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Kein Christkindlesmarkt: Das denken die Nürnberger am Termin der Eröffnung

Zum ersten Mal seit 1948 fällt die Tradition aus - 27.11.2020 21:14 Uhr

Der Hauptmarkt und die Frauenkirche sind weihnachtlich geschmückt, doch ohne Christkindlesmarkt mag festliche Stimmung nicht so recht aufkommen.

27.11.2020 © Stefan Hippel


Traditionen können Halt geben, und genau deswegen können sie auch schmerzen, oder wehmütig machen. Dann nämlich, wenn sie wegfallen.
Es ist nicht so, dass die Nürnberger unruhig werden an jedem Freitag vor dem ersten Advent. Dass sie um 15 Uhr denken: Jetzt müsste man aber los, auf den Hauptmarkt, um noch einen einigermaßen guten Platz zu bekommen, mit Sicht auf die Empore der Frauenkirche. Dass sie dann doch zu träge sind, aber um 17.30 Uhr den Fernseher einschalten und sich den Prolog des Christkinds anschauen, das „seinen“ Markt eröffnet.

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Statt Christkindlesmarkt-Eröffnung: So leer ist Nürnberg dieses Jahr

Wo sich normalerweise unzählige Glühwein- und Bratwurst-Buden aneinanderreihen und sich die Menschenmassen tummeln, stehen nur einige Stände des Wochenmarktes. Eigentlich hätte Christkind Benigna Munsi den Christkindlesmarkt eröffnen sollen, doch wegen Corona müssen Prolog und Markt ausfallen. Wir haben die Stimmung auf dem Hauptmarkt eingefangen.


Als der Zweite Weltkrieg tobte, gab es in Nürnberg keinen Christkindlesmarkt. 1948 erstand er aufs Neue, inmitten von Ruinen, Schutt und Asche. Seitdem fand er immer statt. Alle Jahre wieder. Das ganze Drumherum änderte sich, zunächst mimte eine Schauspielerin das Nürnberger Christkind, dann eine junge Frau, die von der Bevölkerung gewählt wurde. Mal wurde der weltberühmte Prolog der Zeit behutsam angepasst, dann gesellte sich der „Markt der Partnerstädte“ dazu. Der Christkindlesmarkt gibt den Nürnbergern das Zeichen: Die Adventszeit beginnt. In diesem Jahr hat fast alles, was den Christkindlesmarkt ausmacht, im Internet Zuflucht gesucht.

"Ich will positiv bleiben“

Wenn alles wie immer wäre, stünde Sebastian Ledig nicht hier, bei seinem Stand, hinter Obstkisten und Flaschen mit Apfelsaft. Normalerweise wäre der Wochenmarkt umgezogen, die Holzbuden mit den markanten rot-weiß gestreiften Planen hätten den Hauptmarkt für Wochen besetzt. Immer wieder kommen Leute und klagen, wie sehr sie sich über die Beschränkungen ärgern, erzählt er. „Ich sag dazu: Der einzige Ausweg aus dieser Situation ist Selbstmord.“ Er habe zwei kleine Kinder, mit denen backe er nun endlich Plätzchen. Das ist in diesem Jahr möglich, weil er viel mehr Zeit hat als sonst, wegen Corona ist wenig los. Er will positiv bleiben, deswegen verfolgt er auch nicht die Entwicklung der Infektionszahlen. „Wozu? Arbeiten muss ich so oder so.“

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Fakten-Check: Was Sie zum Christkindlesmarkt wissen müssen

Alle Jahre wieder verwandelt sich der Nürnberger Hauptmarkt in der Vorweihnachtszeit in eine Buden-Stadt. Doch seit wann gibt es den Christkindlesmarkt eigentlich? Wie viel Geld geben die Touristen durchschnittlich aus und was hat es eigentlich mit dem Zwetschgermoh auf sich? Wir haben alle Daten und Fakten gesammelt.


"Nicht schlecht, nur anders!"

Wenn alles wie immer wäre, stünden die Menschen während des Prologs fast bis in das Schreibwaren-Geschäft hinein, das sich ganz am Anfang der Fleischbrücke befindet. Normalerweise wäre kein Durchkommen mehr auf den kopfsteingepflasterten Straßen. Letztes Jahr, erzählt ein junger Mann, der in dem Laden Lose und Zeitungen verkauft, hat er mitten im Trubel „Glühbier“ ausgeschenkt, es war anstrengend. „In diesem Jahr kommt jeder und erzählt mir sein Leid, da kommt keine Weihnachtsstimmung auf. Man darf sich aber nicht runterziehen lassen. Es ist nicht schlecht. Es ist anders!“

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Christkindlesmarkt: Zehn Dinge, die wir dieses Jahr vermissen!

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts gibt es ihn bereits, heute ist der Nürnberger Christkindlesmarkt einer der bekanntesten Weihnachtsmärkte der Welt. Der Budenzauber auf dem Hauptmarkt, im Herzen der historischen Altstadt, zieht jährlich etwa zwei Millionen Besucher aus vielen verschiedenen Ländern an. Doch in diesem Jahr ist alles anders, wegen Corona sagte die Stadt den Christkindlesmarkt ab. Wir zeigen, welche schönen Dinge wir in diesem Jahr vermissen.


Bratwurst-Weckla und Glühwein

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es den Christkindlesmarkt, zwischenzeitlich verlor er an Bedeutung, seit langem ist er weltberühmt. 2,2 Millionen Besucher kamen im letzten Jahr. Die engen, vollen Budengassen sind ebenso typisch wie die nostalgische Stimmung, die sich jedes Mal wie eine feine Schneedecke über die Szenerie legt, immer wenn es dämmert. Bratwurst-Weckla und Heidelbeer-Glühwein gehen hier eine innige Verbindung ein, man ärgert sich über lange Schlangen vor dem Ausschank und die eisig kalten Füße, und doch weiß man: Wenn es nicht so wäre – es würde was fehlen.

Catrin und ihre Freundin Martina haben sich vor die Frauenkirche gestellt, in der Hoffnung auf so etwas wie Weihnachtsstimmung. Einen Jungen und drei Mädchen haben die 40- und die 39-Jährige dabei, sie erzählen von den Schwierigkeiten mit dem Homeschooling und von der Tablet-Zock-Sucht der Kinder. Davon, dass sie sich bemühen, die Vorweihnachtszeit zu zelebrieren und wie schwierig das ist in diesem Jahr.

Der Hauptmarkt bleibt in diesem Jahr ein normaler Wochenmarkt. Einige Männer und Frauen wärmen sich an Pappbechern mit Glühwein die Hände, einige stehen vor den großen Weihnachtsbäumen am Eingang der Frauenkirche und machen Fotos. Die ersten Händler packen zusammen. „Mama“, sagt ein Mädchen und zupft Catrin an der Jacke, „mir ist langweilig“.

So eröffnete das Christkind 2019 den Christkindlesmarkt:

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