehhalter. Zudem sei dieser Glyphosateinsatz nur alle drei bis vier Jahre nötig und die Menge gesetzlich auf maximal eineinhalb Liter pro Hektar (10 000 Quadratmeter) im Jahr begrenzt. "Würden alle so wirtschaften wie wir, gäbe es keine Glyphosatdiskussion", sagt er.

Viel rigoroser als in Deutschland wird der Unkrautvernichter nach den Worten von Wolfgang Kleinlein jedoch im Zusammenhang mit der Gentechnik in Exportländern wie Argentinien und den USA eingesetzt, wo er zur Produktion billiger Lebensmittel und Futtermittel gehört.

Damit die konventionelle Landwirtschaft hierzulande nach einem europäischen Glyphosatverbot im internationalen Wettbewerb bestehen kann, fordert der Oberasbacher Biobauer eine Kennzeichnungspflicht für die Herkunft landwirtschaftlicher Produkte.

Verbraucher als Retter?

An den Verbrauchern sei es dann, sich über die Produktionsbedingungen zu informieren. Mit dem bewussten Einkauf regionaler Produkte ohne Gentechnik seien die Kunden allemal am besten beraten. Biobetriebe verwenden generell kein Glyphosat. Ein zentrales Problem sieht Dagmar Nitsche, beim Bund Naturschutz Leiterin der Geschäftsstelle Fürth Land, indes im Markt: "Nirgends sind Nahrungsmittel so billig wie in Deutschland."

Auf den Verbraucher als Retter der Situation setzen Matthias Kohl und seine Kollegen vom Bauernverband nicht: Die meisten Menschen seien nicht bereit, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Klar ist den Landwirten aber auch, dass das Marketing ihrer Produkte verbesserungswürdig ist.

Städte stellen bereits selbst die Weichen 

In einem Glyphosatverbot sieht Nikolaus Ehnis, Pflanzenberater beim Fürther Amt für Landwirtschaft, indes keine Patentlösung. Zu viele Vorschriften und zu schlechte Preise machten der Landwirtschaft ohnehin schon schwer zu schaffen. Zudem werde an Nachfolgeprodukten für Glyphosat bereits geforscht, bestätigt er Königers Ahnung.

Auf Kosten der Landwirte dürfe der Verzicht auf die bisherige Form der Unkrautbekämpfung jedenfalls nicht gehen, meint Kleinlein. Für ein sofortiges Verbot von Glyphosat im Bereich von Kommunen, der Bahn sowie in Haus- und Kleingärten spricht sich die BN-Frau Nitsche aus. Städte wie Fürth, Erlangen und Herzogenaurach haben bereits entsprechende Weichen gestellt. Interessiert blicken die Fürther Landwirte auch nach Frankreich und Österreich, wo dem Totalherbizid bereits Absagen erteilt worden sind.

Dass fränkische Landwirte im Zuge der Diskussion als Umweltverschmutzer abgestempelt werden, ärgert Matthias Kohl. Und Dieter Engelhardt versichert: "Wir denken mehr über Umweltbelastungen nach als viele Verbraucher". In Deutschland, so Peter Köninger, schlägt die Debatte mit voller Wucht auf die Bauern ein – ohne dass man deren Produktionsbedingungen hinterfrage. Zu Unrecht würden Landwirte zu Prügelknaben einer Generaldebatte, in der es um mehr gehe als nur um Glyphosat.

20 Kommentare