Sonntag, 08.12.2019

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Klo-Experte: "Schultoilette ist Erwachsenen ein blinder Fleck"

Drei Fragen an Thilo Panzerbieter, Geschäftsführer der German Toilet Organization - 22.07.2019 08:17 Uhr

Das Händewaschen mit Seife nach dem Gang auf die Toilette sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Doch an manchen Schulen stehen den Kindern keine Seifen zur Verfügung. Der Grund: Die Schulleitung bestrafen alle für die Verfehlungen einer vandalierenden Minderheit. Ein anderes großes Problem sind die teilweise völlig verlebten Räumlichkeiten. © Stefan Schaubitzer/dpa


Der Verein German Toilet Organization (GTO) wurde 2005 eigentlich gegründet, um den Schultoiletten-Missstand in Entwicklungsländern zu bekämpfen. Doch längst steht auch Deutschlands Schul-Lokus im Fokus. Ein Interview mit GTO-Geschäftsführer Thilo Panzerbieter.  

Herr Panzerbieter, Sie sagen, dass Thema Schulklo ist und bleibt ein Brennpunkt in Deutschland. Warum?

Thilo Panzerbieter: "Die Hauptprobleme sind neben dem Investitionsrückstau für die Räumlichkeiten vor allem die pädagogische Begleitung. Haben Sie sich schon bewusst gemacht, dass das Schulklo der erste Ort im Leben von Kindern ist, an dem sie sich untereinander völlig unbeaufsichtigt bewegen? Ob dort geraucht und gehänselt wird oder sinnlos Einrichtungsgegenstände zerstört werden, all das kann Bestandteil des Unterrichts oder eines Projektes sein. Für Erwachsene ist die Toilette pädagogisch gesehen ein blinder Fleck. Dabei müssen wir vor allem eins: das Thema positiv besetzen."


Schmutzig und kaputt: Schultoiletten machen vielerorts Probleme


Die Schülerinnen und Schüler selbst sind also mitverantwortlich für den Zustand.

Thilo Panzerbieter, Geschäftsführer German Toilet Organization Berlin © German Toilet Organization


Panzerbieter: "Nur zwei bis maximal sieben Prozent sind für Vandalismus verantwortlich, also ganz wenige. Und wie reagieren wir Erwachsenen? Wir bestrafen alle; nehmen die Seife oder das Klopapier weg oder sperren die Tür ab. Natürlich müssen Schüler ihre Anlagen ordentlich benutzen. Doch ohne die Hilfe von Erwachsenen funktioniert das nicht. Wir brauchen eine andere Kultur des Kümmerns."

Welche Sofortmaßnahme schlagen Sie einer einzelnen Schule vor?

Panzerbieter: "Eine Vier-Sinnen-Inspektion mit Schulleitung, Lehrkräften, Hausverwaltung, Eltern und natürlich Schülerinnen und Schülern: Wie riecht es hier? Wie sieht es aus? Was hört man? Wie fühlt sich die Nutzung an? Erwachsene sollten wissen, wie die Klos ihrer Kinder aussehen. Dann können sie gemeinsam Ideen entwickeln. Zum Beispiel in Form eines Klo-Kummerkastens, damit jede Schülerin und jeder Schüler die Möglichkeit hat, anonym Missstände anzumahnen. Warum hängen Schulkunstwerke nur in den Gängen und nicht auf den Klos? Warum wird nicht über die Bedeutung von Hygiene gesprochen? Baulich sollten im Idealfall Funktionalität und Wertigkeit aufeinandertreffen, also Hygiene und Praktikabilität. Hängt das Pissoir so niedrig, dass ein Erstklässler nicht daneben uriniert? Gibt es Vandalismus-sichere Behältnisse für Seife oder Klopapier? Der Schultoilette sollte der gleiche Stellenwert zugesprochen werden wie jedem Klassenzimmer."

Mehr über die Aktivitäten der German Toilet Organization, darunter auch praktische Tipps, finden Sie hier.

Interview: Kathrin Walther E-Mail

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