Kommentar: Genau hinschauen im Spielzeugmuseum

10.4.2021, 07:52 Uhr
Über   eine unkommentierte Vitrine mit Figuren von Adolf Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels sowie  großer Hakenkreuzfahne in militärischer Umgebung regte sich ein Besucher auf. Die Vitrine (re.) ist seit Oktober 2019 abgeklebt, die NS-Figuren werden bei der bevorstehenden Neukonzeption der Hauptausstellung nicht mehr zu sehen sein.

Über eine unkommentierte Vitrine mit Figuren von Adolf Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels sowie großer Hakenkreuzfahne in militärischer Umgebung regte sich ein Besucher auf. Die Vitrine (re.) ist seit Oktober 2019 abgeklebt, die NS-Figuren werden bei der bevorstehenden Neukonzeption der Hauptausstellung nicht mehr zu sehen sein. © Stefan Hippel/NNZ

Der Vorwurf des Rassismus wiegt immer sehr schwer. Wer ihn erhebt, stellt den Adressaten gnadenlos ins Abseits. Daher muss man mit diesem Vorwurf vorsichtig und sorgfältig umgehen. Doch die Auseinandersetzung damit ist - gerade auch in Museen - in unserer immer bunter werdenden Gesellschaft wichtig.

Wir müssen erkennen, wenn sich andere von uns diskriminiert, abgestempelt fühlen. Das kann auch unbewusst und ohne Absicht geschehen. Wir müssen feine Antennen dafür entwickeln und Konsequenzen aus unseren Erkenntnissen ziehen.


50 Jahre Spielzeugmuseum: Diese Überraschungen gibt es!


Es wäre der falsche Weg, als rassistisch beanstandete Museumsobjekte völlig aus dem Verkehr zu ziehen, zu tabuisieren. Wir brauchen keinen modernen Bildersturm. Doch man muss sie einordnen. Etwa durch eine ausführliche Erklärung, warum das Spielzeugmuseum den "Coon Jigger" als rassistisch bezeichnet. Eine Blechspielfigur, durch die sich schwarze Menschen lächerlich gemacht fühlen und in ihrer Würde verletzt sind.

Das Museum muss den Besuchern die Epoche des Kolonialismus erläutern, damit für jedermann erkennbar wird, welches verächtliche Menschenbild sich in der vordergründig harmlosen Blechfigur verbirgt.


Heftiger Protest gegen rassistische Figuren im Spielzeugmuseum


Das Spielzeugmuseum ist besonders gefordert: Denn wir lieben Spielzeug, wir haben grundsätzlich eine positive, freundliche Einstellung zu Kuscheltieren, zu Puppen oder zu Blechspielzeug. Und trotzdem: Spielwaren können brutal und ausgrenzend sein, unterschwellig auch feindselige Gefühle auslösen - bei Kriegsspielzeug zum Beispiel.


Spielzeugmuseum: eine Schatztruhe der Sonderklasse


Im Zweiten Weltkrieg lag das Brettspiel "Bomben auf England" auf deutschen Wohnzimmertischen: Es thematisierte den Luftkrieg über der Insel. In England griff man dagegen zur britischen Variante "Bomb Berlin" oder "Target Tokio". Die Menschen wurden spielerisch für den Krieg und die Vernichtung der Feinde vereinnahmt. Eine grausame Spielidee.

Urplötzlich stößt ein Museum, in diesem Fall das Spielzeugmuseum, ein Nachdenken über Rassismus an und wird damit hochaktuell. Es kann damit einen spannenden Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten.

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