Kundgebung an der Lorenzkirche

"Keinen Cent mehr für Bier, Brot und Öl": Autonome prangern in Nürnberg explodierende Preise an

Johannes Handl
Johannes Handl

Lokalredaktion

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24.9.2022, 18:02 Uhr
Um gegen explodierende Lebensmittel-, Energie- und vor allem Bierpreise zu demonstrieren, sind am Samstag verschiedene autonome Gruppen auf die Straße gegangen. Los ging es mit einer Kundgebung an der Lorenzkirche.

© Roland Fengler Um gegen explodierende Lebensmittel-, Energie- und vor allem Bierpreise zu demonstrieren, sind am Samstag verschiedene autonome Gruppen auf die Straße gegangen. Los ging es mit einer Kundgebung an der Lorenzkirche.

Rund um die Lorenzkirche hat sich am Samstagnachmittag erstaunlich viel Polizei positioniert. Um kurz vor 14 Uhr fährt ein Traktor im Schritttempo vor. Demonstranten entrollen ein großes Plakat: "Keinen Cent mehr für Bier, Brot, Öl, Gas, Miete, Grundnahrungsmittel...!", steht darauf geschrieben. Darunter ist eine Zeichnung zu sehen, die an die Bierrevolte in Bayern von 1844 erinnert. Rund 150 Menschen sind dem Aufruf der "Prolos" und weiterer autonomer Gruppen gefolgt, um gegen "die Preistreiberei" zu protestieren.

"Wer dieser Tage einkaufen geht, den trifft regelmäßig der Schlag: Nudeln, Brot, Öl - alles wird teurer", beklagt ein Sprecher der "Prolos". Ein Ende des Preisanstieges sei auch bei den ohnehin zu hohen Mieten und den explodierenden Energiepreisen nicht in Sicht. Gleichzeitig blieben Löhne und Sozialleistungen unverändert. Die Demonstranten beklagen, dass viele Unternehmen - allen voran in der Lebensmittel-, Öl und Energiebranche - zuletzt ihre Gewinne sogar noch steigern konnten. Verlierer seien wieder einmal die Ärmsten.

In der Tradition der Bierkrawalle

Besonders übel stößt den Demonstranten die "Preistreiberei bei einem unserer wichtigsten Grundnahrungsmittel: dem Bier!" auf. So verweist ein Sprecher auf die lange und umkämpfte Tradition des Hopfengetränks. Als 1866 in Nürnberg der Bierpreis von fünf auf sechs Kreuzer pro Maß angehoben werden sollte, führte das zu heftigen Krawallen, bei denen ein Demonstrant - niedergestreckt von Bajonettstichen eines Soldaten - sein Leben ließ. Letztlich scheiterte die Preiserhöhung "am Aufbegehren mutiger BiertrinkerInnen und musste zurückgenommen werden", wie der Sprecher betont.

Bereits 1844 spielten sich im Freistaat in weiteren Städten ähnliche Szenen ab. Eine Pariser Zeitung schrieb damals: "Die Bayern sind ein derbes, aber gutmütiges Volk. Sie ließen eher Holz auf sich spalten, als dass sie zu einem Aufstand zu bringen wären. Aber man nehme oder verkümmere ihnen ihr Bier und sie werden wilder revoltieren als irgendein anderes Volk.”

Bierpreis schnellt nach oben

Derzeit haben viele Kneipen die Vier-Euro-Marke für einen halben Liter Bier überschritten. Dabei gäben sie nur die allgemeine Teuerung weiter und hätten selbst immer knappere Trinkgelder zu beklagen. Die Demonstranten sehen sich in der Tradition der bayerischen Bierkrawalle des 19. Jahrhunderts und möchten ihren Unmut auf die Straße tragen.

Eine Sprecherin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) schließt sich der Kritik der "Prolos" an. Sie verweist auf die besorgniserregende Inflation, die im August bei 8,8 Prozent gelegen habe. Außerdem fordert sie Preisdeckel für Lebensmittel und Mieten sowie einen kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr. Im Anschluss an die Kundgebung ziehen Demonstranten weiter zum Hallplatz und zum Veit-Stoß-Platz.

Die Demonstration autonomer Gruppen an der Lorenzkirche reiht sich ein in weitere Herbstproteste. Bereits vor zwei Wochen hatte die der gesellschaftlichen Mitte zuzuordnende Initiative soziale Sicherheit "Nicht allein!" zu Protesten aufgerufen. In diesem neuen Bündnis prangerten unter anderem der Paritätische Wohlfahrtsverband Mittelfranken, Gewerkschaften, Mieterbund, Linkspartei und Fridays for Future zu hohe Lebensmittel- und Energiepreise an. Am Samstag, 1.Oktober, soll auf dem Nelson-Mandela-Platz die nächste Kundgebung der Initiative stattfinden.

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