„Ich dachte, ich müsste sterben“

30.11.2002, 00:00 Uhr

© Wilhelm Bauer

Die Erinnerung: Sara wuchs in Ruanda auf, flüchtete im Bürgerkrieg nach Uganda und kam 1998 nach Deutschland. Im achten Monat schwanger war sie damals — und wusste nichts vom Zwangstest für Asylsuchende. Die doppelte Diskriminierung von Menschen, die aus fremden Ländern kommen und HIV positiv sind, hat sich der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember als Schwerpunkt gesetzt.

Gerade Afrika ist betroffen: Von weltweit etwa 40 Millionen Infizierten leben 25 Millionen im südlichen Afrika; in Deutschland sind rund 38 000 Menschen positiv. Man sehe die Kranken in den Straßen, erzählt Sara, und meide sie. Übers Aids reden oder über Kondome? Undenkbar. „Über Sex spricht man bei uns nicht einmal mit der Schwester“, sagt Sara. Sie war sich sicher, dass das tödliche Virus sie verschont — und weiß heute, dass ihr Mann sie und sein Kind angesteckt hat. „Die Sorge um mein Baby, die Krankheit, das fremde Land“, stammelt Sara, „ich hatte aufgegeben.“ In ihrer Heimat ist Aids ein Todesurteil. Wenige Monate nur, ein, vielleicht zwei Jahre leben Infizierte noch. Medikamente sind für die meisten unerschwinglich. Dass im wohlhabenden Deutschland jeder behandelt wird und der Ausbruch der Krankheit über Jahrzehnte verzögert werden kann, macht Sara glücklich. Und es belastet sie: Die armen Menschen in Afrika...

Quicklebendiges Kind

Ihr eigenes Leben läuft in geregelten Bahnen. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, der vierjährige Sohn ist trotz HIV quicklebendig und verträgt auch die Medikamente gut. „Ich hätte nie geglaubt, dass er mal in den Kindergarten geht“, seufzt Sara. John gibt ihr Hoffnung für die Zukunft. Um den Aufenthalt in Deutschland müssen Mutter und Kind nicht fürchten, in zwei Jahren wird Sara arbeiten dürfen. Bei der Aids-Beratungsstelle der Stadtmission — die derzeit 220 Positive, davon die Hälfte Migranten, betreut — fand sie Hilfe und Freunde. Sie tauscht sich mit Leidensgenossen aus und besucht Seminare, um mehr über HIV zu erfahren. Inzwischen kann die Frau der Krankheit sogar gute Seiten abgewinnen: „Sie ermutigt mich, nicht aufzugeben. Ich nehme das Leben ernster.“ Sara weiß, dass sie auch die nächste Hürde nehmen wird: Ihrem Sohn zu erklären, welche Krankheit er hat und dass Aids ihn ein — hoffentlich langes — Leben lang begleiten wird. An jedem Tag.


Aktionen zum Welt-Aids-Tag: Rote Schleifen als Zeichen der Solidarität werden am Samstag von 10 bis 18 Uhr im U-Bahn-Verteiler Lorenzkirche, im City-Center in Fürth und der Grande Galerie in Erlangen verteilt. Am Sonntag, 17 Uhr, Gedenkveranstaltung am „Denkraum“ am Jakobsplatz; 20 Uhr „Sternenfunkeln“ mit Lizzy Aumeier, Christian Langer und Michael Aue in der Bühne Altstadthof; Das Gesundheitsamt macht mit Plakaten — „Ich doch nicht!“ — und Spots in der U-Bahn auf sexuell übertragbare Krankheiten aufmerksam.