Holzheim? Wo ist das denn?

16.6.2019, 20:23 Uhr

Idyllisch sieht er aus, der Stadtteil Holzheim – dort kämpft man aber auch mit einigen Problemen. Viele Nürnberger sind noch nie hier gewesen, einige wissen wahrscheinlich nicht mal, dass es Holzheim gibt. © Foto: Manuela Prill

Baureferent Daniel Ulrich hat auf der Bürgerversammlung in Katzwang kürzlich knapp danebengelegen, als er die Bushaltestelle "Holzheim" dem gleichnamigen Viertel zuordnete. Sie liegt aber im Nachbarviertel Mühlhof. Damit war sein Argument perdu, Holzheim hätte sehr wohl eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, was viele Bewohner zu Recht bestreiten. Und aktuell dafür sorgt, dass sich sowohl die SPD- als auch die CSU-Stadtratsfraktion für eine bessere ÖPNV-Anbindung und für eine bessere Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer einsetzen.

Grund genug sich vor Ort einmal genauer umzusehen. Wir sind mit Bernd Wilmerstadt zum Stadtteilspaziergang verabredet. Der 77-Jährige ist Gründungsmitglied des Bürgervereins Reichelsdorf-Mühlhof und seit März 2018 auch dessen Vorsitzender.

In Holzheim kennt er sich aber vor allem deshalb sehr gut aus, weil er seit 50 Jahren hier lebt. Der gebürtige Bochumer kam und blieb der Liebe wegen, seine Frau Heidi ist in Holzheim aufgewachsen. Wilmerstadt erinnert sich: "Das Elternhaus meiner Frau stand damals ganz allein, im Westen war ein Kornfeld, im Süden ein Kartoffelacker." Gebaut haben sie Anfang der 1970er gleich nebenan, modern mit Flachdach.

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Wir starten den Rundgang durch den Hinterausgang im Garten, der in die Senistraße mündet. Links ein Fußballplatz, rechts Reihen- und Doppelhäuser mit adretten Vorgärten, eine typische gewachsene Stadtrandsiedlung. Am hinteren Ende ragt ein mehrstöckiges Sechsfamilienhaus in die Höhe, was nicht so recht ins Bild passt. Weiter geht es "Auf der Schanz" bergauf Richtung TSV Mühlhof, dessen Vereinsgebäude trotz des Namens in Holzheim liegt.

Steile Straßen, windschiefe Treppen

Stichwort "bergauf": Wer hier wohnt, muss mit steilen Straßen leben. "Wir sind auf 340 Höhenmetern, das ist Burgniveau", betont Wilmerstadt. Damit sind wir bei einem der zwei Fußgängerwege nach Mühlhof und einem Problem angekommen: eine lange, etwas windschief wirkende Treppe, die nach unten zur Leutershauser Straße führt. Für Radfahrer oder Eltern mit Kinderwagen sind die 44 Stufen eine Herausforderung. Für mobilitätseingeschränkte Menschen eine unüberwindbare Barriere. "Es passiert hier momentan ein Strukturwandel, die ältere Bevölkerung schwindet und es kommen vermehrt junge Familien nach", berichtet Bernd Wilmerstadt.

Bernd Wilmerstadt lebt seit 50 Jahren in Holzheim. Die schiefen Treppen, auf denen er steht, bereiten den Stadtteilbewohnern teilweise sehr große Probleme. © Foto: Manuela Prill

Er weiß das aus Erfahrung. "Ich gehe viel spazieren und begegne jetzt immer öfter Müttern mit Kinderwagen. Was sie am meisten bemängeln, ist die schwierige Anbindung." Um die Treppen – es gibt noch eine weitere zur Leonerstraße – zu umgehen, bleibt nur der Weg über die Holzheimer Straße. Die schmale Verbindungsstraße zwischen Mühlhof und Krottenbach verfügt jedoch über keinen Gehsteig, teilweise gibt es nicht einmal eine Beleuchtung. Wie eng es dort zugehen kann, werden wir später selber noch erfahren.

Zunächst führt unser Weg weiter die Straße "Auf der Schanz" entlang, die einen weiten Bogen quer durchs Viertel beschreibt. Auch hier Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuschen, eingewachsene Gärten mit altem Obstbaumbestand, hier und da entdeckt man Rutschen und anderes Kinderspielzeug. Dazwischen ein etwas protzig wirkendes weißes Haus mit blau-lila Dachziegeln.

Ein Stück weiter stehen einige der wenigen Neubauten der Siedlung: würfelförmige Quader mit hohen Mauern, großen Garagen und ein, zwei akkurat geschnittenen Alibi-Büschen. Es ist auffallend still an diesem Vormittag, kaum ein Auto kreuzt unseren Weg, es sind auch wenig Menschen unterwegs. Ruhige Wohnlage, keine Frage.

Was allerdings die Einkaufsmöglichkeiten betrifft, hat Holzheim nichts zu bieten. "Man braucht ein Auto, wenn man hier wohnt", meint Wilmerstadt. Wir gehen den zweiten Treppenabgang hinab, der nicht minder steil zur Leonerstraße und zu besagter Bushaltestelle "Holzheim", direkt an der B 2 liegend, führt. Von da kann man mit dem 61er Bus nach Schwabach oder Richtung Nürnberg-Röthenbach fahren.

Anbindung verbessern

Wegen der schlechten Anbindung Holzheims an den ÖPNV hat nun die SPD-Stadtratsfraktion einen Antrag an die Stadtverwaltung gestellt, zu prüfen, wie man diese verbessern könne. "Die Prüfung soll den rollstuhlgerechten Ausbau von Zugangswegen zur Bushaltestelle enthalten sowie die Einrichtung einer Busstation innerhalb von Holzheim, die von der Linie 61 oder 82 angefahren werden könnte." Die Linie 82 verkehrt zwischen Koppenhof und Eichstätter Platz in Reichelsdorf.

Die Haltestelle Holzheim liegt gar nicht in Holzheim selbst. © Foto: Manuela Prill

Bei der CSU glaubt man gar nicht mehr, dass eine Haltestelle direkt in Holzheim realisierbar ist. "Das wurde bereits vor Jahren geprüft, ist aber wegen der engen örtlichen Begebenheiten und der Taktung der Busse und der S-Bahn nicht möglich", sagt CSU-Stadträtin Claudia Bälz. Deshalb konzentriere man sich bei dem Antrag auf die Forderung nach Verbesserungen der Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer. Insbesondere für die Holzheimer Straße. "Eine Ortsverbindungsstraße, die so schmal gebaut wurde, dass zwei Autos kaum aneinander vorbeifahren können. Einen Rad-/Fußweg gibt es derzeit nicht."

Den Weg zurück gehen wir bergauf über die Holzheimer Straße. Anfangs säumen linker Hand einige Gartenzäune den Fahrbahnrand. Rechts begrenzt eine Mauer die schmale Straße. Zwei Autos kommen sich entgegen. Als Fußgänger weiß man tatsächlich nicht so recht, wohin mit sich in dieser Situation. "Wenn das Müllauto kommt, geht hier gar nichts mehr", weiß Bernd Wilmerstadt.

Es ist jetzt um die Mittagszeit und der Verkehr wird mehr. "Die Eltern holen ihre Kinder von der Schule ab." Morgens und zum Feierabend hin nehme der Verkehr nochmals deutlich zu. Weiter oben, wo die Gartenzäune von einer Leitplanke abgelöst werden und der Blick ins Grüne geht, gibt es auch keine Beleuchtung mehr. Im Herbst hätten wir diesen Stadtteilspaziergang deshalb nur sehr ungern gemacht. Zumindest nach Einbruch der Dunkelheit.

 

Wie die Holzheimer Nürnberger wurden

Holzheim im Nürnberger Südwesten bildet zusammen mit Mühlhof, Krottenbach, Lohhof und Gerasmühle den statistischen Bezirk 55. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es im Jahr 1287 im Zusammenhang mit dem Ankauf eines Hofes. Um 1800 bestand der Ort immer noch aus nur drei Haushalten. Heute leben hier rund 600 Menschen.

Die meisten Wohnhäuser der Siedlung entstanden erst nach dem Zweiten Weltkrieg, vermehrt ab den 1970er Jahren. Bis zur Eingemeindung 1972 nach Nürnberg gehörte Holzheim zur Gemeinde Wolkersdorf im Landkreis Schwabach. Nicht wenige Holzheimer waren damit nicht so recht einverstanden. Bernd Wilmerstadt, der seinerzeit vor Ort als Wahllokalleiter fungierte, erinnert sich: "Viele wären lieber nach Schwabach gegangen. Sie hatten die Befürchtung, für Nürnberg das letzte Rad am Wagen zu sein."

Ein bisschen sollten sie damit recht behalten, wenn man sich den vernachlässigten Ausbau der Infrastruktur anschaut. Bäcker, Metzger oder Lebensmittelgeschäfte sucht man hier vergeblich. Auch Gewerbe hat sich auf dem Berg westlich der B 2 keines angesiedelt. Aber: Zeitweise wurden hier Lachsäcke produziert. Wann genau, weiß Bernd Wilmerstadt nicht sicher. Wessen Gelächter darauf zu hören war, daran kann er sich aber noch gut erinnern: "Das war die Stimme vom Emmerts Hanni." Seines Zeichens bereits verstorbener Lokalmatador und Wirt, in dessen Gasthaus in den 1980er Jahren rauschende Kirchweihen gefeiert wurden. Alteingesessenen dürfte das sicher noch etwas sagen.