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Kein Urlaub bei der Familie: Nürnbergs Türken kritisieren Reisewarnung

Warnung wird trotz sinkender Fallzahlen am Bosporus aufrechterhalten - 30.06.2020 15:30 Uhr

Der Beschluss der Bundesregierung, die Reisewarnung für die Türkei vorerst aufrechtzuerhalten, sorgt nicht nur für Misstöne zwischen Ankara und Berlin. © Daniel Karmann/dpa


Allen, die sie sich trotz der Einstufung der Türkei als Risikogebiet in den Flieger Richtung Anatolien setzen, droht nach der Rückkehr eine 14-tägige Quarantäne-Pflicht. Zu den Betroffenen zählt auch Bülent Bayraktar. Da er sich als Inhaber einer Werbeagentur nicht leisten kann, an seinen Urlaub einfach noch einmal zwei Wochen dran zu hängen, um daheim zu bleiben, hat die Reisewarnung für ihn zur Folge, dass er die Heimat seiner Eltern nicht besuchen kann. Eine Situation, für die Bayraktar ebenso wenig Verständnis hat wie die meisten seiner Landsleute, die die Einstufung der Türkei als Risikogebiet harsch kritisieren.

Eine politische Entscheidung?

Als Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg (TGMN) hat er ihren Unmut in Briefen – unter anderem an das Auswärtige Amt und die bayerische Staatskanzlei – sowie einer Presseerklärung zur Sprache gebracht. Darin kritisiert er die Reisewarnung mit deutlichen Worten: Es handle sich um "eine politische Entscheidung, die maßlos ist" und Millionen Türkei-Urlauber - ob türkischstämmig oder nicht - bestrafe.

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Ein Blick auf die Seite des Robert-Koch-Instituts (RKI) scheint Bayraktars Vorwurf, dass "die Einstufung der Türkei als Risikogebiet objektiv nicht nachvollziehbar" ist, auf den ersten Blick zu bestätigen. Dort ist von einer zweistufigen Bewertung zu lesen, bei der festgestellt werde, "in welchen Staaten/Regionen es in den letzten sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100 000 Einwohner" gab. Eine Marke, die die Türkei laut Weltgesundheitsorganisation unterschreitet. Bei aktuell weniger als 1500 Neuinfektionen pro Tag zählt man in dem 83-Millionen-Einwohner-Land weniger als 20 neue Fälle pro 100 000 Einwohner und Woche.


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In einem zweiten Schritt, heißt es auf der RKI-Seite, werde "nach qualitativen Kriterien festgestellt, ob für Staaten/Regionen, die den genannten Grenzwert nominell unterschreiten, dennoch die Gefahr eines erhöhten Infektionsrisikos vorliegt". Doch auch bei den genannten Punkten wie Infektionszahlen, Testkapazitäten, durchgeführte Tests pro Einwohner oder die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens stehe die Türkei besser da als einige EU-Länder, für die seit 15. Juni keine Reisewarnung mehr gilt, sagt der TGMN-Vorsitzende.

Selbst den Vergleich mit Deutschland brauche das Land am Bosporus nicht scheuen. Die Gesamtzahl der an Covid19 Erkrankten liege mit 191 657 Fällen gleichauf mit der Bundesrepublik (192 079, Stand: jeweils 25. Juni). "Jedoch liegt die Zahl der die Todesfälle in der Türkei (5025) deutlich niedriger als in Deutschland (8927)." Eine Antwort auf seine Frage, weshalb die Türkei trotzdem als Risikogebiet beurteilt wird, hat Bayraktar aus Berlin bis heute nicht erhalten. Er mutmaßt – wie auch türkische Medien und Politiker – dass die Entscheidung politische Gründe habe und unter anderem dazu diene, wirtschaftlich angeschlagenen Reiseländern in der EU einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.


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Auch auf Anfrage der Nürnberger Nachrichten verweist das Auswärtige Amt nur allgemein auf die bekannten Kriterien, ohne mitzuteilen, welches oder welche im Fall der Türkei den Ausschlag gegeben haben. Immerhin gebe es "Gespräche mit der türkischen Regierung", so Außenminister Heiko Maas, der Anfang Juni versprach: "Wir werden die Reisewarnung nicht auf Dauer aufrechterhalten. Wann es so weit ist, hängt aber vom Verlauf der Pandemie ab."

Bayraktar kann das freilich ebenso wenig trösten wie die Worte des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, der dem TGMN-Vorsitzenden in einem Antwortbrief versichert: "Mir ist bewusst, wie schwierig die aktuelle Situation für die vielen Familien sein muss, die enge verwandtschaftliche Beziehungen in die Türkei haben."

100000 Betroffene in der Region

Allein in der Region sind laut Schätzung des Netzwerks "Türkische Initiative Nürnberg" (TIN) mehr als 100 000 Türkischstämmige betroffen. TIN-Sprecher Ismail Akpinar erinnert als Volkswirt aber auch an die ökonomischen Folgen: Die "nicht verständliche Reisewahrung der Bundesregierung" belaste neben den Partnerstädten Antalya (Nürnberg), Marmaris (Fürth), Kemer (Schwabach) und Besiktas (Erlangen), die "auf Gäste und Freunde aus unserer Metropolregion" angewiesen seien, auch die heimische Wirtschaft.

Viele Reisebüros etwa, die sich auf Reisen in die Türkei spezialisiert haben, müssten nun um ihre Existenz bangen. "Auch für unseren unter finanziellen Problemen leidenden Albrecht-Dürer-Flughafen Nürnberg sind Flüge in die Türkei, insbesondere in unsere Partnerstädte essenziell", sagt Ismail Akpinar. In einem offenen Brief appelliert er daher an Ministerpräsident Markus Söder, OB Markus König sowie alle Bundestagsabgeordneten der Region, sich für eine sofortige Aufhebung der Reisewarnung einzusetzen.

VOLKAN ALTUNORDU

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