Freitag, 23.08.2019

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"Katastrophe": Familie verzweifelt bei Kita-Suche in Nürnberg

Stadt tut sich noch schwer, jedem Kind einen Betreuungsplatz bereitzustellen - 26.05.2019 05:54 Uhr

Gemeinsam spielen macht gleich viel mehr Spaß. Doch trotz gesetzlicher Verankerung ist es in Nürnberg bisher nicht möglich, dass alle Eltern einen Kindergartenplatz für ihren Nachwuchs erhalten. Die Stadt versucht, mit Neubauten auf die zuletzt hohen Geburtenraten zu reagieren. Bis für jedes Kind tatsächlich ein Platz zur Verfügung steht, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. © Foto: Hendrik Schmidt/dpa


Besonders schwierig wird die Suche für Familien, die von auswärts nach Nürnberg kommen. "Was wir hier erlebt haben, habe ich nicht einmal in einer Großstadt wie Hamburg erlebt. Das ist eine Katastrophe", sagt Ralf Eck.

Ralf Eck stammt ursprünglich aus Franken, doch seit neun Jahren lebt er in Hamburg. Dort kam sein Sohn zur Welt, der mittlerweile drei Jahre alt ist. Im Juni will er mit seiner Familie nach Nürnberg zurückziehen. Eck ist selbstständig, seine Frau sei ebenfalls berufstätig, erzählt der 40-Jährige am Telefon. "Wir sind auf einen Kindergartenplatz angewiesen", sonst verliere seine Frau ihren Arbeitsplatz, fährt er fort.

Nur negative Bescheide

Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Eck hat 56 städtische Kindergärten angeschrieben. "Alle haben uns abgesagt." Zum Beweis schickt Eck Absage-Mails, die wenig ermutigend klingen: "Die Chancen auf einen Kita-Platz sind derzeit schlecht." Oder: "Leider kann ich Ihren Sohn im September 2019 nicht aufnehmen, alle Plätze sind vergeben."

Vater Ralf Eck fordert das Recht ein, das ihm zusteht. © Foto: privat


Immer wieder sei er von Kindergärten darauf aufmerksam gemacht worden, dass er zu spät dran sei, weil die Anmeldetage für städtische Kitas im Februar waren. "Da frage ich mich nur, wie in Nürnberg mit Zugezogenen in Sachen Kindergartenplatz umgegangen wird. Heißt das, man hat nur einmal im Jahr die Chance, sein Kind anzumelden?", fragt er ungläubig.

Im Prinzip ist das so, zumindest bei den städtischen Einrichtungen. Spätere Anmeldungen könnten nur nachrangig behandelt werden, sagt Georg Reif, Vizechef des Jugendamts, auf Anfrage. Wer zu spät kommt, muss sich ganz hinten anstellen und kommt ans Ende der Warte- und Nachrück-Liste. Mit sehr geringen Aussichten auf Erfolg.

Eck wandte sich an die Servicestelle Kita-Platz des Jugendamts, über die er kein gutes Wort verlieren mag, obwohl sie ihm am Ende helfen konnte. Niemand habe sich zuständig gefühlt, so empfand es Eck. Es sei ihm empfohlen worden, ein "Portfolio", also einen Steckbrief, seines Kindes zu erstellen und an verschiedene Einrichtungen zu senden, "das hat sich schon manchmal als hilfreich erwiesen", riet eine Mitarbeiterin.

Vater drohte mit Klage

Was Eck besonders wurmt: Irgendwann sei er vonseiten der Stadt darauf aufmerksam gemacht worden, dass er das Recht auf einen Kindergartenplatz ja einklagen könne. Dann müsse die Stadt reagieren.

Nachdem der Hamburger auch bei Kindergärten freier Träger, also bei nichtstädtischen Einrichtungen, abgeblitzt ist, war er irgendwann selbst so weit, dass er mit einer Klage gedroht hat. Schließlich ist der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz in Deutschland gesetzlich verankert und demnach auch einklagbar.

Eck wäre der Erste gewesen, der in Nürnberg wegen eines Kindergartenplatzes vor den Kadi gezogen wäre. So weit ist es am Ende nicht gekommen. Für Ecks Sohn wurde ein Platz in einer Einrichtung in der Südstadt gefunden, die aktuell noch gebaut und im Herbst eröffnet wird.

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Die Familie ist erleichtert, geht aber mit der Politik hart ins Gericht. Diese habe es versäumt, rechtzeitig genügend Betreuungsplätze zu schaffen, zürnt der 40-Jährige. Er gönne jedem Kind einen Kita-Platz. Aber ihn ärgert, dass berufstätige Eltern bei der Platzvergabe nicht bevorzugt würden gegenüber der "Millionärsgattin, die zu Hause ist", sagt er zugespitzt.

Diesen Vorwurf will das Jugendamt so nicht stehenlassen. Bei Krippe und Kindergarten sei die Berufstätigkeit der Eltern – im Gegensatz zum Hort – deshalb kein Kriterium mehr für die Vergabe der Plätze, weil hier ohnehin ein Rechtsanspruch bestehe, erklärt Reif. Das heißt: Alle Kinder müssen einen Platz bekommen, egal ob die Eltern arbeiten oder nicht. Reif verteidigt auch die Arbeit der Servicestelle Kita-Platz.


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Die Bitte um ein Portfolio des Kindes hält er für hilfreich, da Familie Eck noch nicht in Nürnberg wohne und sich nicht persönlich in einer Kita vorstellen könne. Reif räumt aber ein, dass man im Jugendamt noch einmal darüber reden müsse, wie man künftig mit Anfragen aus anderen Städten umgeht.

Explodierende Geburtenzahlen

Im Jugendamt verweist man darauf, dass vor einigen Jahren noch gar nicht absehbar gewesen sei, dass die Geburtenzahlen so explodieren würden. Die Stadt versucht gegenzusteuern, zuletzt mit dem Bau von zwei Regionalkindergärten. Die Zeit dränge, so Jugendamtsleiterin Kerstin Schröder unlängst im Jugendhilfeausschuss des Stadtrats.

Derzeit gibt es in der Stadt 16.570 Kindergarten-Plätze, 17.000 sollen es bis Herbst 2020 mit den beiden neuen Einrichtungen werden. Bis 2026 strebt die Stadt eine Versorgungsquote von 100 Prozent an. Ende 2017 waren 93 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen versorgt.

Aktuell sucht das Jugendamt noch für etwa 80 Kindergartenkinder einen Platz. Reif: "Wir sind dran." 

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