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Leihhäuser geschlossen: "Aus sozialer Sicht eine Katastrophe"

Pfandleiher sind für viele Menschen die letzte Rettung - 05.02.2021 05:55 Uhr

Pamela Pomerance mit einem Kunden in einem extra eingerichteten Abholbereich – außerhalb des Pfandleihhauses. Mit einem Termin unter Einhaltung der Corona-Bestimmungen löst dieser Mann sein Handy aus.

21.01.2021 © Eduard Weigert


Der 39-Jährige ist Stammkunde. Regelmäßig zum Monatsende, manchmal auch früher und öfter, sucht er das Kfz-Pfandleihhaus im Nürnberger Stadtteil Leyh auf und tauscht sein Handy gegen Bargeld ein. Manchmal sogar das Handy seiner Freundin, das der Kinder oder Modeschmuck. Dafür erhält der Nürnberger zwischen 30 und 50 Euro – innerhalb von 15 Minuten.

Er wohnt in der Nachbarschaft und arbeitet im Niedriglohnsektor. Sobald das nächste Gehalt auf seinem Konto ist, löst er alle Gegenstände plus Zinsen und Gebühren wieder aus. Zumindest für wenige Wochen.

"Was soll ich machen?"

Im Dezember war er mit seinem Handy noch am Tag vor der Ladenschließung im Zuge der Corona-Verschärfungen da. Aber das hat nicht gereicht. Gerade zum Jahresende, wo noch einmal viele Rechnungen eintrudeln, ist das Geld knapp. "Da bin ich halt Plasmaspenden gegangen, damit wir Essen kaufen konnten."

Teilhaberin Pamela Pomerance in der Lagerhalle des Kfz-Pfandleihauses.

21.01.2021 © Eduard Weigert, NNZ


Seit Ende Dezember suchen immer wieder Leute das geschlossene Kfz-Pfandleihhaus für Fahrzeuge und mehr an der Höfener Straße auf, berichtet Teilhaberin Pamela Pomerance. Sie spricht von einer fatalen Situation. Anrufe wie "Ich stehe bei Euch vor der Tür, ich habe nichts mehr. Was soll ich machen?" häufen sich. Die Verzweiflung der Betroffenen wächst.

"Wir befinden uns in der Nähe eines Obdachlosenwohnheims und einer Flüchtlingsunterkunft", sagt Pomerance. "Man sucht uns auf, weil man dringend schnelles Geld braucht." Es gehe um Leute, "die grundsätzlich nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen". Das, was derzeit geschehe, sei aus sozialer Sicht eine Katastrophe. Doch es geht nicht immer nur um die reine Existenz. Die Bandbreite ihrer Kundschaft ist groß.


Nürnberger Leihhaus als Retter in der Klemme


Kurzarbeit, anstehende Reparaturen, offene Rechnungen, coronabedingte Ladenschließungen: Es gibt viele Gründe, ins Leihhaus zu gehen. Dort bekommt man Bares ohne Schufa-Anfrage, ein Pfand und ein gültiger Ausweis genügen. Seit der Corona-Krise füllen Neuzugänge wie beliehenes Werkzeug von Handwerkern, Imbisswagen oder Profidisco-Anlagen von Schaustellern, Instrumente von Musikern oder Gebrauchtwagen von Autohändlern die große Lagerhalle.

Auktionen nur online

Im Stadtgebiet gibt es sieben Pfandhäuser, das älteste ist das zentral gelegene Leihhaus Nürnberg am Unschlittplatz. Das Unternehmen hat sich auf Schmuck, Uhren und Münzen spezialisiert. Nach der Komplettschließung im Dezember sind inzwischen die Verlängerung und das Einlösen von Pfandgegenständen mit Terminvergabe vor der Ladentür möglich, aber keine Beleihung und kein Ankauf. Auktionen dürfen nur online stattfinden.

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Rund 30 bis 50 Kundenanrufe erreichen das Leihhaus täglich. Geschäftsführer Wolfgang Jeske kritisiert die Informationspolitik und die aktuellen Bestimmungen: "Einzig in Bayern ist die Beleihung von Pfändern untersagt, eine klare und unverständliche Wettbewerbsverzerrung".

"Noch sind wir nicht in Kurzarbeit"

Sein Wunsch: "Ich hätte gerne Perspektiven, wie es ab Mitte Februar oder im März weitergeht, ob dann zumindest die Beleihung unter Auflagen wieder erlaubt ist." Das Geschäft stagniere, "es kommt ja nichts Neues rein". Er hat 16 Mitarbeiter, "noch sind wir nicht in Kurzarbeit".

Beim ersten Lockdown seien Pfandkreditbetriebe nicht von den Schließungen betroffen gewesen, sagt Pomerance. "Damals waren wir den Banken und Sparkassen gleichgestellt, um die Bargeldversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten", erklärt sie. Das sei auch sinnvoll, "da es viele Nürnberger gibt, die über kein Konto verfügen oder nicht kreditwürdig sind".

Doch beim zweiten Lockdown im Dezember mussten nun auch die Pfandleihhäuser zwangsweise schließen. "Andere Bundesländer haben nach Schilderung der Situation die Pfandleiher wieder aus dieser Negativliste herausgenommen", so Pomerance.

Jetzt auf der Schließungsliste

Eine Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums bringt auf Nachfrage wenig Licht ins Dunkel. Zur Öffnung während des ersten Lockdowns sagt sie: "Eine Quelle für die Behauptung, dass Pfandleihhäuser im Frühjahr teilweise öffnen durften, liegt uns nicht vor. Eine derartige rechtliche Einschätzung habe das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege als Verordnungsgeberin jedenfalls im Frühjahr 2020 nicht mitgeteilt."

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Zu den jetzigen Bestimmungen heißt es, "dass in Bayern nur Geschäfte öffnen dürfen, die unverzichtbar für den täglichen Bedarf sind. Hierzu zählen die Pfandleihhäuser nicht".

Robert Pollack vom Nürnberger Ordnungsamt stellt klar: "Im Frühjahr waren Pfandleiher weder in der Öffnungs- noch in der Schließungsliste aufgeführt, jetzt stehen sie aber auf der Schließungsliste."

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