Jugendliche Flakhelfer: "Wir hatten die Hosen voll"

18.4.2014, 10:17 Uhr

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"Dort an der Ecke standen die Unterkunftsbaracken der Vorgesetzten, daneben waren Toiletten. und da drüben war die dreigeschossige Mannschaftsunterkunft." Karl Graßmann fuchtelt mit seinen Händen in der Luft herum, als würde er die alte Flakstellung (Flak: Fliegerabwehrkanone) nach über 60 Jahren noch vor sich sehen. Jetzt sind da Wald, mit viel Laub bedeckter Erdboden und kleine Sträucher - keine Spur mehr von Kriegsapparaten.

Graßmann kam am 17. August 1944 zur C-Batterie nach Zollhaus, auf das jetzige Gelände hinter der Araltankstelle an der Münchener Straße stadtauswärts. "Ich wurde mit 16 Jahren zum Kriegsdienst verpflichtet, diente bei der Flak in Regensburg und wurde dann nach Nürnberg versetzt, weil die Stadt stärker bombardiert wurde", erzählt Graßmann von seinen Anfängen. "Hier gab es viel Rüstungsindustrie, die geschützt werden musste." Jenseits der Münchener Straße, die damals noch nicht so breit war, befanden sich die A- und B-Batterie. Zusammen besaß man 24 Flakgeschütze - acht pro Batterie.

"Wir hatten die Hosen voll"

Kaum in Nürnberg angekommen, erlebte Graßmann schon den ersten Angriff auf den Zentralbahnhof und das MAN-Gelände, wo Panzer hergestellt wurden. Auch bei weiteren Angriffen im September und Oktober bombardierten die englischen und amerikanischen Flugzeuge hauptsächlich Industrieflächen. "Bei dem Septemberangriff, als die Flieger schon ihre Bombenschächte geöffnet hatten, wussten wir nicht, wohin. Wir konnten nicht anders als schießen", erinnert sich der damals junge Luftwaffenhelfer. "Wir hatten vor Angst die Hosen voll. Wir waren Kinder und keine Helden. Und wir wünschten uns zurück in die Schule."

Der 16-jährige Karl arbeitete in der Messstaffel. "Wir hatten verschiedene Geräte wie Funkmessgeräte, die bei schlechter Sicht benutzt wurden und in ihrer Funktion Radargeräten ähneln", berichtet er. "Bei guten Sichtverhältnissen benutzten wir Entfernungsmessgeräte ähnlich wie Fernrohre mit Linsen und Prismen, mit denen wir die Richtung der Flugzeuge, deren Höhe und Entfernung bestimmt haben." Manchmal kamen auch Horchgeräte zum Einsatz. Die großen Trichter drehte man so lange, bis der stärkste Ton zu hören war. Die gesammelten Informationen mussten damals akustisch an eine Zentrale weitergegeben werden, die die Daten umrechnete und an die Flakgeschütze übermittelte.

"Das Geschütz wurde dann entsprechend eingestellt und mit Granaten, die einen Durchmesser von 8,8 Zentimetern hatten, beladen", so Graßmann. "Diese großen Flakgeschütze waren von den Fliegern sehr gefürchtet, da sie eine hohe Reichweite hatten und die Splitter sehr grausam waren." Der heute 81-Jährige hat immer noch die Bilder vom 2. Januar 1945 im Kopf, als Nürnberg mit einer Flächenbombardierung zu 90 Prozent zerstört wurde. "Es war halb zehn, als der Angriff erfolgte. Drei Stunden lang fielen Brandbomben auf die Stadt." Obwohl es Nacht war, war es taghell. Nürnberg brannte tagelang. Die Hitze hat so viel Luft angezogen, dass aus allen Himmelsrichtungen ein starker Wind wehte.

"Ich sah einen riesigen Feuerball"

"Ein Schütze hat da schon mal 420 Schuss geladen", so Graßmann, der mit Sorge an den ein oder anderen "Rohrkrepierer" zurückdenkt. Flakgeschütze, die im Rohr feststeckten und nicht losgingen, wurden nach einminütiger Wartezeit herausgenommen und zwischengelagert. "Ich habe selbst eines in ein etwa eineinhalb Meter tiefes Loch hinabrutschen lassen. Zwei waren schon drin. Es kamen noch weitere hinzu", erzählt Graßmann, der nicht genau weiß, ob diese Zwischenlager jemals ausgeräumt und entschärft wurden.



Auch Fritz Klöckner erinnert sich an den zerstörerischen Angriff auf Nürnberg. Der damals 16-Jährige diente zu dem Zeitpunkt als Flakhelfer in Ansbach. "Ich sah einen riesigen Feuerball", berichtet Klöckner, der sich am nächsten Tag Urlaub nahm, um bei seinen Eltern in der Nürnberger Sandstraße nach dem Rechten zu sehen.

Anders als Graßmann, der bei der sogenannten schweren Flak mit 8,8- Zentimeter-Granaten arbeitete, war Klöckner bei der leichten Flak (Zwei- bis 3,7-Zentimeter-Geschütze) im "Wanderzirkus": "Wir lösten dort ab, wo andere Helfer ihren Urlaub antraten." Klöckner war beispielsweise im Sommer 1944 auf der Kongresshalle stationiert. Den Angriff am 25. August hat er aber nicht mehr mitbekommen, da die leichte Flak abgezogen und er nach Stein und Umgebung versetzt wurde. "Das hätte keinen Sinn gemacht, da sich unsere Geschütze nur für Tieffliegerangriffe eigneten und Nürnberg nur aus entsprechender Höhe angegriffen wurde", erzählt Klöckner, der etwa 25 Angriffe während seiner Zeit in Ansbach erlebt hat.

Tagebücher weg

Der heute 81-Jährige war in seinen jungen Jahren als Richt- und Ladeschütze eingesetzt. Insgesamt fünf bis sechs Mann bedienten ein Geschütz. Auch heute hat er noch Kontakt zu ehemaligen Kameraden. "Vor zwei Jahren haben wir uns zuletzt gesehen", sagt er - einer von 20, die im Raum Nordbayern noch am Leben sind. Nach seiner Dienstentlassung im Februar 1945 hätte er laut Stellungsbefehl nach Graz zum Militär gemusst. Die Zerstörung des Kreiswehrersatzkommandos am 21. Februar 1945 verschonte ihn jedoch davor, weil alle Unterlagen vernichtet waren.

Karl Graßmann bekam nach der Verrichtung des Kriegsdienstes einen Einberufungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst und musste Mitte Februar Angriffe von Tieffliegern im Bayerischen Wald mit abwehren. "Im April bekamen wir dann Fahrräder, um die Alpenfestung in Österreich zu verteidigen, aber die Amis kamen uns zuvor", schildert Graßmann seine Zeit, bevor er dann noch ein halbes Jahr in amerikanische Kriegsgefangenschaft kam. "Dort haben sie mir meine ganzen Erinnerungen wie Tagebücher oder andere Aufzeichnungen weggenommen, geblieben sind nur eine Karte, ein Notizbuch und alles, was ich in meinem Kopf habe."

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