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Krieger des Lichts: Eine Elfe hat Leukämie

Junge Krebspatientin aus Nürnberg verarbeitet schmerzhafte Therapie in einem Fantasy-Roman - 09.03.2012 07:00 Uhr

Mehtap Öztürk liegt in ihrer elterlichen Wohnung in Nürnberg-Eibach auf dutzenden ihrer Bilder und liest in ihrem Buch "Der Elfenweg - Krieger des Lichts". Die heute Zwölfjährige verarbeitet in ihrem Roman die Erlebnisse ihrer Krebstherapie.

© David Ebener (dpa)


Der Weg führt durch die „Schlucht der Angst“, über Berge mit giftigen „Goiser“-Dämpfen und vorbei am „Strahlengraben“. Und selbst die „Drachenhöhle“ bleibt der kleinen Elfe auf ihrer gefährlichen Reise auf dem „Elfenweg“ nicht erspart. Was sich wie ein unterhaltsames Fantasy-Abenteuer liest, war für die heute zwölfjährige Mehtap Öztürk für mehr als zwei Jahre grausame Realität. Denn die Mythen und Metaphern ihres 225-seitigen Fantasy-Romans stehen für nichts anderes als die jahrelange quälende Krebstherapie der Nürnberger Gymnasiastin in einer Nürnberger Kinderklinik.

Inzwischen ist sie geheilt. Zusammen mit ihrer Mutter Regine Öztürk hat die Schülerin ihren Leidensweg als junge Blutkrebs-Patientin in einem Märchenbuch im „Herr-der-Ringe“-Stil verarbeitet. Illustriert mit zahlreichen handgemalten, teils bedrückenden Kinderbildern schildert die Zwölfjährige Angst und Verzweiflung, beschreibt ihre Hilfslosigkeit, ihre Furcht vor dem Tod, aber auch ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Ob das in Kleinauflage erschienene Buch jemals einen Verleger findet, ist den beiden Romanschreiberinnen unwichtig: „Das Buch zu schreiben, war für uns beide Therapie, vor allem das zählt für uns“, berichtet Mehtaps Mutter.

Diagnose kommt kurz vor ihrem zehnten Geburtstag

Die Nachricht von ihrer Leukämie-Erkrankung ereilte das Mädchen im Herbst 2009, einen Tag vor ihrem zehnten Geburtstag. Auf einmal war nichts mehr wie vorher. Einen monatelangen Krankenhausaufenthalt vor Augen begann sich Mehtap in ihrer Verzweiflung, an die Elfen-Geschichten zu erinnern, die ihr die Mutter früher immer in schwierigen Situationen erzählt hatte. „Das ist für uns die Flucht in eine Welt, in der wir uns auskennen“, erläutert Regine Öztürk.

Was lag also näher, als in dieser dramatischen Situation gemeinsame Ausflüge in die Welt von Elfen und Kobolden zu unternehmen – und damit den Chemotherapien und Bestrahlungen wenigstens einen Teil ihres Schreckens zu nehmen. „Ich saß an ihrem Krankenbett und meine Tochter hat mir immer von ihren Gefühlen erzählt und die Therapie beschrieben und mir berichtet, welche Fantasiebilder aus der Elfenwelt ihr dabei durch den Kopf gehen“, berichtet Regine Öztürk. „Nachts, wo ich eh' nicht schlafen konnte, habe ich das Ganze dann aufgeschrieben. Am nächsten Tag habe ich meiner Tochter die Aufzeichnungen vorgelegt und sie die Texte korrigieren lassen“, erzählt Mehtaps Mutter.

Während der Therapie entstanden so immer neue Kapitel des Leidenswegs ihrer Tochter – eine kindgemäße Parallelwelt zum Klinikalltag. Parallel dazu entstanden ausdrucksstarke Kinderzeichnungen – auch Freundinnen der jungen Patientin griffen zu Farbstiften. Die vier Chemotherapien erscheinen da als gewaltige bunte Gebirge, umweht von giftigen Dämpfen, der Weg dahin führt auf einer schmalen, beschädigten Hängebrücke über einen klaffenden schwarzen Abgrund.

Nur das Einhorn begleitet die Elfe

Der Oberarzt der Kinderklinik wird in der Geschichte zum „Alten Magier“, ein besonders sympathischer Arzt zum „Waldelfenfürst“ und die Hauslehrerin zur „Weisen Frau vom Graslandvolk“. Ihre Mutter bedenkt die junge Patientin mit der Rolle des „Einhorns“, das sie als einzige auf dem „Elfenweg“ begleitet.

Besonders bedrückend sind Mehtaps Schilderungen von ihren schmerzhaften Chemotherapien ganz zum Schluss des Behandlungsmarathons. In ihrem Fantasy-Roman werden sie zu Hütten voller Skorpione, denen die junge Patientin hilflos ausgeliefert ist. In ihrem Buch liest sich die Therapie so: „Sie sah den Skorpion auf ihrem Bauch krabbeln... Sie konnte sehen, wie er drohend seinen Dorn hob und blitzschnell in ihre Haut fahren ließ. Und da war es, das unglaubliche Brennen und Beißen, das sich unter der Haut setzte und sich auf dem Bauch ausbreitete. 'Au, Au!', wimmerte die Elfe leise, während ihr die Tränen herunterliefen.“

Klaus Tscharnke (dpa)

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