Dienstag, 18.02.2020

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Inklusion in der Schule: Ein Selbstläufer ohne Bremseffekt in Schweinau

Intensiv-kooperierende Klassen an der Jakob-Muth-Schule bestehen seit vier Jahren — Modellprojekt hat sich etabliert, aber es gibt Kritik am Gesetzgeber - 02.08.2014 13:33 Uhr

Alltag in den IKON–Klassen der Jakob-Muth-Schule, wenn Kinder mit und ohne Handicap unterschiedliche Wochenplanarbeiten erledigen: Die eine stickt einen Hund, der andere schreibt eine Bildergeschichte (li. oben) oder einer übt leise mit der Integrationshelferin die Buchstaben, andere lösen Rechenaufgaben (li. unten). Gemeinsame Begrüßungsspiele gehören in der 4e auch dazu (re.). © Roland Fengler


Es ist ein weiter und nicht einfacher Weg gewesen, der 2003 mit der ersten „Außenklasse“ in Gebersdorf begann. Und deshalb passt es irgendwie zu diesem Förderzentrum mit Schwerpunkt geistige Entwicklung, dass es nicht so einfach zu finden ist. Ganz am Ende der Waldaustraße durch ein verschlungenes Netz an Einbahnstraßen kommt man zum 70er-Jahre-Gebäude mit dem auffallend großen Wendehammer, der nötig ist, weil nebenan zu Stoßzeiten mehrere Behindertentaxis zugleich am Schulparkplatz eintreffen.

In der 1e machen die Kinder noch fast alles gemeinsam, wie hier im Sitzkreis (li.). Rollstühle parken in der Jakob-Muth-Schule öfters an der Garderobe. © Fengler


Ullrich Reuter, 57, ist der Leiter dieser Einrichtung, die sich 2009 ganz bewusst in Jakob-Muth-Schule umbenannt hat. Nach einem renommierten Pädagogen und großen Verfechter der Inklusion, der schon lange das Ziel einer „Schule für alle“ verfolgt. Wo es keine Rolle spielt, ob jemand ein kleines, großes oder auf den ersten Blick gar kein Handicap hat. „Jeder ist verschieden, aber wir gehören zusammen“ steht denn auch in großen Buchstaben an einer gelben Wand.

Bundesweit beachtet

Ein Verfechter des inklusiven Lernens:Ullrich Reuter, Leiter der Jakob-Muth-Schule. © Fengler


Ein Satz, der programmatisch über dem Modellprojekt stehen könnte, mit dem Reuter und sein Team ein Stück Neuland nicht nur in Nürnberg betreten haben. Während das Projekt der inklusiven „Außenklassen“ (inzwischen mit dem Etikett „Partnerklassen“) weiterlief, das 2005 auch an der Wahlerschule in Schniegling startete und später einen Ableger an der Geschwister-Scholl-


Realschule für die Klassen 5/6 erhielt, wurde im Herbst 2010 ein schnell bundesweit beachtetes Vorhaben aus der Taufe gehoben: Die Jakob-Muth-Schule öffnete sich für Grundschüler primär aus dem Sprengel der Dunant-Schule, aber ebenso für mutige Eltern aus ganz Nürnberg, die bei diesem Pionierprojekt dabei sein wollten.


Wobei anfangs schon einige Bedenken da waren, wie Beate Wittich, die Vorsitzende des Elternbeirats der Jakob-Muth-Schule, einräumt. Eine Standardfrage hieß „Leidet der Unterricht für die Regelkinder darunter?“ Inzwischen hat die Untersuchung seitens der Universitäten in Erlangen und Würzburg umfangreich aufgezeigt, dass das Miteinander von im Schnitt 15 Regel- und neun Förderkindern „keinen Bremseffekt“ mit sich bringt — und das bei allen.


Soziogramme verdeutlichen zudem, dass es ein dichtes Beziehungsgeflecht zwischen den Kindern gibt, das auch über einen längeren Zeitraum stabil bleibt. Gerade diese „soziale Komponente“, so Wittich, sei das große Plus, weshalb die IKON–Klassen zu einem Selbstläufer geworden seien. Etliche Geschwisterkinder haben auch heuer dafür gesorgt, dass die Plätze schnell „und ohne weitere Werbung“, so Reuter, vergeben und mehrere Absagen zu verschicken waren. Nachdem das Pilotprojekt nun bis zur 4.Jahrgangsstufe ausgebaut ist hat der Schulleiter diese Tendenzen festgestellt: Alle Eltern von behinderten Kindern wünschen den gemeinsamen Unterricht, zudem aber eine „gute sonderpädagogische Förderung“, was in den IKON- und Partnerklassen geboten werde. Ergo gehe es „entspannter zu“ und es gebe kaum noch „ideologische Grundsatzdebatten“, was wirklich inklusiv bedeutet oder wie hoch der Prozentsatz des Miteinanders sein muss.

Wer zum Beispiel die 1e an der Jakob-Muth-Schule besucht, der reibt sich schnell die Augen. Und kann fragende Blicke bei den Kindern und rollende Augen bei den Lehrkräften ernten, wenn man das Wort „behindert“ in den Mund nimmt.

Beim „Tandem“ aus Grundschullehrerin Julia Zitarosa und Sonderschulpädagogin Ute Bester sitzen die Kinder in einem Raum in vier Reihen nebeneinander. Vor dem Morgenkreis um 7.45 Uhr steht zuerst Wochenplanarbeit auf dem Programm, die alle individuell oder in Partnerarbeit erledigen. Die einen zeichnen, die anderen rechnen, Arbeitsblätter ähneln sich noch. Wenn spielerisches Lernen auf dem Sitzkissen in gemeinsamer Runde angesagt ist, kommt jeder an die Reihe. Handicaps spielen keine Rolle — eine Zahnlücke wird ebenso als Behinderung empfunden wie Probleme beim Zuhören oder Sprechen.

Je älter die Kinder werden, desto häufiger wird die Klasse getrennt. Das hat schon damit zu tun, dass Viertklässler mit 29 Pflichtstunden vier mehr als ihre Kameraden vom Förderzentrum haben. Zum anderen seien behinderte Kinder beim Rechnen im 1000er-Bereich oder bei komplizierten Satzbauanalysen „auch mal überfordert“, so Beate Wittich.

„Nicht alles mitmachen“

Die dreifache Mutter hat einen elfjährigen Sohn, der als Grundschüler zusammen mit den Förderkindern der Partnerklasse in Gebersdorf lernte (aus Platzgründen gibt es das Angebot dort nicht mehr) und danach aufs Sigmund-Schuckert-Gymnasium wechselte. Sie hat aber auch eine 13-jährige Tochter mit dem Down-Syndrom, die nach sechs Jahren in Partnerklassen nun eine Förderklasse der Jakob-Muth-Schule besucht. Durch die persönliche Erfahrung weiß sie, dass es für die Kinder mit Handicap manchmal „Sinn macht, besser auf ihr Niveau zu gehen und nicht alles mitzumachen“.

Dass sich die Kinder nach einer Stunde Trennung wieder begeistert treffen, kann man in der 4e erleben, wenn die gemeinsame Musikstunde läuft. Bei der launigen Aufwärmrunde werden Hände geschüttelt und Begrüßungsrituale zelebriert. Und die beiden Schulbegleiter sind voll mit dabei.

Dass seine Nachbarin zuvor einen Hund gestickt hat, um sich Worte und Begriffe besser merken zu können, ist für den neunjährigen Max ganz normal. Er hat eine Bildergeschichte in der Freiarbeit geschrieben. Dass zudem einer in seiner Klasse nicht so gut reden kann und einer manchmal aggressiv ist, stört ihn nicht weiter.

Zum Konzept der IKON-Klassen gehört das gemeinsame Mittagessen. Und nachmittags treffen sich die Regel- und Förderschüler beim Spielen und Toben, obwohl die einen offiziell den Jakob-Muth-Hort und die anderen die heilpädagogische Tagesstätte besuchen.

Intensiv arbeiten die Lehrkräfte der IKON-Klasse im Team zusammen. Sie empfinden dies als „willkommene Entlastung und gegenseitige Befruchtung“, so Reuter. „Learning by doing“ beschreibt Grundschullehrerin Monika Bester (3i) ihre Erfahrung im „inklusiven Schulalltag“.

Für Beate Wittich sind die „überaus motivierten Lehrerinnen und Erzieherinnen“ entscheidend für den Erfolg der IKON-Klassen. Dass das bayerische Kultusministerium ihnen keine zusätzlichen Stunden genehmigt, um die Rahmenbedingungen zu verbessern, ärgert sie sehr.

Auch Reuter sieht noch Verbesserungsbedarf. Um wirkliche Inklusion zu ermöglichen, müssten die Lehrpläne ebenso verändert werden wie die gesamte Schulstruktur. Zudem stehe Inklusion im Bayerischen Schulgesetz „nur neben Schulveranstaltungen — wie Wandertag“. Doch „auch wenn noch manche gesetzliche Veränderungen und ausreichende Ressourcen ausstehen“, hält Reuter ein Zurück für undenkbar: „Es hat sich im Bewusstsein etwas geändert, man kommt an Inklusion nicht mehr vorbei.“ 
 

JO SEUSS E-Mail

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