Montag, 09.12.2019

|

Im Spiegel der verlorenen Jahre

In den USA treffen sich regelmäßig ehemalige jüdische Bürger aus der Region - 02.08.2008

Frank Harris (4. v. l.), Gründer des einzigartigen Netzwerkes, im Kreise von Teilnehmern des jüngsten Treffens. © oh


Alfonso in Buenos Aires, Adam in London, Navina in Wellington, Jonas in Kopenhagen, Rebecca in New York und Martha in Jerusalem haben die gleichen Wurzeln. «Es leben heute vermutlich mehr Nürnberger und Fürther im Ausland als 1939«, sagt Walther Bancroft lakonisch.

Wie viele Überlebende und Nachkommen jüdischer Familien aus Mittelfranken über den Globus verstreut sind, weiß Frank Harris ziemlich genau: Über tausend seiner regelmäßigen Rundbriefe halten die Diaspora zusammen. Und alle paar Jahre trifft man sich wieder, wie an diesem Wochenende, unter dem Motto «Fünf Generationen - eine Gemeinde« zu einer großen Familienfeier in den Catskills Bergen im Staate New York.

Einzige Gemeinschaft ihrer Art

«Es ist wohl die einzige Gemeinschaft von Holocaust-Überlebenden auf geografischer Basis«, sagt Steve Daniel vom Organisationskomitee, das Frank Harris unterstützt. Der Gründer dieses einzigartigen Netzwerkes wurde als Franz Siegmund Hess 1922 in Fürth geboren und ging hier mit seinem Freund Henry Kissinger zur Schule.

Knapp einen Monat vor seinem 16. Geburtstag stürmten SA- Rabauken die Wohnung und verschleppten seinen Vater nach Dachau. Seine Spielzeugfabrik musste er unter Zwang verkaufen, er war ein gebrochener Mann als er mit seiner Familie die Heimatstadt auf immer verließ.

Über Holland und England führte die Odyssee der Familie schließlich nach New York. Aus Franz Hess wurde Frank Harris, der seine Vaterstadt seitdem nur zweimal wiedergesehen hat: 1945 als amerikanischer Soldat und Jahre danach bei der Einweihung einer Gedenktafel für die Opfer des Holocaust.

Den letzten Wunsch erfüllt

Doch 1977 überwand er die bittere Erfahrung und erfüllte den letzten Wunsch einer Schulkameradin. Mit detektivischem Spürsinn und einer ungeheuren Energie, die auch in seinem neunten Lebensjahrzehnt kaum nachgelassen hat, begann er lange vor dem Internet weltweit nach den Überlebenden und den Nachkommen der jüdischen Familien aus Nürnberg und Fürth zu suchen.

Aus den 60 Adressen von damals sind über tausend geworden. Harris’ legendäre Rundbriefe habe mittlerweile fast Buchformat angenommen: Familiennachrichten, Forschungsprojekte, Korrespondenzen aus aller Welt, Dankesbriefe, Erfahrungsberichte über Reisen nach Deutschland, Buchbesprechungen, Bitten um Hilfe bei der Familienforschung machen die «Nuernberg/Fuerth Newsletter« zu einem globalen Gemeindeblatt.

Zum Dank für die ungeheure Mühe und die Freude, die seine Arbeit bringt, wurde Frank Harris beim letzten Treffen ein «Schofar« geschenkt. Doch der raue Klang des gewaltigen Widderhorns passt eigentlich nicht so richtig zu dem feingliedrigen alten Herrn, der mehr ein Meister der sanften Töne ist.

Gemeinschaft hat starke Zukunft

Seine sehr persönlichen, humorvollen und liebenswürdigen Kommentare zu den Korrespondenzen und Familiennachrichten machten ihn für die dritte Generation zu einem idealen «Über-Opa«. Und die vielen Babys und Kinder bei den Treffen stimmen hoffnungsfroh, dass die Gemeinschaft eine starke Zukunft hat.

Schwindet auch der Kreis der vor 1939 in Nürnberg und Fürth geborenen und aufgewachsenen Personen von Jahr zu Jahr, so steigt das Interesse ihrer Kinder und Enkel.

Schlüssel zur Selbstfindung

Für Laurie Javier aus Kalifornien waren die Rundbriefe und die Treffen ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis ihrer Mutter und zur Selbstfindung. Ihre Mutter hatte nie in ihrer neuen Heimat über die Tragödie ihrer Jugend und dem mühevollen Aufbau ihrer Existenz gesprochen.

Obwohl sie scheinbar als amerikanischer Teenager aufwuchs, spürte Laurie, dass eine andere Identität ihr Denken und Handeln beeinflusst, die sie nicht kannte. «Nun sehe ich endlich, dass meine «europäische« Erziehung nicht von der Herkunft meiner Mutter zu trennen ist, so sehr sie diese auch verdrängte. Meine Liebe für Kunst, Bildung, Wandern, Natur, klassische Musik und deutsche Komponisten, war Teil der Welt meiner Mutter und wurde meine Welt.«

Plötzlich ein Paria

Diese Welt des gebildeten Bürgertums ist in den Familienalben zu sehen, die von den Teilnehmern in der Ausstellung des Tagungshotels eifrig durchgeblättert werden: Höhere Töchter am Klavier, adrette Kinder mit den stolzen Eltern beim Sonntagsausflug.

«Ich habe damals immer gedacht, dass ich deutsch war«, sagt Margarete Meyers trocken, «bis Hitler mich aufklärte, dass ich Jüdin bin«. Als Margarete Midas geboren und eng verwandt mit den Krautheimers und Nathans, zählte sie zu den ersten Fürther Familien, denen ihre Heimatstadt durch die kulturellen und sozialen Stiftungen so viel zu verdanken hat, bis sie plötzlich als Parias galten.

Schmerz über den Holocaust

Bei solchen Worten wird einem wieder bewusst, dass der Schmerz über den Holocaust auch ein Schmerz darüber ist, was deutsche Zivilisation, Identität und Kultur durch diese wahnsinnige Zerstörung einer Wurzel verloren hat. Ihre Tochter Carolyn gibt freimütig zu, dass die jüdische Religion und jüdisches Brauchtum in ihrem Leben kaum eine Rolle spielt, wohl aber das Interesse an ihrer Familiengeschichte in Fürth.

Ob orthodox, liberal oder atheistisch, so ist die Herkunft aus Nürnberg und Fürth das große Bindeglied bei diesem Familienfest. Neben den interessanten Seminaren zur Geschichte der fränkischen Juden und der Verfolgung in der Naziherrschaft, ist der «Schmus« der Hauptgrund, warum Hunderte aus aller Welt immer wieder die lange Reise in die Catskills antreten.

fränkischem Tratsch und Gesprächskultur

Es ist eine herrliche Mischung aus fränkischem Tratsch und gutbürgerlicher Gesprächskultur, die besonders die älteren unter den Emigranten in ihrer neuen Wahlheimat vermissen. Zufällig fand beim letzten Treffen auch eine parallele Veranstaltung galizischer Juden statt.

Doch die feurigen Kletzmer-Klänge, die dabei zuweilen in den «deutschen Teil« des Hotelkomplexes drangen, waren den älteren Herrschaften zu «exotisch«. Stattdessen erfreuten sie sich an Streichertrios und deutschen Kunstliedern.

Das Verhältnis der Vertriebenen zu ihrer alten Heimat ist naturgemäß zwiespältig. Harold Reissner, der einzige Überlebende einer großen Familie, kann sich wie sein Sohn nicht überwinden, das Land wieder zu betreten, das ihm so ungeheures Leid zufügte. Das Gleiche gilt wohl auch für Frank Harris, der seine Muttersprache nicht mehr verwendet. Dennoch fördert er nach besten Kräften die Kontakte zu Nürnberg und Fürth und die Besuche der Mitglieder seines Netzwerkes in die alte Heimat.

«Sünden der Großväter«

«Nachdem ich jahrelang meine deutschen Wurzeln verachtet habe«, dankte ihm Ingrid Frank, «bewegten mich Ihre Briefe dazu, einmal nach Deutschland zu reisen. In Nürnberg fand ich mehr Erinnerungen und Stücke meiner selbst, als ich mir jemals vorstellen konnte.

Nun bin ich in meinem Herzen fähig zu akzeptieren, dass die heutige Generation der Deutschen, damals noch nicht geboren war und wir können nicht damit fortfahren, sie für die Sünden ihrer Großväter zu bestrafen. Ich finde es jetzt sehr einfach in Deutschland zu sein«.

Gute Beziehungen

Die neuen guten Beziehungen der jüdischen Diaspora zu Nürnberg und Fürth sind dort auch Gerhard Jochem zu verdanken, der im Nürnberger Stadtarchiv durch seine bahnbrechenden Arbeiten zur neueren Geschichte der fränkischen Juden bei deren Nachfahren hohes Ansehen und Freundschaft genießt.

Das Stadtarchiv war beim letzten Treffen durch Dr. Dominik Radlmaier vertreten, der mit Jochem das spezielle Forschungsprojekt zur ungeklärten Herkunft von Objekten im städtischen Kunstbesitz betreut, von denen vermutet wird, dass es sich um Raubgut von jüdischen Mitbürgern handelt.

«Mehr als angenehme Pflicht«

Gerngesehener Gast ist auch Daniela Eisenstein, die junge Leiterin des Jüdischen Museums in Fürth. «Meine Reisen zu dem Treffen sind mehr als eine angenehme Pflicht«, sagt die Museumsdirektorin. «Die Begegnungen wurden eine wichtige Quelle für unsere Aufgabe, jüdisches Leben in Franken zu vermitteln.«

So verdienstvoll dies wissenschaftlich auch ist, so ist die menschliche Dimension der Heilung und Selbstfindung wohl die stärkste Komponente dieser Begegnungen, wie es Hilde Adler empfand. «Ich schaue mir nur die Leute an«, erwiderte sie ihrer Freundin Susi Herz auf die Frage nach ihrer stillen Gedankenversunkenheit.

«Vielleicht deswegen, weil du wie in einen Spiegel blickst«, fragte Susie Herz wieder und bekam zur Antwort: «Wir, die wir entwurzelt sind, hatten so wenig Chancen, in diesen Spiegel zu schauen.«

Hendrik Bebber

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Nürnberg