28°

Dienstag, 11.08.2020

|

zum Thema

Karstadt und die Stadt Nürnberg: Eine ewige Sanierungs-Debatte

Bauvorhaben haben eine lange Geschichte - 04.07.2020 10:52 Uhr

Das U-Bahnverteilergeschoss ist in die Jahre gekommen und soll aufgewertet werden, um Karstadt zu helfen. Schon 2015 und 2017 stand die Stadt kurz vor einer Vereinbarung mit Karstadt. Am Ende wollte aber der Konzern nicht.

© Foto: Stefan Hippel


1967 gab die Karstadt-Zentrale bekannt, dass sie auf dem Grundstück an der Lorenzkirche ein Kaufhaus bauen will. Das Gebäude sollte mit einer Fassade aus einheitlichen Betonrippen verkleidet werden, wie andere Karstadt-Warenhäuser auch. Diese Einheitsarchitektur stieß auf erheblichen Widerstand in Nürnberg. Sechs Jahre wurde verhandelt und diskutiert.


Karstadt an der Lorenzkirche: Das ist der Rettungsplan


Ab 1973 gab es mehrere Planentwürfe. Es bestand sogar die Gefahr, dass die Fertigstellung der U-Bahn bis zum Weißen Turm sich verzögert, weil der Karstadt und damit das U-Bahnverteilergeschoss nicht rechtzeitig fertig wird. Das versuchte der Konzern als Druckmittel gegenüber der Stadt einzusetzen. Am Ende hatten die Proteste Erfolg.

Sandstein verdeckt das Betongerippe

Bilderstrecke zum Thema

Warenhaus-Romantik und Insolvenz-Kampf: Die Karstadt-Geschichte

Karstadt ist mehr als nur eine Warenhauskette. Karstadt ist Kulturgut, ein Stück deutsche Geschichte. Eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, eine Geschichte mit Zwischentönen. Eine Geschichte zwischen Warenhaus-Romantik und Insolvenz-Kampf.


In einer legendären Nachtsitzung fertigte der damalige Baureferent Otto-Peter Görl mit Tusche freihändig eine Skizze an, die einen Kompromiss zwischen Stadt und Karstadt möglich machte. Der verschachtelte Betonbauzweckbau wurde hinter einer Fassade aus Natursandstein mit unterschiedlichen Schattierungen versteckt. 22 Fassadenteile erhielten zusätzlich eine Struktur mit Erkern, Arkaden und Fenstern.


Karstadt an der Lorenzkirche: Veränderungen sind unabdingbar


Nach der Eröffnung des 26.500 Quadratmeter großen Gebäudes schwärmten die einen von dem neuen Kaufhaus-Typus, weil es keine uniforme Betonfassade hatte, andere spotteten über "gotische Tapeten". Karstadt-Lorenzkirche zählte mit seinen 100 Abteilungen und 200.000 Produkten zu den ganz großen Warenhäusern in der Bundesrepublik.

Das Foto aus dem Jahr 1978 zeigt, wie kompliziert die Karstadt-Baustelle war.

© Foto: Rudolf Contino


Damit das Haus wieder eine Zukunft hat, wird Galeria-Karstadt-Kauhof an einer Sanierung im Inneren und an der Erschließung neuer Verkaufsflächen nicht herumkommen. Auch das Umfeld muss weiter entwickelt werden. Die Passage zwischen Karolinenstraße und Adlerstraße, die das ehemalige Hörmannsgässchen ersetzt, wirkt heute wie aus der Zeit gefallen, einfach trostlos. Wenn 1978 vom Weltstadtkaufhaus geschwärmt wurde, dann zeigt der Zustand dieser Passagen, dass sich die Welt weiter gedreht hat.

"Dringender Handlungsbedarf"

2002 hatte die Nürnberger Zeitung auf den desolaten Zustand der U-Bahnpassage hingewiesen. Auch der damalige Baureferent Wolfgang Baumann sah einen "dringenden Handlungsbedarf" bei der U-Bahn-Passage an der Lorenzkirche. Doch nach 18 Jahren ist wenig passiert: Der U-Bahnbahnhof Lorenzkirche wurde 2014 von der VAG optisch und technisch modernisiert und SÖR hat die Toiletten auf den neuesten Stand gebracht. Doch nicht die Passage. Sie besteht aus zwei Achsen: Zum einen dient sie als Verlängerung des Stangengässchens, das Adlerstraße, Kaiserstraße und U-Bahn verbindet.


Galeria Karstadt Kaufhof konnte noch sechs Filialen retten


Zum anderen hat sie die Funktion eines U-Bahnausgangs in die Königstraße. Außerdem wird das Karstadt-Untergeschoss angebunden. Derzeit wirkt die Architektur sehr heruntergekommen. Es ist zu dunkel, die Gepäckschließfächer funktionieren nicht mehr und müssten, wenn sie noch intakt wären, mit D-Mark bezahlt werden, die Wasserspiele an der Seitenwand wurden abgestellt, die Rinne dient als Müllsammelstelle. Fliesen wie auch die Decke müssten überholt werden. Der Aufgang zum Stangengässchen lädt Sprayer geradezu ein.

Bilderstrecke zum Thema

Nürnberger Karstadt-Angestellte protestierten mit Menschenkette

Der Kampf um den Erhalt der beiden Nürnberger Karstadt-Häuser geht weiter: Vor der Filiale Lorenzkirche haben am Dienstag mindestens 200 Angestellte mit einer Menschenkette demonstriert.


Dass Veränderungen so lange dauern, hat mehrere Gründe. Neben Stadtverwaltung, Karstadt, VAG und N-Ergie reden auch die Mieter der Läden mit und müssen zustimmen. Wenn es um grundsätzliche Änderungen der Passage geht, dann ist auch das Einverständnis der Erben des Architekten nötig. Konzepte für die Sanierung wurden schon 2015 und 2017 vorgelegt, doch am Ende haben sich die Eigentümer von Karstadt für die Aufwertung der Passagen nicht interessiert. Die Pläne waren von Seiten der Stadt schon unterschriftsreif. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf.

10

10 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg