In Schirmladen erschlagen: Mysteriöser Fall um "Kletter-Oma"

26.10.2019, 05:40 Uhr
Bestatter tragen im Dezember 1990 einen Sarg aus dem alteingesessenen Schirm- und Hutladen in der Tafelfeldstraße. Dort war die 69 Jahre alte Inhaberin Liselotte M. ermordet worden. Wer der Täter war, konnte bis heute nicht geklärt werden.

Bestatter tragen im Dezember 1990 einen Sarg aus dem alteingesessenen Schirm- und Hutladen in der Tafelfeldstraße. Dort war die 69 Jahre alte Inhaberin Liselotte M. ermordet worden. Wer der Täter war, konnte bis heute nicht geklärt werden. © Herbert Voll

Vor ihr steht der ratlose Mitarbeiter eines Autohauses aus Lauf, der, wie vereinbart, den reparierten Wagen der 69-jährigen Geschäftsfrau abgeben will. Doch im Laden macht niemand auf. Aus Sorge verständigt die Nachbarin eine Aushilfskraft von M., die gelegentlich im Schirm- und Hutgeschäft in der Nürnberger Südstadt aushilft. Sie hat einen Schlüssel.

Die Zeugin sperrt den Hintereingang auf, der zu den Verkaufsräumen führt. Doch die Tür ist blockiert, sie lässt sich nur einen kleinen Spalt öffnen. Bald ist klar, warum: Auf der anderen Seite sitzt eine leblose Person auf dem Boden, im Raum sind überall Blutspritzer verteilt. Es ist kurz vor 15 Uhr. Die Angestellte alarmiert die Polizei. Ein Notarzt kann bei der blutüberströmten Frau kein Lebenszeichen mehr feststellen. Die Identität der Toten ist schnell geklärt, es ist die Ladeninhaberin Liselotte M.

Auf Kopf eingeschlagen

Nach ersten Erkenntnissen der Kriminalpolizei Nürnberg deutet alles auf ein Gewaltverbrechen hin. Einen Tag später bestätigt die Obduktion des Leichnams die Auffassung der Ermittler: Jemand hat dem Opfer mit einem schweren Gegenstand mehrfach auf den Kopf geschlagen, M. ist verblutet. Die Tatwaffe oder das Tatwerkzeug finden die Beamten weder im Laden noch in der Umgebung. Schuhabdrücke im Geschäft ordnet die Kripo zwar einem männlichen Täter zu. Doch die Spur ist nicht deutlich genug, um das Profil und den Schuh-Typ feststellen zu können.

In Nürnberg ist Liselotte M. keine Unbekannte. Von klein auf war sie Mitglied des EC Linde, von 1932 bis 1942 aktive Eiskunstläuferin, sie nahm an internationalen Wettkämpfen teil. Später war sie Expertin bei der Deutschen-Eislauf-Union (DEU) und vergab als Preisrichterin der Jury selbst Punkte.

"Kletter-Oma" war Kult

Aktiv war die 69-Jährige auch in der Sportkletter-Szene, ein Hobby, durch das sie zum Spitznamen "Kletter-Oma" kam. "Mir hat das sofort gefallen, als ich einmal in den Bergen eine Wanderung über einen Klettersteig mitgemacht habe", erzählte sie gegenüber den Nürnberger Nachrichten, nachdem sie wenige Wochen vor ihrem Tod in einer Messehalle der Consumenta einen schwierigen Kletter-Parcours gemeistert hatte.

Die Ermittler rekonstruieren die Tat anhand der Spurenlage und Zeugenaussagen. Die Mordkommission kommt zum Schluss, dass der Täter bereits am 5. Dezember das Geschäft in der Tafelfeldstraße betrat. Er hatte M. offenbar beim Lösen eines Kreuzworträtsels überrascht – und zugeschlagen. Auf einen Kampf deutet nichts hin. Zwei Indizien sprechen laut Peter Grösch, damaliger Sprecher des Polizeipräsidiums, für einen Raubmord: Ladenkasse und Handtasche des Opfers sind leer. Der Täter nimmt anschließend den Schlüssel, tritt durch die Eingangstüre auf die Tafelfeldstraße, sperrt den Laden ab und flüchtet unerkannt. Gesehen hat ihn offenbar niemand.

Verdächtiger im Visier der Ermittler

Rund 500 Meter vom Tatort entfernt, an der Einmündung der Halser- in die Heynestraße, findet Tage später ein 53-Jähriger eine Geldbörse und die Ausweispapiere von Liselotte M. Die Gegenstände liegen hinter einem Elektroschaltkasten. Da in der Nähe des Fundortes auch einige kleine Schnapsflaschen herumliegen, vermuten die Ermittler den Täter zunächst in der Obdachlosenszene.

Ein halbes Jahr treten sie auf der Stelle. Durch einen Zufall geht der Kripo im Juni 1991 ein 30-Jähriger ins Netz. Der arbeits- und berufslose Mann wird verdächtigt, 1988 einen Schmuckhändler in dessen Laden am Melanchthonplatz mit einer Eisenstange niedergeschlagen und ausgeraubt zu haben. Die Polizisten gehen der Frage nach, ob der Mann auch für das Gewaltverbrechen an der Hut- und Schirmhändlerin verantwortlich sein könnte. Ein Anfangsverdacht, der sich aber nicht erhärten lässt.

Fall landet bei den Cold Cases

Es war der vorerst letzte Hoffnungsschimmer, den Fall doch noch zu klären. Der Mord an Liselotte M. ist bis heute ein Rätsel und bei der Mordkommission in den Altfall-Akten (Cold Cases) gelandet. Seit Anfang 2019 gibt es bei der Kripo Nürnberg eine eigene, spezielle Abteilung, die Altfälle wie den um die Sportlerin und Geschäftsfrau wieder aufnehmen, neu bewerten und mit neuen kriminaltechnischen Methoden wie genetischen Fingerabdrücken (DNA) ermitteln.

Nach dem Gewaltverbrechen an der Schirmhändlerin führt ihr Sohn das Geschäft noch kurze Zeit weiter. Er sieht bald aber keine Chance mehr, mit dem Strukturwandel in der Südstadt mithalten zu können. Gegenüber den NN sagt er im Januar 1992: "Ein Schirm ist heute ein Werbegeschenk, aber kein Handelsartikel mehr."

Nach fast 100 Jahren verschwindet in der Südstadt damit ein weiterer Familienbetrieb. Die antiken Maschinen und Werkzeuge, mit denen Schirme hergestellt und repariert wurden, kauft das Gewerbe- und Industriemuseum in Lauf, das sich vor allem dem alten Handwerk widmet. Die Werkstatt der Familie M. kann heute noch im Museum besichtigt werden.